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Sind Forderungen diesbezüglich schädlich oder nützlich?

Diversity in Büchern

In letzter Zeit wird mehr und mehr über Diversity in Büchern und bei den Autoren geredet. ‚Warum hat JK Rowling nicht bewusst Schwule und Lesben eingebaut?‘, liest man da bei Kommentaren unter Facebookbeiträgen großer Merch-Shops. Manche Fans kündigen der Harry Potter-Reihe daher sogar symbolisch die Freundschaft.

Szenenwechsel: Die großen Lese-Challenges, jeweils für ein Jahr. ‚Lies Buch eines Autors von einem anderen Kontinent‘, ‚Lies ein Buch eines afro-amerikanischen Autors‘,…

Gender und Diversity wird immer wichtiger. Ich bin eine Frau und schwerbehindert, natürlich finde ich mehr Sensibilität wichtig und zwingend notwendig. Aber das hier … Ich würde nicht sagen, dass mich diese Entwicklung unter Lesern besorgt. Nein. Jeder darf doch lesen, was er möchte. Ich bin nur irritiert. Aus verschiedenen Gründen.

 

Diversity bei den Charakteren?

Jeder möchte gern eine Identifikationsfigur haben. Auch ich. Ich fände es unglaublich toll, wenn der Held einer Geschichte mal nur ein Auge und Asthma hat, wie ich. Vielleicht gleich noch meine kleinen Zwangsneurosen? Asexuell, aber nicht aromantisch? Ich würde es LIEBEN. Aber ich verlange es nicht von Autoren. Denn ich bin auch auf der anderen Seite, ich schreibe auch. Nicht professionell, bis auf eine Kurzgeschichte nicht einmal veröffentlicht (wenn man vom Internet absieht). Ich erlebe, wie sich Charaktere anders entwickeln, als ich es geplant hatte. Und ich kann einem Charakter schon keine Geschichte aufzwingen, weil sie sich plötzlich falsch anfühlt. Wie soll ich ihm dann eine Ethnie oder eine Behinderung andichten, die sich nicht von selbst entwickelt oder natürlich anfühlt?

Daher würde ich niemals fordern, dass mehr Charaktere, die eine bestimmte Sexualität, Ethnie, Behinderung oder sonstige Besonderheit haben, in einem Buch vorkommen. Ich freue mich, wenn sie da sind, aber eine Geschichte lebt für mich nicht dadurch, wie verschieden die Charaktere in Merkmalen sind, die man sich nicht einmal aussuchen kann. Sie lebt durch verschiedene Persönlichkeiten. Alles andere sind Goodies, Special Features.

Ich suche jedenfalls nicht bewusst danach und habe, bis ich ein Buch durchgelesen habe, auch keine Ahnung, was darin vorkommt. Aber das soll keine Kritik an denen sein, die bewusst nach Besonderheiten suchen und die Bücher dann nur deshalb kaufen. Das ist Geschmackssache. Nur, Autoren zu kritisieren, wenn sie Bücher so schreiben, wie sie ihnen leicht von der Hand fließen? DAS werde ich nie begreifen.

 

Diversity unter Autoren

Das ist etwas, was ich sehr seltsam finde. Dass Menschen nun bewusst Bücher von Autoren anderer Ethnien suchen, um sie zu lesen. Dass es gefordert ist in Challenges. Bei den meisten Autoren in meinem Regal weiß ich nicht einmal, woher sie kommen. Wenn im Buch steht ‚Aus dem Französischen übersetzt von…‘ kann der Autor Franzose sein, aber auch aus Teilen Nordafrikas kommen. Und gab es nicht auch Inseln in der Karibik, wo man Französisch spricht? Soll ich nun einen Autor nur an seiner Herkunft bewerten? Erst stundenlang googeln, ob ich ein Buch finde, das von einem Menschen aus XYZ geschrieben wurde, egal, ob es nun mein Genre ist, oder nicht? Ich weiß bei vielen meiner Autoren nicht einmal, ob sie Männlein oder Weiblein sind. Marian Keyes ist vermutlich eine Frau, aber ich kannte auch einen Marian, ehemaliger Fußballspieler meines Lieblingsvereins und sein Sohn war beim gleichen Kinderarzt wie ich.

Ich frage mich, ob ich da zu …engstirnig bin. Sollte ich bewusst so handeln, wie es offenbar heute in internationalen Leserkreisen erwartet wird? Bücher nicht mehr nach der Inhaltsbeschreibung kaufen, sondern bewusst googeln, ob ich schon einen Autor und eine Autorin aus dem entsprechenden Land habe? Es ist ja nicht so, dass ich sie meide. Ich lese nur, was interessant klingt und da kann durchaus auch mal eine Nigerianerin darunter sein. Oder eben ein stinknormaler Amerikaner.

Aber gut, Herkunft kann man ja noch leicht herausfinden. Aber wieso gibt es auch Aufgaben, Bücher von einem homosexuellen Autor zu lesen? Schreiben Homosexuelle anders als Heterosexuelle? Und vor allem, machen das wirklich alle öffentlich, welche Sexualität sie haben?

Es wird oft kritisiert, wenn man wegen der Frauenquote eingestellt werden würde, wäre man nur die Quotenfrau. Dass einen das herabstufen würde. Ich finde das nicht, aber selbst wenn, würde das hier zum Ausgleich des Geschlechtermissverhältnisses in einem Job führen. Wohin führt es, wenn ich den Quotenschwulen in meinem Bücherregal habe? Er wurde schon verlegt. Er hat jetzt vielleicht ein paar Cent mehr, weil ich das Buch gekauft habe, vielleicht eine Rezension mehr, wenn ich darüber schreibe. Aber sonst?

Auch hier sage ich nicht ‚Lest keine Bücher von jemandem, der XYZ hat‘. Nein, ich frage nur, ob dieses bewusste Suchen nach Büchern von Autoren mit bestimmten Merkmalen denn wirklich sinnvoll ist. Wenn ich ihn nicht unter Zwang lese, sondern nur, weil sein Buch interessant klingt, ist das nicht besser für ihn und mich? Unser Leser-Autor-Verhältnis entsteht dann leichter, freier. Vielleicht mag ich das Buch dadurch sogar gleich mehr.

 

Mein Fazit

Mir ist es egal, aus welchem Land ein Autor oder Charakter kommt. Welches Geschlecht, welche Sexualität oder welche Behinderungen er hat. Ich möchte etwas nicht nur deshalb lesen. Aber ich möchte auch etwas nicht nur deshalb ablehnen. Ich finde es generell gut, Diversity zu unterstützen, aber unter Lesern geht mir das langsam fast etwas zu weit. Es artet in Zwang für beide Seiten aus. Autoren und Leser. Das ist für mich keine gute Entwicklung. Wenn jemand bewusst etwas über eine bestimmte Kultur lesen möchte, sehr gerne. Den Horizont zu erweitern ist immer gut. Aber bitte zwingt das doch niemandem auf, nicht in der Freizeit.

Und bitte zwingt Autoren nicht dazu, Charaktere nach euren Wünschen zu ändern. Mit etwas Pech kommt der Autor dann nicht mehr in sein Werk rein, weil es nicht mehr so fließen will, wie bisher. Weil es einfach nicht mehr der Charakter ist, den derjenige im Kopf hatte. Und dann hört die Reihe einfach mittendrin auf, wenn man sehr viel Pech hat.

Erfreut euch an der Vielfalt. Aber lehnt doch niemanden ab, nur weil er dagegen normal wirkt.

 

Oder bin ich vielleicht doch zu engstirnig? Wie sehr ihr das?

 

(Zuerst erschienen im Blog der Autorin des Beitrags.)

Kommentare

Annegret Harms kommentierte am 09. Februar 2017 um 09:16

Wenn jemand eine Geschichte lesen möchte, die ein von ihm gewünschtes Thema hat, sei es Thema Homosexualität, Auswanderung, Australien oder was auch immer, so kann er sich die Mühe machen, dieses Thema entsprechend zu suchen.

 

Es geht aber nicht an, daß man Autoren auffordert, Geschichten mit vorbestimmten Themen zu schreiben. Jeder sollte nach seinem Gusto schreiben. Wo bleibt denn sonst der Spaß am Schreiben?

Bei der großen Anzahl von Büchern, die es zu kaufen gibt, kann man sich sein Wunschbuch auch entsprechend aussuchen.

micluvsds kommentierte am 09. Februar 2017 um 10:28

Ein toller Artikel!

Mir ist das nicht nur bei Büchern, sondern auch bei Musik, Film und Tv aufgefallen, dass dort auch gefordert wird, bestimmte Merkmale, Ethnien etc einzubringen, wobei das teilweise doch den ganzen eigentlichen Charakter verfälschen würde.

Wer so etwas will, kann danach suchen. Es gibt ja genügend Auswahl. Wenn es nun nicht der Lieblingsautor ist, dann ist es eben persönliches Pech des Lesers.

Leseratz_8 kommentierte am 10. Februar 2017 um 11:15

Ich bin genauso "engstirnig" wie Du... es ist mir egal aus welchem Land ein Autor kommt und ob er schwul, behindert oder anderweitig beschränkt ist. Wenn die Geschichte gut ist, lese ich sie ;-)

Und für alle, die gern Krimis/Thriller lesen und auf der Suche nach Menschen mit Behinderungen sind - eine blinde Ermittlerin "Endgültig" von Andreas Pflüger, im Einsatz erblindet und super zu lesen.

Übrigens können diesem Post auch die Feministinnen bemängeln, denn ich weigere mich auch Autor/in zu schreiben...

Let em eat books kommentierte am 11. Februar 2017 um 10:52

Ich seh mich selbst sogar als Feministin an. Aber ich sehe Autor nicht als Bezeichnung eines Geschlechts, sondern eines Berufes. Wie sollen wir denn Gleichstellung erreichen, wenn wir immer wieder mit dem Finger auf jemanden deuten und sagen 'Du bist aber eine Frau, du darfst nicht Autor sein, du musst Autorin sein'? Ich bin Blogger, Student und nebenbei Frau. Aber ich lass mich nicht auf Letzteres reduzieren und mache es deshalb auch mit anderen nicht. :) 

(Nebenbei ärger ich mich gerade. Da habe ich tatsächlich mal eine Romanfigur mit Glasauge und er ist nicht nur der Böse, Glasaugen sind auch völlig falsch beschrieben. Dann lieber Charaktere ohne Behinderung.)

Naoki kommentierte am 13. Februar 2017 um 22:04

Ich verstehe, was du meinst. Man kennt ja den "Quoten-Schwarzen" aus amerikanischen Serien. Allerdings muss ich zugeben, dass ich es auch ziemlich schräg finde, wenn keine unterschiedlichen Ethnien, Sexualitäten und Körperlichkeiten in einem Buch vorkommen. Ich schaue mich in meinem Freundeskreis um und sehe religiöse Minderheiten, Menschen mit Behinderung und Menschen, die eindeutig nicht "Bio-deutsch" sind. Da irritiert es mich schon, wenn ich sooo viele Bücher lese, in denen nur weiße, körperlich gesunde, heterosexuelle Menschen auftauchen. Ich halte es einfach für unrealistisch.

Auch achte ich teilweise durchaus darauf, mal Bücher von AutorInnen zu lesen, die aus anderen Themenbereichen und Lebenswirklichkeiten schreiben. Für mich hat es auch etwas mit "über den Tellerrand schauen" zu tun. Auf meiner Wunschliste stehen zum Beispiel Deborah Feldmanns Unorthodox und Americanah von Adichie. Und ja, irgendwie hat es schon etwas damit zu tun, dass die Autorinnen aus Kulturen stammen, die mir relativ fremd sind und auch darüber schreiben.

Ich finde es albern, mit Challenges Diversity "abzugrasen", aber Sprache und Literatur beeinflusst das Denken, also befürworte ich den Versuch, die eigenen Lesegewohnheiten auch aus dieser Perspektive zu reflektieren.

Edit.: AutorInnen wie Rowling einen Mangel an Diversity vorzuwerfen ist für mich aber auch albern - schließlich kann jedeR schreiben, was er oder sie möchte.

chroniken der bücherwelt kommentierte am 08. März 2017 um 20:31

Ich bin auch deiner Meinung. Ich finde es grundsätzlich gut, dass man auch Minderheiten unterstützt, aber man sollte sich nicht verkrampft um Diversity bemühen.

Ich flippe ja auch nicht aus wenn in einem Buch kein Deutscher vorkommt ;)