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Von "Silbermond und Kupfermünze" zu "Fälschung"

Du meinst Koke? Bevor er den Namen Koke bekommen hat, war er tatsächlich mit Vincent in Arles, im gelben Haus. Es waren nur wenige Wochen. Dort geschah auch die Sache mit dem Ohr. Gauguin verabschiedete sich nach dieser Szene, das war Ende 1888. Wenige Monate später fiel die Entscheidung für Tahiti (Das Paradis ist anderswo).

Im Juni 1891 landete er in Papeete (Vincent war da schon fast ein Jahr Tod, sein Ohr etwas länger). Gauguins erste Süssee-Eindrücke vermittelte er uns über Noa Noa, nicht der Kunst wegen, sondern, weil er das Geld brauchte. Zwei Jahre später sah Gauguin jedoch schon wieder den noch neuen Eifelturm. Erneute Enttäuschung, der endgültige Verlust seiner Familie (Mette hatte einfach keine Kraft mit dem Vagabunden zu Leben, der als Börsenmakler ein gutes Einkommen hatte, aber als kommerzieller Künstler gescheitert war, obwohl Gaguin sogar in Dänemark leben wollte) ließen Gauguin erneut von der Südsee träumen.

Im September 1895 wurde er nachts allerdings in Papeete von der elektrischen Straßenbeleuchtung, die während seiner Abwesenheit Einzug gehalten hatte, derart geblendet, dass es ihn in die tropischen Wälder zog. Er legte sich mit der Obrigkeit an und brach erneut auf. Die Marquesas Inseln gehörten ebenfalls zu Frankreich, waren aber 1.550 km von Tahiti entfernt. Die Seepferdcheninsel (Hiva Oa) wurde sein neues zu Hause. Dort nannten sie ihn schließlich Koke, nicht die Missionare, sondern die Menschen, die er malte. Aber er malte nicht nur, sondern schrieb auch Briefe nach Frankreich (die Post ging neuerdings über San Francisco).

Und er schrieb an seinen Erinnerungen, getrieben von der Einsamkeit und dem Heimweh. Vorher und Nachher ist ein ungewöhnliches Buch geworden. Hier erwähnte er auch noch einmal Vincents Ohr. Und er schrieb über die beiden Zwillinge des franzöischen Offiziers Victor Jasoline und seiner Frau Yvette. Yvette war es dann auch, die ihn für Julies und Therese Portrait bezahlt hat und ihm mit seiner Kunst neuen Auftrieb gegeben hat. Er schickte das Bild mit dem Postboot (nicht mit der Kreuz des Südens, die war Monate zuvor untergegangen, und mit ihr eine Ladung der für Gauguin so wichtigen Briefe) nach Tahiti, weil die Familie Jasoline längst wieder dorthin zurückgekehrt war und ihrem eigenen Schicksal folgte.

Gauguin hingegen ging es immer schlechter und mit Schulden und einer Haftstarfe, die er nicht mehr antrat, verstarb er am 8. Mai 1903. 75 Jahre später bekam er auf dem Calvary Friedhof, auf den Hügeln über Atuona, prominente Gesellschaft, Jacques Brel war 1978 für immer verstummt (auch einer, der vielleicht nicht immer ein Lamm im Leben war). Berühmt wurde Gauguin erst lange nach seinem Tod. Sein Leben hat aber auch schon früh William Somerset Maugham​ fasziniert - Silbermond und Kupfermünze.

 

Die Familie Jasoline habe ich mir natürlich ausgedacht. Sie wird nicht in Vorher und Nacher erwähnt. Sie ist Teil einer fiktiven Geschichte, die so beginnt: 

Er saß hoch oben auf seiner Veranda und aß Brei aus einer Schüssel. Seine helle Hose war schmutzig und voller Flecken, sein Hemd hatte Schweißränder, sein Gesicht sah frisch aus, seine Haare waren noch nass. Er war erst vor wenigen Minuten von dem kleinen Teich gekommen. Er war geschwommen, vorsichtig. Es war eine Wohltat, auch gegen die Hitze des Tages.
Sie ging zu Fuß über den ausgetretenen Pfad, der von der Straße kam. Sie musste aufpassen, dass sie mit ihrem Kleid nicht im Gestrüpp hängenblieb. Sie trug das braune Kleid, in dem er sie schon am Strand gesehen hatte. Ihre dunkelblonden Haare waren hochgesteckt, von einer silbernen Spange gehalten. Einige Strähnen hatte sie nicht bändigen können, sie hingen ihr wirr vor der Stirn. Ihren Hut hatte sie abgenommen. Dennoch war ihr Gesicht blass, als wenn sie sich immer sorgfältig vor der Sonne schützte. Den Hut hielt sie in der rechten Hand und wedelte sich damit Luft zu.
Er beobachtete sie, wie sie auf jeden Schritt achtete. Sie hatten schon öfter miteinander gesprochen, natürlich am Strand und auch einmal in der Siedlung, vor der Polizeistation. Sie hatte sein Haus fast erreicht. Er stellte die Schüssel auf den Boden und erhob sich von seinem selbstgeschnitzten Hocker. Sie blieb stehen, blickte nach oben und lächelte. Dann sah sie sich um. Hinter Bäumen wurden weitere Häuser sichtbar, Schweine durchwühlten das Erdreich, Hühner scharrten in der Nähe. Es roch nach Erde und nach Vieh. Der Boden war feucht. Es war hier anders als in der Siedlung, die eigentlich keine Siedlung mehr war, sondern immer mehr zur Stadt wurde. Unter ihren Schuhen bildete sich eine kleine Pfütze. In der Nacht hatte es wieder stark geregnet.
»Bonjour, Madame. Wie geht es den Ihren?«, sagte er und bot ihr mit einer Handbewegung an, auf die Veranda zu kommen.
Sein Haus war auf ein langes, schmales Podest gesetzt, das gut zehn Fuß über dem Boden schwebte. Unter dem Podest gab es einen Verschlag, in dem ein Karren stand. Sie zögerte kurz, trat dann aber doch an die steile Treppe, die hinauf zur Veranda führte. Sie hatte keine Mühe mit den schlecht gearbeiteten Stufen. Oben angekommen blickte sie sich noch einmal um. Hinter der Veranda schloss sich eine Hütte an. Sie blickte nur kurz hinüber. Er lächelt verlegen, drehte sich um und ging vorsichtig ein paar Schritte, um einen zweiten Hocker zu holen, der in einer Ecke der Veranda stand. Er humpelte wieder etwas stärker als sonst. Sie sah auf seinen verletzten Fuß, der mit einem schmutzigen Stück Stoff verbunden war. Er bot ihr den Hocker an, aber sie schüttelte den Kopf.
»Wie lange haben Sie das schon? Ich kenne Sie gar nicht ohne diesen Verband.«
»Es ist eine Geschichte, die ich Ihnen nicht erzählen kann«, sagte er bedächtig. »Es hat sich in den Kreisen zugetragen, in denen Sie nicht verkehren, Madame. Entschuldigen Sie, wenn ich nicht darüber spreche.«
Sie nickte. »Warum lassen Sie Ihre Verletzung nicht im Hospital versorgen?«
»Danke für Ihr Mitgefühl. Ich bin schon öfter Gast bei den Herren und Damen der Kirche gewesen, doch momentan, wie soll ich es sagen, haben wir eine kleine Meinungsverschiedenheit, nichts Bedeutendes, das Übliche, wenn man mit einem Menschen wir mir zu tun hat.«
»Ich kenne nur die Geschichte mit Claverie, mit ihm haben Sie doch Schwierigkeiten, dachte ich.«
»Schwierigkeiten mit Claverie.« Er lachte. »Ich glaube es ist ein Spiel. Ich spiele mit Claverie und er spielt mit mir, obwohl ich sagen muss, dass es mir manches Mal wehtut, wo es ihn einfach nur zu ärgern scheint, den Herrn Polizeiunteroffizier.«
»Ich hörte aber, Sie setzen sich für die Menschen hier ein, obwohl ich es damit wohl beschönige. Sie wiegeln die Leute gegen die Obrigkeit auf. Die Kinder sollen nicht mehr in die Missionsschulen gehen und Claverie wird von Ihnen lächerlich gemacht, ist seine Reaktion da nicht verständlich?«
»Verständlich, wer versteht mich denn, oder die Menschen hier. Wir befinden uns nicht mehr im Mittelalter. Es muss keine Rasse mehr unterjocht oder bevormundet werden. Wenn dies hier einmal Frankreich ist, dann sind es französische Bürger, die hier vor ein Gericht gezerrt werden, wegen moralischer Nichtigkeiten. Natürlich kämpfe ich dagegen, aber Claverie, mit dem ist es noch wieder anders, denke ich. Er hält mich eben für unbequem und obszön, wie wohl die meisten, der so genannten zivilisierten Leute hier.«
»Obszön«, wiederholte sie. »So, meinen Sie. Das war mir noch gar nicht zu Ohren gekommen.«
»Es ist aber so, zumindest sagen das die Leute, die mich zu kennen glauben. Darum freue ich mich zwar, dass Sie mich besuchen, Madame, ich möchte Sie aber auch warnen, Ihres Rufes wegen.«
»Das ist mir egal«, lachte sie. »Es wird mir nicht mehr lange nachhängen, wenn überhaupt.« Sie machte eine kurze Pause. »Wir werden in ein paar Wochen nach Tahiti zurückkehren«, sagte sie dann mit fröhlicher Stimme.
»Oh, das ist schade, Madame, auch Ihres Mannes wegen. Ich habe mich immer gut mit ihm vertragen, wie überhaupt mit allen Militärangehörigen hier auf der Insel, Sie waren immer mehr auf meiner Seite, sie sind mir näher als die Gendarmen, als die Pfaffen, als all diese moralischen Leute.«
»Warum bleiben Sie dann hier«, sie sah wieder auf seinen bandagierten Fuß. »Auf Tahiti würden Sie auch besser versorgt als in diesem tropischen Klima.«
Er zögerte, wollte etwas sagen, schwieg dann aber doch.
»Noch besser würde Ihnen aber Frankreich bekommen«, erwiderte sie in das Schweigen.
Sie sahen sich sekundenlang an, dann setzte er sich langsam auf seinen Hocker. »Es ist schon mein achtes Jahr in diesem Teil der Welt. Nicht, dass mir die Zeit schwer wiegt, aber ich hatte bereits den Gedanken fortzugehen, nach Frankreich, wie Sie es vorschlagen.«
Sie sah noch einmal hinunter auf seinen Fuß und dann wieder in sein Gesicht. »Es wäre wirklich besser für Sie, ich meine Frankreich oder aber ein europäisches Klima.«
»Man hat mich beschworen, es nicht zu tun«, sagte er nachdenklich. »Man gab mir zu verstehen, es sei gut, dass ich von der Welt verschwunden bin und dass ich dadurch die Unantastbarkeit der großen Toten besäße. Man hat mich beschworen und es hat mich ermutigt, auszuharren.«
Sie sah ihn noch eindringlicher an. »Wer hat Ihnen diesen falschen Rat gegeben?«
»Es war mehr als ein Rat«, antwortete er euphorisch. »Sehen Sie mich an, ich gelte in Frankreich bereits als Vergessener, als Mythos, können Sie sich das vorstellen, ich ein Mythos. Fragen Sie die Leute aus dem Dorf, sie wissen nicht einmal, was das ist, ein Mythos, sie kennen nur ihre Götter und ein Gott bin ich wahrlich nicht. Ich bekäme auch noch weit mehr Ärger mit den Pfaffen, wenn ich die Schäflein überzeugte, ich wäre einer.«
»Wenn es so ist, wenn es Ihre Entscheidung ist, dann will ich Ihnen nicht auch noch einen Rat geben, wenn ich es nicht schon getan habe.«
»Danke Madame, ich danke Ihnen, ich danke Ihnen für Ihren Rat und Ihre Fürsorge, einem alten Wilden gegenüber.« Er zögerte. »Aber nun bin ich begierig zu erfahren, was Sie zu mir führt, was kann ich nun für Sie tun, Madame. Ich glaube nicht, dass Sie gekommen sind, um sich von mir zu verabschieden, auch wenn ich es sehr anständig von Ihnen fände.«
Sie nahm jetzt doch auf dem Hocker Platz, den er ihr angeboten hatte. »Ich habe meiner Cousine nach Paris geschrieben und nach Ihnen gefragt. In Paris kennt man Sie.«
Er blickte sie an, als wenn es ihm gleichgültig sei, sagte aber nichts darauf.
»Sie haben Eindruck hinterlassen«, berichtete sie weiter. »Aber davon konnten Sie dort wohl nicht leben. Ich hörte auch, dass Sie in Staatsdiensten hierhergekommen sind.«
Jetzt wurde er aufmerksam, er lächelte. »So, dann kennen Sie mich doch ganz gut. Das mit dem Staatsdienst war einer meiner Irrtümer und es ist schon so lange her. Außerdem war das auf meiner ersten Reise. Ich bin noch einmal wieder nach Paris zurückgekehrt, um endgültig einen Schlussstrich zu ziehen und auch weil ich von dem, was Ihre werte Cousine zu wissen glaubt, damals nicht viel gespürt habe. Es war eher ein Fiasko, das ich vergessen möchte, weil es einem Mann wie mir eigentlich nichts bedeuten sollte.« Er zögerte erneut. »Ich hoffe ich langweile Sie nicht mit meinen Lebensbeichten?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein«, sagte sie schnell. »Sie stammen doch auch aus Paris, das interessiert mich.«
»Da muss ich Sie enttäuschen Madame. Ich bin zwar in Paris geboren, aber ich bin kein Kind dieser Stadt. Meine ersten Windeln wurden zwar noch in Paris gewechselt, aber dann wurde ich mitgenommen, hinaus in die Welt, nach Südamerika, nach Peru.«
Sie sah ihn erstaunt an. »Dann waren Sie schon immer ein Reisender und es ist weniger die Pflicht, die Sie hierher geführt hat.«
»Nein, ich bin ganz sicher kein Reisender, nicht so wie Sie es meinen, eher ein Flüchtender. Paris und Europa haben mir schon vor langer Zeit ein Stechen verursacht und ich habe das Gefühl, es geht langsam wieder los. Ich bin deswegen sogar hierher geflüchtet, aber es ist wie ein böser Geist, wie ein Gespenst, es folgt mir, fürchte ich.«
Sie starrte ihn an, als wenn sie ihn nicht verstanden hätte. »Wir sollten lieber über den Grund meines Kommens sprechen«, sagte sie schließlich.
Erst jetzt sah er, dass sie etwas mitgebracht hatte. Ihre Tasche hatte er vorher schon gesehen, aber nicht was sich darin befand. Sie holte beides hervor und packte es nacheinander aus. Das eine lehnte sie an einen Pfosten der Veranda, das andere behielt sie in der Hand. Er blickte abwechselnd zu ihr und zu dem Verandapfosten, als sähe er die Bilder das erste Mal.
»Ich glaube, ich kann erraten, was Sie von mir wollen«, sagte er bedächtig. »Ich kann Ihnen aber nicht versprechen, es schnell fertigzubekommen. Ich brauche meine Zeit, jetzt mehr als früher.«
Sie schüttelte den Kopf. »Wir sind bestimmt noch einen Monat hier und dann können Sie es uns auch nachschicken, wenn Sie noch länger brauchen.«
*
In den letzten drei Wochen hatte sie ihn mehrmals besucht, immer im Abstand von ein paar Tagen. Heute saß er konzentriert an einem krummen Holztisch auf seiner Veranda und schrieb etwas. Ein Stapel Papiere lag auf dem Tisch, beschwert mit einem Stein, gegen den leichten Wind, der vom Meer her kam. Das Blatt, auf dem er etwas notierte, war eng beschrieben und kräuselte sich bereits.
Sie stieg wieder hinauf auf die Veranda. »Was schreiben Sie da?«, fragte sie neugierig.
Er hatte ihr Kommen diesmal nicht bemerkt, hob überrascht den Kopf und sah sie an. »Sie haben mir neuen Schwung gegeben, Madame«, sagte er zögerlich. »Von dem Geld, das ich schon von Ihnen bekommen habe, konnte ich neues Papier kaufen. Es war mir vor einem Monat ausgegangen.« Er überlegte und hielt dabei den Stift in die Höhe. »Ich hätte auch Feder und Tinte kaufen können, aber Graphit ist billiger und ich kann es auch für Ihren Auftrag verwenden.«
»Sie schreiben Briefe, vielleicht an Ihre Frau und die Kinder«, sagte sie und trat näher an den Tisch heran.
»Nein, bestimmt nicht, keine Briefe, keine solchen Briefe mehr, schon lange nicht mehr und ich habe kein schlechtes Gewissen, das ich es nicht tue. Was ich schreibe, wird alle Briefe ersetzen, denke ich. Aber vielleicht wird es auch niemanden interessieren und meine Kinder werden es verachten und nicht lesen. Ich glaube ich schreibe es für mich selbst.«
»Sie haben Kinder?«, fragte sie, dann stutzte sie. »Natürlich, das Mädchen, die junge Frau, ich hörte es. Sie ist niedergekommen.«
»Nein, nein, oder doch«, sagte er hastig. »Natürlich ist es auch eines meiner Kinder, die ich genauso liebe, wie die anderen, aber ich meine mehr meine erwachsenen Kinder, die mich nicht mehr kennen, die nicht mehr wissen, was aus ihrem Vater geworden ist, die es auch nicht wissen wollen.« Er stutzte erneut. »Es nicht mehr wissen können, weil sie…«
»Entschuldigen Sie, ich wollte nicht…«, sagte sie und stockte.
»Es ist schon gut. Ich hatte eine erwachsene Tochter, darum war der Schmerz auch so groß.«
»Der Schmerz, was ist passiert, hat sie sich von Ihnen losgesagt?«
»Losgesagt«, wiederholte er. »Es war eine Krankheit. Aus meiner Kindheit habe ich in Erinnerung, dass schon meine Großmutter an einer Krankheit gestorben ist, an Typhus. Sie hieß Flora, sie war eine unbequeme Frau, so wie ich ein unbequemer Irrer bin. Es liegt wohl in der Familie, auch das mit der Krankheit. Ich hatte nie Gelegenheit, mir darüber eine eigene Meinung zu bilden. Ich habe meine Großmutter nämlich nicht gekannt, sie mich allerdings auch nicht, sie starb Jahre vor meiner Geburt. Die Tragödien wiederholen sich.«
»Und Ihre Tochter starb ebenfalls an Typhus, oder wollen Sie nicht darüber sprechen?«
»Ich kann über alles sprechen«, sagte er laut. »Ich habe den Schmerz besiegt. Es war kein Typhus, jeder hat seine eigene Krankheit. Es war Tuberkulose, so hat man es mir zumindest geschrieben. Es war ein kurzer Brief aus Dänemark, kennen Sie Dänemark?«
Sie nickte. »Dänemark«, wiederholte sie.
Sie schwiegen einige Zeit, dann sah sie auf den Stapel Papier. »Soll das ein Tagebuch werden?«
»Das ist gut erraten«, antwortete er. »Ja, es könnte so etwas wie ein Tagebuch sein. Es sind Erinnerungen. Wissen Sie, ich habe Abenteuer erlebt, noch in jungen Jahren, ich bin zur See gefahren, ich war auch beim Militär. Ich habe dann ein bürgerliches Leben geführt, habe gelitten und gehofft, bis heute und auch heute immer noch. Es kommt jetzt aus meiner Feder, oder besser gesagt aus diesem Grafit. Ich schreibe auch über das hier, ich glaube, Sie kommen auch darin vor, aber keine Angst, ich nenne ihren Namen nicht.«
»Darf ich es lesen?«, fragte sie und beugte sich schon über den Tisch.
Er zog das Blatt schnell an sich. »Entschuldigen Sie Madame, es, ist nicht so gut und es ist noch nicht fertig und ich glaube, Sie kommen doch nicht darin vor.«
Er stand auf, nahm den Stein vom Papierstapel und schob das Blatt zu den anderen. Er wickelte eine Schnur um den Stapel und verschwand in seiner Hütte. Sie blieb zurück und sah ihm nach.
»Brauchen Sie noch Geld?«, fragte sie, als er schließlich wieder auf die Veranda zurückkehrte.
»Hundert Francs, bitte«, antwortete er sofort. »Oder besser hundertfünfzig?«
Sie überlegte. »Dann bekommen Sie am Ende aber nur noch fünfzig Francs von mir.«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich brauche noch vier Wochen. Wollen Sie wieder nachschauen, wie weit ich bin?«
»Natürlich«, antwortete sie. »Es ist aber kein Misstrauen.«
»Ich weiß, Madame. Ich weiß es mittlerweile«, sagte er mit ruhiger, überlegter Stimme. »Kommen Sie bitte mit.«
Er stieg von der Veranda, so gut er es mit seinem Fuß vermochte und ging voran. Er konnte heute etwas besser laufen als sonst, aber er humpelte immer noch. Sie folgte ihm.
»Es ist heute ein schöner trockener Tag«, sagte er und drehte sich dabei zu ihr um. »Ich habe das gute Wetter genutzt, kommen Sie es steht dort auf der Lichtung.«
Es waren gut hundert Meter bis zur Lichtung, auf deren rechter Seite sich weit hinten das Meer öffnete.
»Ich habe heute Morgen daran gearbeitet. Es macht mir immer mehr Freude. Wissen Sie Madame, ich bin im letzten Jahr hier her geflüchtet. Das letzte Jahr war schwierig für mich. Ich habe mich mit meinem Schaffen hier noch nicht zu Recht gefunden, auch fehlte mir das Geld. Mein Tatendrang ist zwar schon wieder erweckt, aber den richtigen Schwung haben nur Sie mir gegeben, mit Ihrem Auftrag. Ich bin jetzt viel euphorischer. Ich habe auch einige neue Vorschläge. Ich habe Sie ja vor meinen Ideen gewarnt, wenn ich erst einmal wieder in meinem Element bin.«
»Arbeiten Sie immer hier?«, fragte sie.
Sie sah sich um. Es war ein heller Platz. Er hatte sich neben das Gestell gehockt und verzog das Gesicht. Der Fuß schmerzte kurz, als er in die Knie ging. Er erhob sich schnell wieder.
»Und, was sagen Sie, entspricht es Ihren Vorstellungen? Hier am Rand, sehen Sie das.« Er zeigte auf mehrere Stellen.
Sie trat näher heran. »Schön, es ist in Ordnung, Sie können es so lassen«, bestätigte sie.
Er spürte, dass sie von dem, was er ihr zeigte, nicht sehr beeindruckt war. Sie interessierte sich nur für eines. Sie ging einige Schritte zurück und betrachtete sich das Werk. Sie flüsterte etwas, das er zwar nicht verstand, aber an ihren Lippenbewegungen erraten konnte.
»Vier Wochen sagten Sie?«
»Höchstens, Madame, Sie sehen ja selbst«, sagte er zufrieden.
»In zwei Wochen fahren wir zurück. Sie werden es mir also bestimmt nachschicken müssen.«
Sie zog einen Zettel aus ihrer Handtasche und suchte auch nach dem Geld darin. Sie gab ihm den Zettel und ein paar Franc-Scheine in die Hand.
Er sah sich die Adresse an. »Ich werde es fertigmachen, Madame, in drei oder vier Wochen.«
»Ich gebe Ihnen jetzt alles Geld, das wir vereinbart haben und noch ein wenig mehr, wenn Sie es noch verpacken.«
Er nickte und sah auf die Franc-Scheine und auf den Zettel.
*
Als sie die Insel verließen, hatte er am Rande der Bucht auf einem Stein gesessen und das Auslaufen des Schiffes beobachtet. Madame hatte ihn erkannt und einmal kurz zu ihm hinüber gesehen. An diesem Tag blieb er noch eine gute Stunde auf seinem Stein sitzen, bevor er durch die Siedlung schritt. Er vermied es, an der Kapelle vorbei zu gehen. In dem kleinen Laden war er seit einigen Wochen wieder ein gern gesehener Gast. Er kaufte fünf Graphitstifte und zwei Dutzend Blatt Papier. Das Schreibpapier hatte er mittlerweile aufgebraucht. Sie hatte ihm extra Geld für den Versand da gelassen. Es reichte für eine sorgfältige Verpackung. Er gönnte sich einen Besuch in der Taverne. Es war später Nachmittag, nicht zu früh für ein Glas.
Am nächsten Tag ging er nicht zur Taverne. Er saß am Nachmittag auf seinem Stein in der Bucht und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Er hatte festgestellt, dass es ihn inspirierte. In der Nähe des Anlegers spielten einige Kinder. Er dachte sofort an die beiden kleinen Mädchen. Er überlegte, welcher Tag war, welches Datum, aber es war nicht wichtig. Er sah mit geschlossenen Augen in die Sonne, die Wärme war herrlich. Er vergaß seine letzten Gedanken, er hatte neue Projekte. Er konnte wieder malen. Er malte den Strand mit Reitern, er malte die Menschen hier und er malte mystische Dinge voller symbolhafter Kraft. All das gab ihm neuen Schwung und dieser Schwung würde sich gegen etwas Verhasstes richten, etwas, das hier nicht hingehörte, hier in dieses Paradies, das schon keines mehr war. Er wollte sich auf die Seite der Unterdrückten, der Bevormundeten schlagen, wie er es schon des Öfteren getan hatte, immer zum Unwillen der Obrigkeit. In diesem Moment sah er aufs Meer hinaus. Er war nicht der Erste, der die Rauchsäule am Horizont entdeckt hatte. Die Post, dachte er, endlich.