Rezension

Absolut gelungen

Der Goldene Handschuh
von Heinz Strunk

Bewertet mit 5 Sternen

Eine Milieustudie? Ein Krimi mit realem Hintergrund? Die Biografie eines Mörders? Ein Roman mit Ekelpotential a la Feuchtgebiete, nur besser geschrieben? Was genau ist Der goldene Handschuh eigentlich? Ich kann es euch sagen: Es ist ein tolles Buch.

Heinz Strunk beschreibt einfach großartig. Sein Erzählstil ist nüchtern, fast schon abgebrüht. Egal was passiert, nichts wird beschönigt, nichts ausgelassen, kein Mitleid gezeigt. Dadurch, dass er Honkas schlimme Vergangenheit und seine schrecklichen Taten im gleichen Ton beschreibt fühlt man mit ihm und findet ihn gleichzeitig abstoßend. Dass Strunks Sprache auch sehr bildlich ist, erhöht den Ekelfaktor nicht unerheblich. Aber es passt einfach alles so gut zusammen. Von Anfang an ist man mit drin in Milieu. Aber was heißt schon Milieu? Durch zwei Nebenhandlungen zeigt Strunk, dass auch Menschen mit mehr Lebensglück, Geld und Intelligenz in genau die gleiche Umgebung geraten können wie Honka – in den goldenen Handschuh. Am besten am Roman haben mir gerade die Passagen im Handschuh selbst gefallen. Strunks Beschreibungen der Leute dort ist großartig und auf eine voyeuristische Art total interessant. Die Säberalmas, die Schimmligen, die Luden und die Säufer. Die internen Hierarchien und ungeschriebenen Regeln. Dabei beweist er erstaunlich viel Humor. Auch wenn ich hin und wieder nicht wusste, ob ich lachen oder mich ekeln soll. Aber ich habe mich erstaunlich schnell „eingewöhnt“. Über den goldenen Handschuh hätte ich noch ewig weiterlesen können.

Ein weiterer Pluspunkt des Romans ist, dass der Fokus nicht auf den Morden selbst liegt. Man weiß ja eigentlich von Anfang an auf was alles hinausläuft, aber dass Strunk sich dann viel mit Honkas Gedankenwelt, seinem Leben und seinen Gefühlen beschäftigt gibt dem ganzen eine unerwartete Richtung.

Ansonsten war die Länge des Romans annähernd perfekt. Nichts wurde überstrapaziert, es kam keine Langeweile auf und es kam nichts zu kurz. Über das Klientel im Handschuh hätte ich wie gesagt durchaus noch mehr lesen können, aber es passte auch so sehr gut. Das Einzige, was für meinen Geschmack zu umfangreich ausfiel, waren die Schilderungen über Hamburg und den Hamburger Hafen.

Ich musste mich beim lesen hin und wieder daran erinnern, dass das hier KEINE reine Fiktion ist. Sondern so oder so ähnlich wirklich passiert ist. Das wollte bis zuletzt nicht so ganz in meinen Kopf und hat mich wohl am meisten beschäftigt.

Da ich das schon von verschiedenen Rezensenten gehört habe: Ich wollte das Buch an keiner Stelle weglegen und ich musste mich auch nicht zwingen weiterzulesen. Ja, man braucht etwas mehr Ekeltoleranz als bei anderen Romanen, aber es lohnt sich! Sprachlich und von der Umsetzung ist Der goldene Handschuh einfach ein großartiger und absolut lesenswerter Roman. Dazu noch das absolut gelungene Cover. Eine klasse Leistung!

Kommentare

naibenak kommentierte am 27. Juni 2016 um 09:34

Tolle Rezi, Minzi :) Nun hast du es geschafft, dass ich mir dieses Buch auch näher ansehen muss. Denn -ehrlich gesagt - aufgrund des Covers habe ich es bislang überhaupt nicht weiter beachtet. Das mag ich nämlich nicht ;) Aber was du beschreibst, klingt richtig großartig! Danke für's Augen öffnen *haha* <3

wandagreen kommentierte am 27. Juni 2016 um 10:46

Stimmt. Richtig schöne Rezi,die genau erklärt, was du an dem Buch mochtest. Die Milieustudie würde mich auch interessieren, aber meine Ekelfaktortoleranz geht  gegen Null.