Rezension

Amerikanische Geschichte und ein von seinem Schicksal getriebener Killer

Killer City - Wolfgang Hohlbein

Killer City
von Wolfgang Hohlbein

Bewertet mit 4 Sternen

„Sie wussten es noch nicht, aber der Tod war in ihre Stadt gekommen.“ (Zitat Seite 26)

Als Thornhill, damals noch Boy, in der Schlacht von Gettysburg für die Konföderierten kämpfend, verwundet wird, ist er erst zwölf Jahre alt. Ein sterbenden Indianer gibt das Geschenk des Großen Geistes, das er vor langer Zeit von einem Wendigo erhalten hatte, an ihn weiter. Wenn Thornhill einen Menschen tötet, geht dessen nicht gelebte Lebenszeit auf ihn über und seine eigene Lebenszeit wird dadurch verlängert. Viele Jahre später lockt die Weltausstellung auch Thornhill nach Chicago, wo er erwartet, in der Menschenmenge nicht aufzufallen. Doch die Ereignisse zwingen ihn zum spontanen Handeln – war es ein Fehler, nach Chicago zu kommen? …

Der Roman spielt in Chicago zur Zeit der Weltausstellung 1893, doch wird die Handlung von Rückblenden unterbrochen, die den Leser Kapitel für Kapitel durch das Leben des Hauptprotagonisten führen, von der Schlacht bei Gettysburg, über Little Bighorn und durch die Goldgräberzeit. Dadurch erhält der Thriller mehrere spannende Handlungsstränge, die sich im dichten, intensiven Finale in Chicago verbinden.

Die brodelnde Stadt Chicago in jener Zeit wird sehr realistisch beschrieben, wie auch die historischen Ereignisse, um die der Autor seine Geschichte entwickelt, sehr genau recherchiert sind. Thornhill sucht nicht den Reichtum, daher führt sein Weg den Leser in das Leben der einfachen Menschen und auch in Chicago ist sein Ziel das Hotel von Dr. Holmes in Englewood, dem Stadtteil mit dem schlechtesten Ruf.  

Der Hauptprotagonist Thornhill ist gezeichnet durch seine kurze Kindheit in Amerikas Südstaaten und daraus erklärt sich auch seine deutliche Abneigung gegen alle Menschen anderer Hautfarbe, auch wenn er im Laufe seine Abenteuer gerade von diesen Menschen Hilfe und Mitgefühl erfährt. Er selbst ist ein Getriebener, nicht immer ist er es, der die Ereignisse bestimmt, sondern oft muss er einfach reagieren. Kurz nach Gettysburg wird er Zeuge eines Verbrechens und er schwört Rache an allen Beteiligten, die er über die Jahre hin aufspürt. Diese Rache treibt ihn an und er kann das Versprechen, das er dem sterbenden Indianer geben musste, nur Menschen zu töten, die eine Schuld auf sich geladen haben, nicht immer einhalten. Keinesfalls ist Thornhill der typische Killer mit Freude am Töten, auch wenn, sobald er sein Rasiermesser zieht, das Dunkle in ihm die Oberhand gewinnt und er völlig unbeteiligt bleibt. In Chicago kommt es zum Show-down.

Durch die personale Erzählperspektive wird Thornhill als Charakter keinen Leser unbeteiligt lassen.  Natürlich ist er nicht der „Gute“, aber auch nicht wirklich der „Böse“. Hier hat der Autor einen Protagonisten mit vielen unterschiedlichen Facetten geschaffen und ich hatte als Leser von ihm keineswegs denselben negativen Eindruck oder Schauer, wie man ihn als Leser gegenüber Killern in einem Thriller empfindet. Teilweise hat man sogar Mitleid mit ihm, obwohl er unbestritten ein Mörder ist.

Killer City ist ein dunkler, teilweise mystischer Roman. Die historischen Tatsachen sind eingebunden und nicht verfälscht, dann werden die Erlebnisse des Hauptprotagonisten eingefügt, sodass sich ein stimmiger Handlungsbogen ergibt. Allerdings blieben für mich einige Fragen unbeantwortet, es fehlte „das gewisse Etwas“ im Gesamtbild. Hier überlässt der Autor mögliche Deutungen der Phantasie der Leser.