Rezension

Der Deutsche Buchpreis ist verdient! :-)

Widerfahrnis
von Bodo Kirchhoff

Bewertet mit 5 Sternen

Julius Reither, einst Inhaber des Reither-Verlages, hat sich in die Berge zurückgezogen und lebt nun in einem kleinen Ort am Alpenrand. Eines Abends klingelt bei ihm Leonie Palm, eine ehemalige Hutgeschäft-Besitzerin. Es dauert nicht lange und die beiden einander fast Unbekannten befinden sich mitten auf einer Reise mit dem Auto in den Süden. Reither, der viel grübelt – das Pro und Contra abwiegt, bevor er entscheiden kann und Leonie Palm, die sehr erfrischend lebensfroh und spontan agiert. Eine interessante Verbindung, die an Vertrautheit zunimmt, je länger die beiden unterwegs sind. Und dann taucht dieses Mädchen auf…

„Wir können das nicht so auf uns zukommen lassen. 
           Doch, Reither. Ich kann es.“ (S.170
)

„Widerfahrnis“ ist eine Novelle, die es mir anfangs etwas schwer gemacht hat, denn der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig. Doch schon nach sehr kurzer Zeit habe ich mich daran gewöhnt, bin gefangen und lasse mich mitreißen von diesen Sätzen, die so manches Mal kein Ende nehmen wollen. Reither ist einerseits der Erzähler, es wird aber stellenweise auch über ihn berichtet.  Darüber, was er denkt, wie er zögert, was ihn dazu verleitet, am Ende dann doch alles auf sich zukommen zu lassen. Dieses „Widerfahrnis“ zieht sich durch die gesamte Geschichte. Es ergeht allen Beteiligten gleichermaßen. Man hat zu (fast) keinem Moment das Gefühl, hier wäre etwas geplant. Nein, das Leben widerfährt ihnen.

„Kein Erzähler hat gleich seinen Fuß in einer Geschichte, erst nach und nach; wenn aber alles erzählt ist und man noch einmal von vorn anfängt, kann man freilich so tun, als hätte man gleich den Fuß darin gehabt, schon beim ersten Satz, nur ist es ein Mogeln und verwischt das Werden, das sich aus Zufällen am Wegrand des Erzählens ergibt, ganz nach dem Vorbild des Lebens.“ (S.169)

Wie Kirchhoff diese beiden Menschen beschreibt, wie sie –jeder für sich- traurige Erlebnisse aus der Vergangenheit zu verarbeiten haben, sich gegenseitig Halt geben und nahe kommen, aber auch, wie sie mit dem fremden Mädchen umgehen, ist schlicht, sprachlich und stilistisch aber ganz groß. Kein Wort zu viel – im Gegenteil. Aber jedes Wort ist bedeutsam. Und so habe ich mir für die Lektüre dieser Novelle nur Momente auserkoren, in denen ich innerlich und äußerlich von Ruhe umgeben bin, um jedes dieser Worte zu genießen. Am Ende hält Kirchhoff sogar eine kleine Überraschung bereit.

Fazit: Diese besondere Novelle von Bodo Kirchhoff ist thematisch sehr aktuell und berührend. Als eine perfekte Komposition aus Sprache und Stilistik hat sie mich mitgerissen, aber genauso viel innehalten und reflektieren lassen. Vor allem aber habe ich diese Geschichte genossen. Der Deutsche Buchpreis ist absolut verdient!

Kommentare

wandagreen kommentierte am 25. Oktober 2016 um 19:57

Eine sehr schöne Rezension, Bi! Der aktuelle Bezug wird dem Bodo jedoch gerade vorgeworfen, es hieß, er schwimme mit der Welle. In Wahrheit habe ich viele Bücher gelesen, die "auf der Welle" schwimmen, aber Widerfahrnis tut es nicht. Doch kann man der Thematik gar nirgendwo entkommen, und es wäre unglaubwürdig gewesen, wenn sie von den beiden Protagonisten nicht in irgendeiner Art wahrgenommen worden wäre.

Steve Kaminski kommentierte am 25. Oktober 2016 um 23:35

Ja, ich finde auch: eine sehr gute Rezension! - Die Geschichte mit dem Mädchen (der aktuelle Bezug) passt m.E. sehr gut und ist auch nicht aufgesetzt.

naibenak kommentierte am 26. Oktober 2016 um 18:33

Oh vielen Dank Euch beiden :-)
Ich finde den aktuellen Bezug auch sehr passend und habe mich in keinem Moment unwohl damit gefühlt...

kingofmusic kommentierte am 08. November 2016 um 10:47

*niederknie* Du machst mir so langsam Konkurrenz mit deinen tollen Rezis *lol*

naibenak kommentierte am 08. November 2016 um 10:52

Hahaha... nu übertreib mal nicht *rotwerd* ;-) Naja, ich bemüh mich halt :D Danke!!!

Federfee kommentierte am 10. Dezember 2016 um 10:36

Genau, die kleine Überraschung am Ende. Die erfordert eigentlich, das ganze Buch noch einmal zu lesen, denn das wirft ein anderes Licht auf so manches. Vielleicht wollte Kirchhoff das auch erreichen? Dass er lange Sätze schreibt, habe ich kaum bemerkt. Es war leicht und locker zu lesen.

naibenak kommentierte am 10. Dezember 2016 um 10:40

Vielleicht ist es deshalb recht kurz gehalten- so ist einem ja doch noch alles gut im Gedächtnis...oder man liest es fix nochmal ;-)))

Die langen Sätze ließen mich nur zu Beginn stocken...dann hatte ich mich eingelesen :-)

marsupij kommentierte am 14. Januar 2017 um 19:07

tolle Rezi. Das Ende war genial.