Rezension

Eine eigene Welt!

Hool
von Philipp Winkler

Bewertet mit 4 Sternen

Manche Longlistbücher/Shortlistbücher des Deutschen Buchpreises 2016 lesen sich erstaunlich vergnüglich. Hool liest sich sogar leicht. Ist aber eigen. Eine Analyse ist es nicht, es ist kein Sachbuch. Das eine oder andere Detail mag übertrieben sein, dennoch, Philipp Winkler hat sich an diese eigene Welt, die Hooliganwelt, herangetraut. Dafür ist sein Buch zurecht in aller Munde. Ob er mit seiner Sicht nun den Nerv trifft oder nicht, spielt keine große Rolle.

Heiko Kolbe ist ein Hannoveraner Hooligan. Punkt. Damit ist eigentlich alles gesagt. Er ist einer von der Sorte, die keiner mag, die bloß Probleme macht und die keiner versteht. Was hat man vom Fußballmatch, wenn Sieg oder Niederlage eigentlich keine Rolle spielen und man sich sowie so hinterher mit den Fans der gegnerischen Mannschaft kloppt, sich gegenseitig auf die Fresse haut, sich möglichst krankenhausreif schlägt und wenn diese Schlacht das eigentliche Match ist? Der Fußball wird dadurch degradiert.

Was man davon hat, ja, das weiß man nach der Lektüre von Philipp Winklers Roman „Hool“ leider auch nicht. Das Phänomen an sich wird von dem Roman „Hool“ nicht analysiert. Dafür lernt man die Hooligenwelt von innen kennen.

Erzähler ist Heiko selber, deshalb ist es auch seine Sprache, die der Autor entwickelt und in der er schreibt, dem Hannoveraner Slang, und ihm bleibt er bis treu bis zum Ende. Das ist neu, das ist umwerfend, das ist faszinierend, manchmal abstoßend, aber immer nachvollziehbar. Den Hooligan Heiko lernt der Leser sehr gut kennen. Den Heiko, der eigentlich wortkarg ist, aber dem Leser sein reiches Innenleben preis gibt. In der ihm unbeholfenen, eigenen Art.

Und da erfäht man dann, ganz so schlecht ist er gar nicht, der Heiko. Und seine Kumpels auch nicht. Empathie kennen sie zwar nur vom Hörensagen. Und alles hat eine Ursache, alles hat einen Grund: Grund und Ursache wickelt Winkler immer wieder mal zwischendurch ein Stück weiter von der Spule. Lesen tut sich das wie Butter. Keine Zeile ist langweilig. Für ein Longlistbuch des Deutschen Buchpreises ist „Hool“ erstaunlich unanstrengend.

So nimmt der Leser also als Heiko die Hooligenwelt, eine Welt, in der Brutalität einerseits, und Kameradschaft und Loyalität andererseits und ein autoritäres Hierarchiedenken sowie so vorherrschen, wahr, in der ein Mann noch ein Mann ist und kein Gemüse ißt. Dabei wartet der Autor mit kreativen Details auf, dass es eine Freude ist. Seine Figuren sind allesamt lebendig, manche skizziert er nur anhand einiger Eigenheiten, und sie leben doch, das ist wie bei Skizzen von Picasso.

Also, Hool ist einzigartig. Und dennoch, den fünften Stern konnte ich mir nicht abringen, selbst bei dem Gedanken nicht, dass Hool große Chancen hat, den Deutschen Buchpreis 2016 zu gewinnen, wegen Thematik und seiner Umsetzung, selbst als Debütroman.

Weil ich nämlich immer noch nicht weiß, warum. Eine schwere Kindheit hatten wir die nicht alle, sagte einmal eine Bekannte. Jaaa. Sind wir alle Hooligans? Neeein.

Es gibt keine Erklärungen, keine Analysen. Jedoch eine Verharmlosung des Phänomens. Denn den Heiko gewinnt man ja lieb. Darin liegt die Verharmlosung. Er ist ja auch nur ein Mensch. Für die immanente Verharmlosung gibt es natürlich die Rechtfertigung der Ich-Erzählung. Das ist raffiniert von Winkler. So bleibt die Stimme des Autors leise. Fast unhörbar. Keine Stellungnahme, nur Darstellung.

Phillip Winkler zeichnet einen bezaubernden Schluss. Der mich flasht. Beinahe ein wenig sentimental. Und dann doch nicht. Und um ein Haar hätte ich deswegen doch den fünften Stern gezückt.

Fazit: Ein umwerfendes Buch, das man gelesen haben sollte. Das eine eigene Welt abbildet. Und das unbedingt auf die Shortlist 2016 gehörte. Vielleicht sogar aufs Siegerpodest (Stand 10.10.2016). Doch mein fünfter Stern bleibt in der Tasche.

Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
Aufbauverlag, 2016

Kommentare

naibenak kommentierte am 10. Oktober 2016 um 10:21

Klasse wiedermal!!! Danke, Wanda :-)

Steve Kaminski kommentierte am 18. Oktober 2016 um 21:25

Eine gute, vielsagende Rezension - vielleicht les ich's ja doch noch.