Rezension

Es war einmal und ist nicht mehr! Süß ist out.

Wenn es Frühling wird in Wien
von Petra Hartlieb

Bewertet mit 2 Sternen

Ich mag Omas, so ist es ja nicht.

Petra Hartlieb hält ihr Romänchen für einen historischen Roman. Und ja, es hat historische Anklänge, denn seine Story spielt im Frühling des Jahres 1912 in Wien. Den zweiten Stern vergebe ich für das Nachwort.

Für den historischen Bezug muss beinahe allein der Untergang der Titanic herhalten, der im April die Welt erschütterte. Natürlich ist eine unserer Protagonistinnen auf dem Schiff und natürlich entkommt sie wunderbarerweise dem Tod.

Im Frühling ist tatsächlich noch nicht allzuviel zu verspüren von dem drohenden Unheil, das schon im Herbst diesen Jahres durch den Ausbruch des Balkankriegs sichtbare Gestalt annimmt. Doch das Konfliktpotential und das Brodeln politischer Unruhen muss schon in der Luft gelegen haben. Die Sozialdemokratie war dabei, sich zu erfinden und erste Erfolge zu erzielen. Kein Wort davon im Büchlein, kein Wort auch von der Krise der Monarchie, von Kaiser Franz Joseph, der sich krampfhaft an seinen Thron klammert.

Für die literarische und historische Legitimation steckt die Autorin „unsere Marie“, kurzerhand in den Haushalt von Arthur Schnitzler. Marie betreut Lilli und Heini. Sie verliebt sich in Oskar, einen braven Burschen, der vom Buchhändler Friedrich Stocker quasi adoptiert wurde und ihn später zu seinem Teilhaber erhebt. Ewige Dankbarkeit Oskars! Was Stocker nicht daran gehindert hat, ihn sieben Jahre im Waisenhaus schmoren zu lassen, bevor er so weit ist, ihm als Lehrling zu dienen.

Vom Schnitzlerschen Haushalt bekommt man nicht viel mit, nur die allernötigsten Randdaten. Nicht ein Wort wird über die jüdische Herkunft des Literaten verloren, über die Lage der Juden allgemein in Europa oder Wien. Einige seiner Stücke werden benannt.

Maries Geschichte und der Stil der Autorin sind süß. Beides erinnert an Kindheit, an Försters Pucki, das Nesthäkchen, den Trotzkopf und das Heidi. Stil und Story sind so süß wie sie nicht mehr zeitgemäss sind! Beides kann bestenfalls als Nostalgie für ältere Damen überleben, die wohl das Zielpublikum sind. Insofern kann man darüber ein wenig schmunzeln, das „Werk“ aber literarisch nicht goutieren, denn die Zeit schrappt über diesen Stil hinweg.

Fazit: Es war einmal und ist nicht mehr! Und süß ist sowas von out. Wer dieses Büchlein mag, outet sich automatisch als Oma.

Kateogie: L(s)eichte Muse
Verlag, Dumont, 2018

Kommentare

naibenak kommentierte am 28. Februar 2018 um 12:24

Hihi... ehrlich gesagt, habe ich mich über deine Bewerbung eh gewundert, Wanda ;-) Ich habe etwas leichtes erwartet, nicht mehr und nicht weniger. Aber ab und an mag ich die leichte Unterhaltung, besonders, wenn es so "süß" ist *lach*... bin zwar noch nicht weit, aber kenne ja den Vorgänger^^

naibenak kommentierte am 28. Februar 2018 um 12:32

Aber ich verstehe nicht recht, warum deiner Meinung nach nur Omas diese Dinge süß finden *grübel*... Was hat das miteinander zu tun. Klär mich auf!!!! :D :D :D

wandagreen kommentierte am 28. Februar 2018 um 12:35

Wegen der Erinnerung an ihre Jugendbücher ... hast du entspr Material später gelesen, gehörst du halt dazu.

La Calavera Catrina kommentierte am 28. Februar 2018 um 17:12

Dann bin ich auch eine Oma! ;D Schöne Rezension und bei deinem Wissen über historische Begebenheiten, hätte meine Rezension vielleicht auch so ausgesehen.

lesesafari kommentierte am 28. Februar 2018 um 17:39

Herr Schnitzler haderte doch mit seiner jüdischen Hetkunft. Die war ihm schnurz!
Und für den Kaiser und den Krieg hat sich ja schon in den Originalwerken der Wiener Moderne gescherrt.
Beides hätte das Büchlein hier allerdings originell gemacht.

wandagreen kommentierte am 28. Februar 2018 um 19:02

Auf dieses Hadern hat die Politik leider niemals Rücksicht genommen! Na, jedenfalls hätte man was darüber sagen müssen. Ein Absatz hätte genügt. Man kanns aber nicht einfach auslassen. Na und der Rest ... steht ja da.

Cassandra kommentierte am 28. Februar 2018 um 19:08

Endlich mal eine Rezi ohne die rosarote Brille. Zum Glück bin ich von der Oma noch weit entfernt.

Petzi_Maus kommentierte am 05. März 2018 um 15:46

Hach, Wanda, deine Rezi ist göttlich, ich habe mich wunderbar amüsiert.

Und was sagt uns das wieder: "normale Romane" sind eindeutig nichts für dich! ;)

lesesafari kommentierte am 05. März 2018 um 16:47

und deshalb machen wir jetzt ne schnitzler-leserunde ;).

Petzi_Maus kommentierte am 05. März 2018 um 17:06

Teilnehmer: Wanda.  ;)

wandagreen kommentierte am 05. März 2018 um 17:11

@Lesa: Ich hab Schnitzer gelesen, damals ... als ich noch die Weltliteratur kennenlernen wollte (und es auch tat). Er ist "schlimm", aber nicht so schlimm wie Kayserling. Noch mal, würde ich das nicht aushalten. Ich sags nicht gern, aber fast das einzige, was man von den grossen, uralten Männern der Weltliteratur heute noch mit einigem Vergnügen lesen kann, sind die Manns, egal welche, Thomas, Golo, Heinrich, Erika.

lesesafari kommentierte am 05. März 2018 um 18:52

ich auch und nun ist es schon wenige jahre her. aber alles hab ich trotzdem nicht geschafft. :D so dolle ist er nicht, aber ich las das meiste trotzdem gern.
"uralt", sie sind erst im letzten jahrtausend gestorben. was willst du denn immer mit diesen "politisch möchtegern-korrekten" autoren?

E-möbe kommentierte am 05. März 2018 um 16:16

Jetzt hat Wanda extra noch den ersten Satz eingefügt, lol. :D

wandagreen kommentierte am 05. März 2018 um 17:07

Der war schon immer da, Möbius!