Rezension

Flüchtling wird man nicht aus Spaß!

Gott ist nicht schüchtern - Olga Grjasnowa

Gott ist nicht schüchtern
von Olga Grjasnowa

Bewertet mit 4 Sternen

Es ist ganz klar, dass die momentane Weltlage und die Flüchtlingskrise auch die Schriftsteller beschäftigt. Muss ja. Die meisten Romane darüber sind sehr gut. Grjasnowa ist auch gut. Aber es gibt Nuancen. Wer mehr wissen will, muss weiter lesen!

Die Kritik am Verlag und/oder Lektorat vorweg: Lies den Klappentext und du musst das Buch nicht mehr lesen! Die Anzahl der Schreibfehler geht über meine Toleranzgrenze.

Davon abgesehen: Die Autorin Olga Grjasnowa erzählt davon, wie sich die Situation der Menschen in Syrien sozusagen von einem Tag auf den anderen so verschlechtert hat, dass ihnen nichts Anderes mehr übrigbleibt als die gefährliche Flucht Richtung Westen zu wagen. Flüchtling wird man nicht wegen nichts oder aus einer Laune heraus. Alle Menschen lieben ihre Heimat und würden gerne dort leben, wenn es nur irgendwie möglich wäre. Dennoch sind es nur die Privilegierten, die sich auf den Weg machen können, der Rest bleibt schutzlos zurück, den marodierenden Horden hilflos ausgeliefert und krepieren. Den Privilegiertenstatus kann allerdings keiner der Flüchtenden lange halten.

Die Autorin konzentriert sich auf zwei Hauptprotagonisten, einmal auf den Arzt Hammoudi, der in Paris studiert hat und dem man in Damaskus die Wiederausreise verweigert. Hammoudi stellt sich nach der ersten Schockstarre seinem Schickal und selbstlos in den Dienst der leidenden Menschen, die keinen Arzt hätten, wenn er nicht so lange wie möglich bliebe. Amal dagegen ist angehende Schauspielerin aus reichem Haus und erfährt mehr und mehr Einengung und Diskriminierung. Sie protestiert gegen die Veränderungen und wird vom Geheimdienst verhaftet. Ihr Vater kauft sie frei. Am Ende können sich beide nicht gegen den Zerfall ihrer Welt wehren und verlassen das Land. Die Flucht ist, wie nicht anders zu erwarten, ein einziger Albtraum.

Olga Grjasnowa schreibt schnörkellos. Sie benutzt eine ganz einfache Sprache, unmanieriert, frisch, unmittelbar. Das Einfache kann gut sein, wenn man es richtig macht. Die Autorin kann mit Sprache umgehen, sie benutzt keine Floskeln. Das Beschriebene geht unter die Haut, sie schreibt im Präsens und ist deshalb ganz nah! Es ist eigentlich einerlei, welche politische Haltung der Einzelne in den betroffenen Gebieten einnimmt oder eingenommen hat: die Art der Besatzung/bewaffneten Belagerung kann stündlich wechseln, diverse fanatische Gruppen kämpfen um die Vorherrschaft und metzeln alles nieder, Willkür pur überall. Das ist erschütternd und man sollte es lesen, damit man keine vorschnellen Urteile fällt. Der Westen kann sich nicht mehr wegducken, er ist mittelbar Betroffener geworden! Warum ist man Flüchtling? Damit man wenigstens das nackte Leben rettet. Dennoch fehlen in dem Roman Schattierungen. Oder?

Der Roman im Vergleich mit Büchern ähnlicher Thematik: Meines Erachtens erreicht Grjasnowas sehr guter Roman dennoch nicht die Qualität und Eindrücklichkeit von Anthony Marras Buch „Die niedrigen Himmel“, dem Autor, der in seinem Romandebüt über die russisch-tschetschenischen Kriege geschrieben hat, die bei uns viel zu wenig Beachtung gefunden haben! Bei ihm gibt es Nuancen! Sogar die Täter bemitleidet man, manchmal sogar mehr, denn auch sie sind Menschen und wurden zu Bestien gemacht.

Der vorliegende Roman kann auch nicht ganz mithalten mit Karine Tuils „Die Zeit der Ruhelosen“, obwohl Grjasnovas Figuren sogar weniger flach sind. Denn obwohl Grjasnowa nicht besonders viel von ihren Protagonisten enthüllt, ist es ihr gelungen, diese dennoch lebendig zu machen, während sie bei Tuil Schablonen bzw. Platzhaltern gleichen. Doch Tuil denkt in ihrem Roman mehr über das Geschehen nach, reflektiert und philosophiert, kritisiert, während Grjasnova nur zeigt und dadurch Empathie einfordert. Ihr Buch lebt ganz und gar von der politischen Interessen- und Gemengelage. All das ist erlaubt, sogar wichtig und richtig, reicht aber für meinen Geschmack nicht ganz für höhere literarische Weihen.

Fazit: Mit nüchterner Erzählweise, dennoch eindringlich, zeichnet die Autorin ein erschreckendes Bild über die Geschehnisse in Syrien und die Folgen des Bürgerkriegs, mit denen seit geraumer Zeit auch der europäische Westen massiv konfrontiert ist. Eine Ursachenanalyse wird nicht versucht.

Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
Aufbauverlag, 2017

Kommentare

naibenak kommentierte am 28. März 2017 um 11:48

Toll geschrieben, Wanda! Auch die Vergleiche machen diese Rezi sehr interessant! Ich werde es auch lesen. Danke dir!

LySch kommentierte am 30. März 2017 um 10:09

Dem kann ich genau so zustimmen!
Ich möchte es auch gern lesen...irgendwann ;)
Seit ich in das erste Buch von ihr hineingelesen habe, stehe ich ein wenig auf Kriegsfuß mit ihrer Schreibweise... :D
Aber ich werde ihr nochmal eine Chance geben! Denn das Thema des neuen Romans hat mich sofort angesprungen!

Steve Kaminski kommentierte am 03. April 2017 um 11:51

Eine sehr gute, hilfreiche Rezension - danke! Gerade auch mit den Vergleichen, auch wenn ich die beiden anderen Bücher (noch) nicht kenne.