Rezension

Glaube und Projektion

Josiahs Stimme - Tahni Cullen, Cheryl Ricker

Josiahs Stimme
von Tahni Cullen Cheryl Ricker

Bewertet mit 2 Sternen

Wenn christliche Literatur, dann bitte sehr gut! Pathetisch, persönlich, emotional und einseitig interpretiert, ist keine einnehmende Vorstellung des christlichen Glaubes. Man kann natürlich auch sagen: sehr amerikanisch.

Im Nachwort von „Josiahs Stimme“ finden wir einen aufschlussreichen Satz von Tahni Cullen über ihre Coautorin beziehungsweise Ghostwriterin Cheryl Ricker. „Nie verzog sie das Gesicht oder stellte ein Erlebnis in Frage.". Dieses Wort wirft Licht auf die gesamte Erzählung. Denn das heißt, dass Tahni Cullen sehr wohl Zweifel und Skepsis in ihrer Interpretation des „Redens“ Josiahs, ihres autistischen Jungen, begegnet ist.

Es ist ein harter Schicksalsschlag, wenn ein Elternpaar erleben muss, wie ein sich bisher normal entwickelndes Kind plötzlich retardiert und sich in sich selbst zurückzieht, so dass seine Persönlichkeit sozusagen verschwindet und die Außenwelt keinen Kontakt mehr bekommen kann. So geschehen dem Ehepaar Joe und Tahni Cullen, denn ihr Sohn Josiah ist autistisch. Der Autismus verläuft in einer schweren Form.

Das christlich geprägte Ehepaar setzt alle Hebel in Bewegung, dem Kind zu helfen, beziehungsweise es in irgendeiner Form zurückzubekommen. Das kostet Geld, Zeit, Kraft, Nerven, Emotionen. Die Ehe leidet darunter.

Leider erfahren wir als Leser nicht viel von den Eltern. Joe ist Fernsehproduzent und fühlt sich übergangen, sie hat eine Leitende Stellung in einer christlichen Gemeinde, die sie später aufgibt, um sich mehr um ihren Sohn kümmern zu können. Man hätte sich in der Erzählung mehr Background gewünscht. Auch mehr davon, wie das Paar seine Krise unter die Füße bekommt. Der Ehemann spielt wenigstens im Buch eine sehr untergeordnete Rolle, was mich sofort stutzen läßt.

Als es schließlich gelingt, eine Ausdrucksform zu schaffen und Josiah mittels einer bestimmten Methode, Absichten kundtun kann und zeigt, dass er viele Sachverhalte versteht, ist es nicht mehr weit dazu, dass er sich mit Hilfe eines Ipads umfassender verständigen kann. Allerdings sind seine Sätze interpretationsbedürftig, sie beschäftigen sich fast nur mit seiner Phantasiewelt, dem Himmel, in dem er u.a. von Abraham Lincoln unterrichtet wird ;-).

Und hier beginnt die Vermischung zwischen dem, was die Mutter denkt und fühlt und glaubt und dem, was das Kind notwendigerweise davon in seinen Alltag und Verstand aufnimmt. Die meisten Dinge, Engelbegegnungen, Prophetien, geistliche Deutungen, interpretiert die Mutter aufgrund ihres eigenen Glaubens in die „Botschaften“ hinein, während der Sohn natürlich die Inhalte der ihm am nächsten stehenden Person aufnimmt und wiedergibt. Abgesehen davon, hat er eine lebhafte Phantasie.

Ich will nicht in Abrede stellen, dass Gott eingreift und hilft, aber Josiah ist kein Prophet und ich glaube auch nicht, dass er den Himmel offen sieht. Der Kinderfilm „Die Schöne und das Biest“ ist keine geistliche Abhandlung über Autismus und die Engel im Himmel denken höchstwahrscheinlich nicht darüber nach, Autismus auszurotten. Seltsamerweise denken sie laut Josiah ja auch nie darüber nach, wie man Krebs an den Kragen geht oder MS oder andere als unheilbar geltende Krankheiten.

So sind in diesem Buch Wahrheit und Einbildung heftig geschüttelt und gerührt, bzw. bedingt die eine Projektion die andere. Das kann nicht leicht sein für den bodenständigen Ehepartner, dem von seinem achtjährigen Sohnemann überdies, Unempfänglichkeit für geistliche Dinge bescheinigt wird.

Die Erzählweise ist sprunghaft. Einige Inhalte werden angerissen, aber nicht weiter ausgeführt. Man hätte gerne mehr über Autismus und seine Behandlungsmöglichkeiten erfahren oder doch wenigstens mehr über den Alltag mit dem beeinträchtigten Kind.

Fazit: Wahrheit liegt hier doch sehr im Auge des Betrachters.

Kategorie: christliche Literatur / Schicksalsbericht
Verlag: SCM, 2017

Kommentare

naibenak kommentierte am 08. März 2017 um 08:51

Prima Rezi, danke, Wanda! Klingt...anstrengend. Ich habe einen "schwer" autistischen Schwager. Der Verlauf (Entdeckung ab etwa 2.LJ) war ähnlich. Nur hat er sich nie in dieser Form mitgeteilt... deshalb kommt mir Josiahs Verlauf etwas befremdlich vor irgendwie (obwohl die Verläufe ja extrem unterschiedlich sind)... ;-) Du hast es im Fazit schön auf den Punkt gebracht!!!

Steve Kaminski kommentierte am 11. März 2017 um 10:58

Ein schönes Buch über einen autistischen Jungen ist Avram Kantor, die erste Stimme.

wandagreen kommentierte am 11. März 2017 um 17:04

Merk ich mir.

naibenak kommentierte am 12. März 2017 um 20:06

Vielen Dank für den Tipp, Steve! :-)

Steve Kaminski kommentierte am 13. März 2017 um 12:35

Gerne, Naiby! :-)