Rezension

Hinter der Tür lauert mehr als bloßer Schrecken

Die Tür - Richard Laymon

Die Tür
von Richard Laymon

Bewertet mit 4 Sternen

RICHARD LAYMON polarisiert – das steht außer Frage. Während ihm seine Fans auch nach seinem Ableben die Treue halten, kehren ihm andere angewidert den Rücken.
DIE TÜR, jüngst im Heyne Hardcore Programm erschienen, ist der vierte Roman um das sogenannte Horrorhaus in Malcasa Point, unweit San Francisco. Mit einem Zeitversatz von rund zwanzig Jahren knüpft das Buch an IM KELLER, DAS HORRORHAUS und MITTERNACHTSTOUR, alle zusammen im Sammelband DER KELLER ebenfalls bei Heyne Hardcore erschienen, relativ locker an.

Einst Stätte unermesslichen Grauens, ist das Horrorhaus inzwischen eine Touristenattraktion. Ausstellungsstücke zeigen beispielweise das erste Opfer, Ethel Hughes, die anno 1903 ihr Leben ließ. Viele weitere Morde folgten.

Auch Mark kennt die Gerüchte um die Bestie, die einst dort ihr Unwesen trieb und selbst heute noch dazu führt, dass der Zutritt außerhalb der Öffnungszeiten streng untersagt ist. Allerdings winkt ihm ein Rendezvous um Mitternacht mit der angebeteten Alison. Die Sechzehnjährige ist scharf auf ein gruseliges Abenteuer, Mark wiederum ist scharf auf sie. Er will cool sein und beweisen, dass er ihrer würdig ist. Gesunder Menschenverstand hin oder her, das Mädchen ist ihm jedes Risiko wert! Mit List und Tücke gelangt er ins Gebäude und findet überraschend schnell ein Versteck. Nun muss er nur noch ein paar Stunden warten, bis auch Alison erscheint. Doch der Tunnel, den einst die Bestie nutzte, um ins Horrorhaus zu gelangen, ist eng … dunkel … angsteinflößend!
Mark ist allein … Behauptet wer?

Die vierte Geschichte wird in einundzwanzig Kapiteln in dritter Person aus Sicht der Hauptfigur erzählt. Damit umfasst DIE TÜR gerade einmal die Hälfte des Buches. Das Geschehen nimmt mit unterschwelliger Spannung und Unbehagen seinen Lauf. RICHARD LAYMON versteht es wie kaum ein anderer im Genre, den Leser schnell und nachhaltig zu fesseln. Das, für den Autor übliche, Potenzial schöpft DIE TÜR dennoch nicht aus. Zu begrenzt ist der Entwicklungsspielraum, zu schnell folgt der Höhepunkt und zu abrupt ist alles vorbei. Ob man die Vorbände bereits gelesen hat oder nicht, ist dabei irrelevant. Als richtiger Abschluss der Reihe funktioniert Marks Erlebnis im Endeffekt nicht.

Ebenfalls im Buch enthalten ist die Novelle DIE WILDNIS, in etwa ebenso umfangreich. Hier erzählt Ned Champion von seinen Erlebnissen in freier Natur in Form eines dreizehn Einträge umfassenden Reiseberichts.

Der Campingausflug nach Lost River war umfangreich geplant und gut vorbereitet. Nur Ned und Cora. Fünf Tage gemeinsam in der Wildnis. Im Zweierpack gibt es sie nun allerdings nicht mehr, die Beziehung ist passé. Was soll’s! Ned macht sich allein auf den Weg in sein großes Abenteuer als Pfadfinder oder Fährtenleser. Frei nach dem Motto: Einsamkeit ist noch immer die beste Gesellschaft. Zu Beginn hat Ned mit dem Alleinsein, vor allem nachts, noch große Probleme. Schnell spielt ihm die Fantasie einen Streich und er befindet sich im Kreislauf der Todesangst. Seine Furcht erst einmal besiegt, wird er jedoch mehr und mehr eins mit der Natur. Er verschmilzt mit ihr, wird unsichtbar und entdeckt sein Gefallen am Beobachten ahnungsloser Wanderer. Als ihm schließlich die Nahrung ausgeht, muss er sich etwas einfallen lassen.

Ruhig aber stetig nimmt Neds Wandlung zum echten Naturburschen seinen Lauf. Je intensiver die Freiheit, desto skurriler seine Gedankengänge. Der Zwist zwischen Anstand und Überlebensdruck gerät immer mehr auf die schiefe Bahn. Wer LAYMON kennt, weiß, das geht nicht gut aus. Zum Schluss aber zaubert er noch eine Überraschung aus dem Hut! Auch diese Erzählung fesselt auf ihre ganz eigene Weise.

DIE TÜR erscheint in Deutscher Erstausgabe als handliches Taschenbuch bei Heyne Hardcore. Leider hat man es versäumt, irgendwo auf Vorder- oder Rückseite darauf hinzuweisen, dass es sich um zwei kürzere Geschichten in einem Buch handelt. Das hätte womöglich falsche Erwartungen im Vorfeld ausgeschlossen. Das Cover sieht dennoch hübsch aus und ist mit dem leicht erhabenen Spotlack auch ein haptisches Erlebnis. Das Vorhängeschloss ist ein wichtiges Detail im Buch, wenn auch weniger blutig.
Im Anhang des Titels folgen eine Leseprobe aus DER KELLER und der Vollständigkeit halber das Werksverzeichnis der von RICHARD LAYMON im Heyne Verlag erschienen Titel.

Fazit: Für Fans ist RICHARD LAYMON Kult! Seine Bücher sind extrem und ganz sicher nichts für zarte Gemüter. Das Grauen lauert in DIE TÜR und vor allem in DIE WILDNIS geradezu auf den Leser, umschleicht ihn, wiegt ihn nur scheinbar in Sicherheit und tippt ihm schlussendlich unerwartet auf die Schulter. Natürlich fehlen auch die üblichen Elemente Sex und Gewalt in diesem Buch nicht. Aufgrund der Kürze beider Geschichten, werden sie allerdings vom Autor etwas weniger ausschweifend zelebriert.