Rezension

Informativ. Kompetent. Verständlich.

Welt im Zwiespalt - Edgar Wolfrum

Welt im Zwiespalt
von Edgar Wolfrum

Bewertet mit 5 Sternen

Mein Geschichtsunterricht war gut. Seither liebe ich Geschichte. Allerdings vermochte es mein spezifischer Geschichtsunterricht nicht, ganz bis in die Gegenwart vorzudringen, viel zu lange verweilte er bei (den ollen) Römern und Griechen ... . Edgar Wolfrum erlaubte es mir, noch einmal einen Blick zurück in mein Lieblingsjahrhundert zu werfen, mit ein bisschen Wehmut, habe ich zurückgeblickt! Mit der "Gnade der späten Geburt" versehen, kann ich mir eine solche kleine Wehmut leisten!

Als ich mit der Lektüre dieses Buches begann, war ich begeistert. Beim Lektüreende bin ich hochzufrieden. Ich kann den geschichtlichen Überblick über das vergangene 20. Jahrhundert, dem sich Edgar Wolfrum in der ihm eigenen Weise widmet, nur wärmstens empfehlen.

Wolfrum bevorzugt Gegensatzpaare, Krieg und Frieden, Demokratie und Diktatur, Wissen und Analphabetismus, Hunger und Wohlstand, Gleichberechtigung und Benachteiligung, Modernes und Altes, Technik und Rückständigkeit, etc., etc.

Meistens empfand ich die Lektüre als angenehm, unterhaltend, informativ, beinahe vergnüglich, manchmal durch die vorgetragenen Fakten bedingt, bestürzend. Insgesamt waren einzelne Sätze wie es beim Nominalstil, in dem die meisten Sachbücher abgefasst sind, üblich ist, informationsüberfrachtet, das hätte man auch anders lösen können. Dennoch waren die Sätze des Autors nicht so lang und kompliziert wie sie zum Beispiel Volker Weiß in seinem Buch „Die autoritäre Revolte“ dem Leser zumutet, insofern kann man Edgar Wolfrums Ausführungen viel leichter folgen. Einige Fremdwörter hätte man ohne Übertragungverlust durch das entsprechende deutsche Wort ersetzen können. Transformationsverlust hätte ich ja auch schreiben können, wollte ich aber nicht. Nichts gegen Fremdwörter, aber die Dosis macht es. Es ist schade, dass die Sachbuchautoren von ihrem jeweiligen Fachjargon so gar nicht lassen können, auch wenn sie außerhalb ihres Fachbereichs agieren. Damit erschwert man den Zugang zu wichtigen Themen in unnötiger Weise.

Viele Fakten waren mir nicht so bewusst, zum Beispiel dass sich in punkto Gleichberechtigung der Frauen nicht so viel getan hat wie ich dachte. Eigentlich gar nichts, weltweit gesehen. Oder dass fast die Hälfte der Weltbevölkerung immer noch hungert und dass es kaltblütig gewollte, politische Entscheidungen gegeben hat, ganze Landstriche verhungern zu lassen. Die Zahlenlastigkeit des Aufzeigens war manchmal lästig, aber auch eindrücklich. Die Thematik Kunst kam für meinen Geschmack zu kurz, Sport kommt gar nicht vor.

Europa ist der Ausgangspunkt, und davon wiederum Deutschland das Herz, der Ausführungen des Autors, manchmal jedoch spannt Wolfrum den Bogen auch um die ganze Welt, dann wird es besonders reizvoll.

Die einzelnen Kapiteln vorgestellten Zitate, um Inhalte zu erhellen oder ein besonderes Schlaglicht auf sie zu werfen, lockern die Thematik auf und sind "Lesebonbons".

Zur naturgemäß eingeschränkten Perspektive und zur Themenauswahl äußert sich der Autor in einem gelungenen Vorwort dezidiert und kompetent. Wenn man keinen zehn- oder noch mehrbändigeren Wälzer vorlegt, muss man sich auf einige Aspekte beschränken. Eine solche Auswahl ist immer willkürlich und subjektiv. Ich bin den Auswahlkriterien des Autors indes gerne gefolgt.

Fazit: Informativ, kompetent und verständlich. Auch als Nachschlagewerk geeignet.

Kategorie: Sachbuch/Geschichte
Verlag. Klett-Cotta, 2017

Kommentare

naibenak kommentierte am 03. April 2017 um 08:54

Das klingt sehr verlockend, Wanda! Hast du mir schön schmackhaft gemacht ;) Danke!

LySch kommentierte am 03. April 2017 um 09:09

Mein Geschichtsunterricht war selten toll, sodass ich da mit Sicherheit viel aufzuholen habe! Das Buch klingt so, als ob man fast nebenbei was lernt, während man eine spannende Lektüre liest! ;) Klingt klasse! Muss ich mir merken...

wandagreen kommentierte am 03. April 2017 um 12:42

Berücksichtige bitte, Likey, dass ich "zahlenlastig" geschrieben habe, dh. es gibt auch viele statistische Werte zu lesen. Bi wird das nicht abschrecken mit ihrem "zahlenlastigen" Beruf.

LySch kommentierte am 03. April 2017 um 13:25

Mich auch nicht ;) In meinem Studium wurde ein großer Schwerpunkt auf Statistik gelegt, was mir viel Spaß gemacht hat!

naibenak kommentierte am 03. April 2017 um 09:12

Achso...mein Geschichtsunterricht war übrigens ganz ähnlich wie bei dir, Wanda: gefühlt nur Römische Geschichte, alles andere kam viiieel zu kurz :(

wandagreen kommentierte am 03. April 2017 um 12:45

Und dann noch 1848er Revolution und 1848er Revolution und 1848er Revolution. Das ist also mein zweites schulisches Standbein. Immerhin ;-).

Steve Kaminski kommentierte am 03. April 2017 um 11:47

Eine gute, informative Rezi - schön, dass das Buch so gut war!