Rezension

Keine Inselidylle...

Birk - Jaap Robben

Birk
von Jaap Robben

Bewertet mit 4 Sternen

Auf einer kleinen Insel zwischen Schottland und Norwegen stehen drei Häuser. Eines davon verfällt zusehends, da dessen letzte Bewohnerin bereits vor einiger Zeit verstorben ist. In den beiden anderen Häusern leben zum einen der dicke Fischer Karl und zum anderen der 9jährige Mikael mit seinen Eltern. Doch eines Tages ist der Vater des Jungen verschwunden.

Davongeschwommen sei er, erzählt Mikael seiner Mutter, unter Wasser sei er geschwommen. Eine groß angelegte Suchaktion verläuft ergebnislos, der Vater bleibt verschwunden - ertrunken. Zurück bleiben drei Menschen in größter Einsamkeit.

„Papa nannte sie nie wieder ‚Papa‘, sondern nur noch ‚Birk‘. Ihren Birk, um mich spüren zu lassen, dass die Schuld auf meiner Seite war und der Kummer auf ihrer. Näher als zwei Tischkanten kamen wir uns nicht mehr.“  (S. 77)       

Schuld. Verzweiflung. Sehnsucht. Fortan lebt der kleine Mikael in einem Kokon der Lieblosigkeit, meist allein mit sich und seinen Gedanken, die Mutter unerreichbar, die mit dem Verlust ihres Mannes einfach nicht fertig wird und ihrem Sohn daran die Schuld gibt - und ihn dies auch spüren lässt. Auch schon vor Birks Tod war der Umgang mit der Mutter nicht unkompliziert, doch der Vater wusste sie stets zu besänftigen.

"Wenn Mama fand, Papa hätte etwas gutzumachen, suchte er (...) nach einem Geschenk für sie. Was genau er falsch gemacht hatte, sagte sie ihm aber nie." (S. 39)

Überhaupt war der Vater derjenige, der durch seine liebevolle Art das empfindliche Gleichgewicht zwischen den Menschen auf der nahezu isolierten Insel im Lot hielt. Seit seinem Tod gerät dieses Gleichgewicht zunehmend in Schieflage. Sechs Jahre seit dem Unglück umfasst die Erzählung, und Mikaels Heranreifen gestaltet die Situation auf der Insel nicht leichter. Er wird seinem Vater immer ähnlicher, und in der Wahrnehmung der Mutter verschwimmen die Grenzen zwischen dem Vater und seinem Sohn immer mehr.

"Ich trockne ab, genau wie sie es am liebsten hat. Erst die Gläser, dann die Teller und zum Schluss die Töpfe. Die Gläser und das Besteck (...) halte ich noch einmal besonders lange ins Spülwasser, damit sie aus Versehen meine Hand berühren könnte." (S. 210)

Aus der Sicht zunächst des kleinen Jungen, später des Jugendlichen, werden die dramatischen Geschehnisse auf der Insel erzählt. Im Kontrast zu dem einfachen und klaren, fast nüchternen Schreibstil steht die Schwere des Inhalts, die düstere Stimmung. Kurz gehalten sind die Kapitel, vieles schwingt zwischen den Zeilen mit und ist beklemmender oft als das Geschriebene selbst.

Die Dramatik wird durch eine in die Erzählung verschlungene Parabel um ein Möwenjunges nocht verstärkt. Mikael findet dieses Junge mit dessen Mutter in dem verfallenden Haus auf der Insel und schaut ihm beim Wachsen zu. Und doch ist ihm klar, an welch seidenem Faden das Leben der kleinen Möwe hängt. Diese Parabel weist eine bedrückende Parallelität zu den Geschehnissen auf der Insel auf und verdeutlicht in ihrer Symbolhaftigkeit die sich zuspitzenden Ereignisse auf der kleinen, abgeschiedenen Insel.

Keine Inselidylle hat Jaap Robben hier geschaffen, sondern ein beeindruckendes Kammerspiel des Grauens - von Menschen, die Gefahr laufen, selbst zu Inseln zu werden. Eine Erzählung mit Nachhall...

© Parden