Rezension

Landleben entzaubert und ein Sohn auf der Suche nach Antworten

Das Geheimnis meines Vaters, von dem er selbst nichts wusste - Bert Sieverding

Das Geheimnis meines Vaters, von dem er selbst nichts wusste
von Bert Sieverding

Bewertet mit 4 Sternen

„Spät kommt er doch noch nach Hause“ (Originalzitat Seite 139)

Inhalt:

Karl Siemer ist seit vielen Jahren in einem internationalen Konzern tätig, er entwickelt IT Projekte und sieht sich selbst als kundenfreundlichen Dienstleister.

Aufgewachsen auf einem Bauernhof in einem kleinen Dorf auf dem Land, hat er sofort nach dem Abitur, 20 Jahre alt, sein Elternhaus verlassen. Nun ist er Mitte 50, ein sportlicher Single mit Angst vor zu viel Nähe.

Karls Mutter ist bereits seit zwanzig Jahren tot, als er die Nachricht vom überraschenden Tod seines 80-jährigen Vaters erhält. Er ist der einzige Sohn und muss daher in das Dorf und sein Elternhaus zurück, um alles Notwendige zu regeln. Vor zwanzig Jahren hatte er seinen Vater zuletzt gesehen und seither waren Weihnachts- und Geburtstagskarten der einzige Kontakt. Zu seinem Erstaunen ist sein Elternhaus renoviert, saniert und in einem gepflegten Zustand. Doch dies ist nicht die einzige Überraschung, die Karl erwartet ….

Der Roman ist in der Ich-Form aus Sicht des Hauptprotagonisten Karl Siemer geschrieben. Er spricht nicht nur das Hauptthema Vater-Sohn-Beziehung an, sondern auch die Kriegsjahre, wie sie von den Großeltern erlebt wurden, Erzählungen, an die sich Karl in Rückblenden erinnert. Wir erfahren einige Details aus dem Leben des heranwachsenden Karl, der sich weniger für das Leben als Landwirt, sondern vor allem für Kunst interessiert. Aus diesem Grund kam es immer wieder zu Streit zwischen Vater und Sohn.

Ein weiteres Thema ist das Leben auf dem Land in einer kleinen Dorfgemeinschaft, wo man kaum anonym bleiben kann. Der Leser lernt Karls Nachbarn kennen, sowie den Gastwirt, den Pfarrer und Karl trifft auf Schulkollegen, die in diesem Dorf geblieben sind und sich hier ein Leben aufgebaut haben. Beschreibungen wie „Outfit ist im Dorf wichtig“, daher muss Karl sich angemessene Trauerkleidung kaufen, zeigen, wie sehr die gesellschaftlichen Zwänge noch immer gültig sind. Landleben entzaubert, könnte man dies zusammenfassen.

Der Hauptprotagonist Karl ist ein angepasster Einzelgänger, sportlich, kollegial und kundenorientiert im Beruf, als Mitarbeiter aber oft zu nachgiebig. Seine Rückkehr ins Dorf wird für ihn auch eine Reise in die eigene Vergangenheit, seine Beziehung zum Vater schwankt zwischen Trauer, Schuldgefühlen und nach wie vor Zorn. Als er auf die junge, selbstbewusste Natalia trifft, kann und will er auch ihr nicht Paroli bieten. Karl ist ein von den Ereignissen Getriebener und es gibt eine Menge offene Fragen, auf die er Antworten sucht. Doch nehmen die Dinge dann einen unerwarteten Verlauf, der dem Leser einen positiven Blick in die wahrscheinliche Zukunft des Hauptprotagonisten gibt, nachdem Karl von einem wichtigen Ereignis in der Vergangenheit erfahren hat, von dem auch sein Vater nichts wusste.

Der Schreibstil ist flüssig, erzählend, technische Details werden durch Beschreibungen der Natur und des Umfeldes durchbrochen und aufgelockert. Überraschende Wendungen geben der Handlung die Spannung.

Ein Buch für Leser mit Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend in einer engen Dorfgemeinschaft auf dem Land, die keine verklärten Geschichten über das Landleben suchen, sondern Realität mit allen schönen Seiten, aber auch den Schattenseiten. Obwohl  es um eine problematische Vater-Sohn-Beziehung geht, prägende Kindheitserfahrungen und um die Frage, wie weit erwachsene Kinder ihren alten Eltern gegenüber Verantwortung haben, sollte man keinen Familienroman erwarten.