Rezension

Leider überhaupt nicht gelungen! Ausser der Idee ist da nichts.

Wie Wölfe im Winter
von Tyrell Johnson

Bewertet mit 2 Sternen

Äh, was sag ich? Nett: der Autor ist jung und probiert sich aus: Unnett: könnte mir den Appetit auf weitere Dystopien verderben.

Der Zug der Dystopien fährt und fährt erfolgreich durch die Landschaft. Diese Lok zieht gut, genau so gut wie der Kriminalliteratur-Dampfer dampft. An diese Erfolgsgeschichte möchte Tyrell Johnson natürlich anknüpfen. Aber es misslingt jämmerlich.

Die Idee ist eigentlich ganz gut, wenn auch nicht neu. Dafür gibt’s zwei Punkte. Wieder einmal rafft ein Virus die Menschheit dahin und die Klimaveränderung sorgt für endlosen Winter. Die Nahrung wird knapp, in den Städten herrscht Chaos. Darum wandert die Familie der Heldin Lynn weit in den Norden, wo sie nach anfänglichen Schwierigkeiten ganz gut zurechtkommt. Inzwischen hat ein Massensterben eingesetzt, es gibt kaum noch Menschen. Aber eine Gruppe von Forschern des Projekts „Immunity“ überleben und suchen nach Lynns Vater und nach dem geheimnisvollen Jax, der ihnen entwischt ist. Das ergibt wenigstens einen einigermaßen erträglichen Spannungsbogen.

Der Leser sieht durch Lynns Augen: die Natur, in der sie nun lebt unterscheidet sich gründlich von dem Stadtleben, das sie vorher führte. Inmer wieder betont sie, wie wenig sie davon vermisst. Dennoch gelingt es Tyrell Johnson nicht, in dem Leser ein Staunen bezüglich der überwältigenden Natur des winterlichen Nordens zu erzeugen. Johnson versucht es, führt die Aurora Borealis an, Bären, Elche, Rehe, Wölfe, Hunde, Iglubau, Schnee, Kälte, Wintersturm, vergeblich. Johnson müsste John Williams "Butchers Crossing" studieren, um zu sehen, wie Naturbeschreibung geht oder meinetwegen auch Iris Murdochs "Das Meer, das Meer" oder andere gute Autoren, die Naturbeschreibung können, Hermann Melvilles "Moby Dick", etc. (Vielleicht hat er, ich habs ja auch und ich könnte es trotzdem nicht).

Die Charaktere sind nur angedeutet, aber nicht ausgeformt. Mutter, Vater, Verehrer, Bruder, Nachbarn, alle haben nur ein paar skizzierende Linien verpasst bekommen, sie führen kein Eigenleben und interessieren daher nicht. Lynns Gedanken drehen sich um Sex und Fortpflanzung und als der geheimnisvolle Fremde Jax in die Familie kommt, wird’s arg rosarot. Die Heldin wirkt oft ziemlich albern.

Aber am Schlimmsten ist die Sprache. Die meisten Bilder sind literarisches Blech, grobe Schnitzer gibt es zudem. Beispiele:

• Wie kann man sich denn "ein Gewehr um die Schulter schlingen", das ist einfach unmöglich. Man kann sich den Gurt des Gewehrs um die Schulter schlingen. But that is it.
• „Die Luft war gleichzeitig kühl und warm“. Das ist einfach falsch, das geht nicht.
Weitere Zitate:
• Meine Muskeln labten sich an der plötzlichen Bewegungslosigkeit wie ein ausgetrockneter Mund an einem Smoothie.“
• „Das Wort hing schwer und dampfend in der kalten Luft wie frisch geschlachtetes Fleisch an einem Haken.“
• „Mein Verstand kam mir wie eine Origamifigur vor, so oft, wie er inzwischen gefaltet worden war.“

Man verstehe mich nicht falsch: ein Jugendbuch kann eine einfache Sprache haben. Dennoch muss sie richtig sein. Originell ist nicht, was möglichst komisch klingt, sondern gelingt dann, wenn der Leser „Wow“ sagt, sich abgeholt fühlt, weil er das Gefühl, das die Wortschöpfung vermittelt, wiedererkennt, jedoch nicht bei Wendungen, bei denen er sich fremdschämend wegdrehen muss.

Bestenfalls, da der Autor Creative Writing studiert hat, kann man das Ganze als Versuch werten. Gut, Kreativität muss ausprobiert werden. Dafür habe ich Verständnis. Vielleicht werden die nächsten Vergleiche passender.

Fazit: „Wie Wölfe im Winter“, will mithalten mit guter Autorschaft, kann es aber nicht.

Verlag: Harper Collins, 2018
Kategorie: Dystopie

Kommentare

lex kommentierte am 18. Februar 2018 um 21:45

Hey Wanda,

 

bei mir werden es auch two points. Die Sprache fand ich ebenfalls schwach, aber noch blöder war die totale Durchschaubarkeit der Geschichte und die dämlichen Aktionen der hochbegabten Heldin.

LySch kommentierte am 18. Februar 2018 um 22:40

Puhhh - diese Sprach-Schnitzer sind ja zum Gruseln!! *schüttel*
Das streich ich ganz schnell wieder von meiner WuLi. Dennis Scheck hätte seine helle Freude an deiner Rezi und ich hatte sie ebenfalls! :)

Emswashed kommentierte am 19. Februar 2018 um 07:51

Ne, das muss man sich nun wirklich nicht antun!

wandagreen kommentierte am 19. Februar 2018 um 09:02

(Extra für dich, Ems).

naibenak kommentierte am 19. Februar 2018 um 09:15

Prima Rezi! Danke dafür! Und die angeführten Beispiele sind ja echt zum Fremdschämen *mit-LySchi-mitschüttel* ;-)

Galladan kommentierte am 19. Februar 2018 um 09:35

Gute Warnung. Butchers Crossing hat wirklich wunderbare Naturaugenblicke. Leider werden da andere Szenen aber auch sprachgewaltig vermitteln. Da muss man dann durch. 

Schöne Rezi. 

Steve Kaminski kommentierte am 19. Februar 2018 um 11:43

Also, Wanda, das Bild mit dem Gewehr geht schon - meine Kristallkugel sagt, dass der Autor gerade vom Bleigießen XXL kam, als er dies schrieb, und ein Gewehr gegossen hatte. Um dies von der Silvester-Party mit nach Hause nehmen zu können, hat er es sich gleich um die Schultern geschlungen, bevor es ganz ausgekühlt war. Seitdem kriegt er es nicht mehr ab, eine traumatische Erfahrung, die er für sein Buch nutzbar machte.

Besonders gut gefallen haben mir die sich labenden Muskeln - das führte doch zu einem spontanen Lachanfall.

Das Ganze ist übersetzt, oder? Vielleicht hat auch der Übersetzer seine "Verdienste"?

wandagreen kommentierte am 19. Februar 2018 um 13:50

Ganz sicher. Wer immer das übersetzt hat ...

sphere kommentierte am 19. Februar 2018 um 17:22

Danke für die tolle Rezi :)

Bei dem Satz „Die Luft war gleichzeitig kühl und warm“ tendiere ich dazu, dies als Oxymoron zu bewerten; ein Deutschlehrer mag da mehr dazu sagen?

wandagreen kommentierte am 20. Februar 2018 um 09:08

Sicher nicht. Das war mehr so gedacht wie: ich empfinde die Luft als ...blabla, aber gesagt ! hat der Autor eben etwas anderes.