Rezension

Randstudie

Drehtür - Katja Lange-Müller

Drehtür
von Katja Lange-Müller

Bewertet mit 4 Sternen

Hm. Ich habe gebraucht, um das Buch zu mögen! Ich musste DENKEN! Menschenskind. Darüber nachdenken, was mir die Autorin bloß sagen will mit der Anhäufung von so viel Nichtigkeit. DENKEN und das bei diesem heißen Sommer ;-).

Normalerweise benutzt ein Autor eine mehr oder weniger abwechslungsreiche Handlung, um eine Lebensgeschichte darzustellen. Katja Lange-Müller genügt dazu ein Standbild.

Protagonistin Asta Arnold verharrt an der Drehtür des Münchner Flughafens. Die Drehtür ist durchaus auch symbolisch zu verstehen, durch eine Drehtür gehen Menschen hinein und hinaus. Und so assoziiert Asta Arnold, Menschen, die in ihr Blickfeld geraten mit denen, die durch die Drehtür ihres Lebens hereingekommen und wieder hinaus gegangen sind. Denn Leben besteht zum größten Teil aus Beziehungen.

Dabei lässt die Autorin ihrer Protagonistin freien Lauf, sie kommt vom Höxken aufs Stöcksken, fällt ohne erkennbaren Zweck von der einen Erzählperspektive in die andere und erzeugt damit einen Fluss, einen Erzählstrom, der irgendwie Asta Arnolds Leben abbildet. Dabei bleiben die gängigen Bezugspunkte und Stationen beinahe ganz aussen vor. Nur, wenn man genau liest, merkt man, da ist kein Abitur ... da fehlt auch sonst manches. Und von anderem war zuviel.

Obwohl die Autorin scheinbar nur unwichtige Details aus Astas Leben liefert und ebenso unwichtige, austauschbare Begegnungen schildert, konkretisiert der Leser einen Eindruck der Protagonistin. Diese hinterfragt ihren Beruf als Krankenschwester, entlarvt die gängigen Antriebe des Helfens, überhaupt ist sie eine nachdenkliche Person, die über ethische Fragen und Probleme reflektiert. Doch weiter als bis zur Stirn kommen ihre Gedanken nicht. Irgendwie bleibt die Person stecken, genau wie im vorletzten Bild, als Asta in der Drehtür stecken bleibt. Trotz ihres sozialen Berufes bleibt Asta am Rand des gesellschaftlichen Gefüges. Warum, fragt man sich. Und erhält eine Antwort. Die jedoch genau so karg ist wie die sonstige Auskunftsfreudigkeit der Autorin bezüglich ihrer Protagonistin. Was läuft, läuft im eigenen Hirn (des Lesers). Oder auch nicht. Auch, was nicht erzählt wird, hat eine Bedeutung.

Die Geschichten der assoziierten Kontakte, die Katja Müller-Langen in Astas Kopf pflanzte, sind mehr oder weniger interessant. Sie sind sogar austauschbar, darauf kommt es nicht so an. Doch die Verknüpfung mit dem, was auf die Protagonistin dadurch zurückfällt, was sie sozusagen als Rückstrahl davon abbildet, das ist Kunst.

An die Erzählweise der Autorin muss man sich gewöhnen, die vielen Schachtelsätze stellen zwar das Hin- und Herdenken Astas perfekt ab, strapaziert den Leser aber doch.

Fazit: Asta ist eine Randfigur der Gesellschaft trotz ihres eigentlich sozialen Berufes, und dass sie sozusagen nicht einmal in ihrer eigenen Geschichte, dem Roman „Drehtür“ im Mittelpunkt steht und nur indirekt abgebildet wird, ist Symbol schlechthin und das hat schon was.

Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
Verlag: Kiepenheuer & Witsch, 2016

Kommentare

naibenak kommentierte am 13. September 2016 um 12:17

Eine sehr anspruchsvolle Rezension zu einem offenbar recht anspruchsvollen Buch - ich glaube, das ist mir dann doch zu anspruchsvoll ;))) Zumindest bei dieser Hitze *lach*... Trotzdem danke, Wanda!

E-möbe kommentierte am 13. September 2016 um 17:22

So wie du geschimpft hast die ganze Zeit, dachte ich, dass du das Buch abstrafen wirst bis zum Gehtnichtmehr. Ich vermute fast, deine Rezension ist komplizierter als das Buch selbst.

wandagreen kommentierte am 13. September 2016 um 19:14

Nö. Sonst hätte ich ja 1 Punkt geben müssen; ich rang mit mir ;-).

E-möbe kommentierte am 14. September 2016 um 11:29

In dubio pro reo?

wandagreen kommentierte am 14. September 2016 um 19:16

Das nicht. Es steckte eben doch sehr viel mehr dahinter bzw. darinnen. Wie ich es in der Rezi schrieb, die Person der Asta im Licht ihrer Erinnerungen an andere ... dass mich diese anderen samt und sonders gelangweilt haben, steht auf einem ganz anderen Blatt. Ich würdigte die Machart: Ein Lebenslauf in Subtext.

E-möbe kommentierte am 15. September 2016 um 12:12

Mich langweilen jetzt die Witwen, die von dir empfohlenen. Danach geb ich's eh auf. Buchpreisbücher preisen Langeweile und banales Leben. Not my cup of tea.

wandagreen kommentierte am 16. September 2016 um 13:09

Schade. Immerhin: intensiv reingeschnuppert. Mehr kann man nicht verlangen. Vllt nächstes Jahr wieder Es ist jedes Jahr ein anderer Zungenschlag, da ja auch die Jury jährlich wechselt. Aber klar: die normale Unterhaltungsliteratur kommt nicht auf die Listen. Es geht mehr drum, was Buch sonst noch alles kann.