Rezension

Schöne Sprache, berührend, aber zu kurz...

Betrunkene Bäume - Ada Dorian

Betrunkene Bäume
von Ada Dorian

Bewertet mit 4 Sternen

Erich ist schon deutlich in die Jahre gekommen, wohnt allein im 5.Stock und merkt immer mehr, dass er sein Leben nicht wie bisher meistern kann ohne Hilfe. Als junger Wissenschaftler ist er 15 Jahre nach dem Krieg in die Sibirische Taiga gereist, um dort monatelang mit einem Scout namens Wolodja durch die Wälder zu ziehen und die Bodenbeschaffenheit als Grundlage der dortigen Vegetation zu erforschen. Die Bäume sind immer schon Erichs Forschungsobjekte gewesen, und sein Leben lang auch eine Art Zufluchtsort. Tochter Irina ist hartnäckig und versucht händeringend, eine Lösung zu finden. Eine Haushälterin oder bestenfalls ein Umzug ins Heim. Selbst hat sie aber kaum Zeit, sie ist beruflich sehr eingespannt. Und so sind ihre Begegnungen zumeist kurz und aufs Wesentlichste beschränkt. Und dann lernen wir die junge, rebellische Katharina kennen, die kurz vorm Abitur steht und es zu Hause nicht mehr aushält. Schon bald lernt sie Erich kennen und es stellt sich heraus, dass beide ein gemeinsames Interesse haben – Russlands Waldgebiete (wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen).

Ada Dorian erzählt uns die Geschichte von Erich, Katharina, Wolodja und Irina sehr einfühlsam. Ihr Stil ist überaus fließend und ich spüre als Leser ihre Liebe zur Sprache in jeder Zeile. Warm und weich würde ich sie bezeichnen – ein bisschen melancholisch, aber sich nie in Melancholie verlierend. Fantasievoll und doch verwurzelt mit der Realität. Hier geht es um Menschen, die auf der Suche sind und die währenddessen Erkenntnisse erwerben – über das Leben und über sich selbst, was durchaus auch mal schwerfallen mag. Der wunderbare Schreibstil  hat mich von Anfang an durch die Seiten fliegen lassen. Am Ende aber war es eine Frage, die sich mir in den Kopf gesetzt hat: „Was wäre, wenn?“… Was wäre, wenn die Autorin die vielen sehr interessanten Figuren noch intensiver beleuchtet hätte? Nicht nur Erich, bei dem sie es bereits sehr schön getan hat, sondern auch Katharina und Wolodja beispielsweise. Oder Irina. Was wäre, wenn Ada Dorian etwas häufiger innegehalten hätte, um Bilder entstehen zu lassen? Etwas mehr Atmosphäre, Gedanken, intime Nähe beispielsweise wären hier und da (besonders auch in den Wäldern) für mich noch wunderbarer gewesen. Ich glaube, das hätte der Geschichte nicht geschadet, denn die Autorin beweist eindrucksvoll, wie schön sie erzählen kann. Im Gegenteil… hier wäre tatsächlich nicht „weniger“, sondern „mehr“ einmal „mehr“ gewesen. So hätte ich wirklich gern mindestens die doppelte  Seitenanzahl lesen können :) Das letzte Kapitel wiederum erscheint mir überflüssig - das hätte es nicht gebraucht.

Fazit: Ein warmherziger, sprachlich sehr runder, poetischer Roman, der das Älterwerden, Suchen und sich im Leben Zurechtfinden thematisiert. Inhaltlich hätte ich mir an manchen Stellen mehr gewünscht. So wirkt er teilweise zu kompakt für meinen Geschmack. Dennoch ein Roman, den ich sehr gern gelesen habe, der mich berührt hat und der mich neugierig auf mehr von Ada Dorian macht!