Rezension

Schulstress und erste Liebe im China der 90er

Der freie Vogel fliegt. Bd.2 - Jidi

Der freie Vogel fliegt. Bd.2
von Jidi

Bewertet mit 5 Sternen

Zur deutsch-chinesischen Ausgabe: Band 2 besteht aus 145 Seiten mit deutschem Text, einem Nachwort der Autorinnen, 145 Seiten chinesischem Text, einem Vokabelverzeichnis mit Pinyin-Lautschrift. Die Seitenzählung in beiden Texten ist identisch, so dass man z. B. eine Redewendung von der deutschen Seite 23 auf der chinesischen Seite 23 nachschlagen kann. Die Ladenschilder und Banner der Abbildungen sind von der Übersetzerin ins Deutsche übersetzt und auf der jeweiligen Seite zu finden.

Inhalt von Band 2
In China steht das Neujahrsfest Ende Januar/Anfang Februar vor der Tür und damit die Frühjahrsferien. Xiaolu ist noch immer platonisch in Han Che verliebt. Durch den Kontakt zum Ladenbesitzer und Künstler Hu Xu hofft Xiaolu ihre heimliche Liebe Han Che wiederzutreffen, der Kunde im kleinen Laden „Beim Park“ ist. Eingeschoben wird die Erzählung Hu Xus von seiner Reise nach Nepal, dem Kennlernen seiner elegante Freundin Zhan Xiaoman und wie das Paar sich anfangs erst zusammenraufen musste. Lebhafte und erfolgreiche Menschen wie das junge Paar ängstigen Xiaolu und verdeutlichen den Kontrast zwischen ihrer streng geordneten Welt als Schülerin und dem Alltag Erwachsener. Auch die Mitschülerinnen empfindet das Mädchen „wie schillernde Aliens mit der geheimnisvollen Fähigkeit locker plaudern zu können“. Ihre körperliche Entwicklung und ihr rundes Gesicht lassen sie im Vergleich zu Gleichaltrigen noch immer sehr kindlich wirken; optisch wird dieser Eindruck durch die Blickrichtung der Zeichnerin verstärkt, die die anderen Jugendlichen größer und reifer erscheinen lässt. Immer wenn die Handlung emotional wird, wirkt Xiaolu besonders klein und kindlich.

Xiaolu gehört nun zur Mädchenclique von Siyao und Yan. Von ihrer Banknachbarin erfährt sie den gesamten Klassentratsch, der sich – natürlich – um Jungen dreht und um die erste Liebe. Eine Rückblende zeigt, wie Xioalu sich mit 6 Jahren in einen Klassenkameraden verliebte und dafür ausgelacht wurde. Die Festung, die sie danach um sich errichtet hat, ist daher sehr gut nachvollziehbar. Durch ihre ältere Cousine Ruirui werden Musik, Weggehen, Kneipen und Kleidung auch für Xiaolu zum Thema. Sie bleibt beim Ausgehen die „Glühbirne“, das fünfte Rad am Wagen, das die Liebesbeziehungen anderer beobachtet. Als Chronistin nimmt Xiaolu an einem Leben teil, für das sie noch zu schüchtern ist. Xiaolu träumt sich noch immer fort in prächtige, märchenhafte Fantasieszenen mit Walen, Elefanten und Zebras, in denen sich bereits die zukünftige Manga-Zeichnerin zu erkennen gibt. Im menschenleeren Garten eines Tempels sucht Xiaolu Trost und Kontakt zu einem Baumgeist, den sie um Glück für ihre Aufnahmeprüfung und Glück für ihre verliebte Freundin bittet. Aus den alltäglichen Schul- und Straßenszenen ragt dieser Abschnitt für mich durch die Grüntöne der riesigen, in der Stadt verschwenderisch wirkenden Bäume heraus.

Fazit

Im zweiten Band der Graphic Novel wurde mir bewusst, wie komplex die Handlung durch Rückblenden, Tagebucheintragungen, Fantasien und Traumsequenzen angelegt ist. Im Mittelpunkt der Ereignisse steht noch immer der Leistungsdruck durch Schule und Eltern, durch den die Schüler streckenweise wie Gefangene wirken. Ausgelöst durch Fernsehserien und erste Verliebtheit der Klassenkameradinnen Xiaolus drängt sich zunehmend das Träumen vom Märchenprinzen in den Vordergrund. Autos, Appartments oder Luxusgüter waren in den 90ern für Mädchen wie Xiaolu noch völlig utopisch. Deutlich wird das in Szenen, in denen sie sich schon das Ausgehen mit älteren Jugendlichen nicht leisten kann. Niemals jedoch sprechen die Mädels direkt über ihre körperliche Entwicklung oder über Sex. Die Frage, ob Xiaolu aus ihrer Rolle als kindliche Chronistin herausfinden wird, wirkte auf mich am Ende des zweiten Bandes als kräftiger Cliffhanger.