Rezension

Sehr atmosphärisch, aber nicht "rund"

Loney - Andrew Michael Hurley

Loney
von Andrew Michael Hurley

Bewertet mit 3 Sternen

In den 1970er Jahren hat es sich eine kleine katholische Pilgergruppe aus London zur Aufgabe gemacht, jährlich in der Karwoche nach "The Loney" zu reisen, und dort um die Heilung eines ihrer Brüder zu bitten. "Hanny" ist fast schon erwachsen, aber stumm und geistig auf dem Niveau eines Kindes. Seine Eltern und sein etwas jüngerer Bruder "Tonto" begleiten ihn, wobei "Tonto" derjenige ist, der "Hanny" am besten kennt und umsorgt. Die Gemeinschaft nimmt die Strapazen der Reise und der alten Unterkunft in einer düsteren und unwirtlichen Gegend an Englands tosender Küste auf sich, weil sie glaubt, auf diese Weise Gott am nächsten zu sein....30 Jahre später wird eine Babyleiche an genau diesem Ort gefunden und "Tonto" kommen mit einem Schlag alte Erinnerungen ins Bewußtsein, die ihn sein Leben lang unbewußt begleitet haben. Er schreibt die Begebenheiten auf und erzählt nun Geschichte von "The Loney"...

Dieses Buch hat mich einerseits fasziniert, andererseits aber enttäuscht.

Faszinierend ist die angenehme, äußerst atmosphärische Schreibweise des Autors. Ein unterschwelliger Grusel - eine böse Ahnung - begleitet mich als Leser von Beginn an. Tonto erzählt also die Geschichte und beschreibt die Mitglieder der Pilgergruppe als sehr streng religiöse Menschen, allen voran der leider verstorbene "Father Wilfred" sowie Tontos Mutter "Mummer". Sie glauben an die Wunder, die Gott vollbringt, wenn man ihm mit Haut und Haar ergeben ist. Diese extreme Einstellung teilt der neue "Father Bernard" nicht, er ist insgesamt deutlich offener und - ja - menschlicher. Natürlich ist dies ein großer Dorn im Auge von "Mummer", die fast schon auf fanatische Weise ihr einziges Ziel anstrebt - die Heilung ihres Sohnes Hanny. Gleichzeitig gibt es zwischen den Pilgern Differenzen, die ebenfalls gut und glaubhaft in Szene gesetzt werden. Die Bewohner des Ortes Coldbarrow (bei "The Loney") wiederum sind offenbar alles andere als gottgefällig. Fast schon überkommt einen das Gefühl, dass ein Gott an diesem Ort eher selten zu finden ist. Aberglaube spielt eine große Rolle, und die entsprechenden Rituale. Auch hat der Autor ein grandioses, düsteres Bild geschaffen von dem Küstenstrich "The Loney", der gefährlich und faszinierend zugleich ist.

Nicht gefallen hat mir, dass die eigentliche Handlung sehr, sehr langsam voranschreitet. Erst nach über 100 Seiten "passieren" Dinge, die mich eine Weile deutlich stärker an das Buch gefesselt haben. Hurley erzählt mit unendlicher Ruhe, die natürlich teils auch angenehm ist. Aber über lange Strecken keineswegs mitreißend. Immer wieder werden Gedanken zu Gott, Glaube, Aberglaube, Ritualen ausführlich dargelegt. Anfangs noch interessant, bremst es irgendwann den Lesefluss, gerade auch zum Schluß hin, enorm. Tja... und der Schluß... der hat mir nicht gefallen. Viel zu viele Fragen bleiben komplett unbeantwortet. Und ich mag "offene" Enden normalerweise durchaus gern. Hier aber fehlen logische Zusammenhänge und grundsätzliche Aufklärungen von Geschehnissen. Wer weiß, möglicherweise hat es der Autor genau so bezweckt: alles bleibt in der Schwebe, auf viele Fragen gibt es eben schlicht keine Antworten, Gut und Böse sind untrennbar miteinander vereint. Für mich aber ist es dadurch eine eher mühsame Lektüre gewesen, was ich sehr bedaure.

​Fazit: Extrem stimmungsvoll und düster. Teils sehr schön herausgearbeitete Charaktere. Insgesamt für meinen Geschmack aber zu langatmig mit unbefriedigendem, recht merkwürdigem Schluß. Leseempfehlung??? Von mir nicht unbedingt, aber ich wäre durchaus an anderen Meinungen interessiert, denn dieses - übrigens preisgekrönte - Buch scheint die Leserschaft zu spalten ;)

Kommentare

Aacher kommentierte am 14. September 2016 um 23:49

Die Leseprobe fand ich faszinierend. Muss jetzt echt mal sehen, ob mir das Buch in der Bibliothek in die Hände fällt.