Rezension

Sehr emotionaler Einblick in eine oft unterschätzte Krankheit

Alles so leicht
von Meg Haston

Bewertet mit 5 Sternen

Stevie hat einen Plan und der klingt genauso schrecklich wie er ist: Sie will sich zu Tode hungern. Sie hat sich einen festen Tag für ihr Ableben ausgesucht, den Todestag ihres Bruders, für dessen Tod Stevie sich verantwortlich fühlt. Heimlich beginnt sie immer weniger zu essen um immer weniger Mensch zu werden und das gelingt ihr leider sehr gut. So gut, dass ihr Vater irgendwann an den Punkt gelangt, Stevie in ein Therapiezentrum einweisen zu lassen.

Dort fühlt sie sich zunächst völlig fehl am Platz und missverstanden denn in ihren Augen muss sie ja gar nicht geheilt werden. Sie hat einen Plan und den will sie umsetzen und sie versucht alles um an diesem Plan festzuhalten.

Erst als Stevie sich ganz langsam öffnet und erkennt, dass die anderen Mädchen in der Klinik ihr immer mehr ans Herz wachsen, beginnt Stevie sich mit ihr und ihrer Krankheit wirklich auseinanderzusetzen.

Stevie ist noch so jung und wird schon von solch schrecklichen Gedanken geplagt, dass sie freiwillig ihre Gesundheit zerstört um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Und sie ist nicht die einzige, die so lebt. Die sich wortwörtlich zu Tode hungert, und das meist gut versteckt und oft lange unerkannt. Beim lesen dieses Buchs stellte ich mir nicht nur einmal die Frage wie viele Mädchen, die einem im Laufe eines ganz normalen Tages auf der Straße begegnen, von der Magersucht betroffen sind. Ich ging mit einem anderen Blick durch die Welt und bemerkte das ein oder andere auffällige Verhalten, was mir wohl sonst nicht ins Auge gestochen wäre.

Meg Haston erzählt wirklich eindrucksvoll und sehr authentisch von Stevie, die ihre Krankheit gar nicht als Krankheit sieht. Die Mädchen in der Klinik werden eingeteilt in "Grüne", "Gelbe" und "Rote", abhängig vom jeweiligen Gesundheitszustand, und Stevie ist stolz eine "Rote" zu sein. Sie empfindet die "Gelben" und "Grünen" als schwach und sträubt sich mit aller Kraft dagegen so zu werden wie sie.

Auch wenn ich ihre Krankheit nur bedingt nachvollziehen kann, konnte ich mich doch von Anfang an sehr gut in Stevie hineinversetzen. Dass ihr alles über den Kopf wächst und sie sich von ihrer Mutter missachtet fühlt und sich zudem die Schuld an dem Tod ihres geliebten Bruders gibt, das alles sind für mich durchaus nachvollziehbare Gründe in so eine Krankheit wie die Magersucht abzurutschen. Dass der Weg zur richtigen Selbsteinschätzung ein sehr langer und beschwerlicher ist, kann ich mir gut vorstellen auch wenn ich nicht betroffen bin.

Neben Stevie gefiel mir auch die "Seelenklempnerin" Anna sehr gut. Sie wendet sich voll und ganz Stevie zu und versucht für sie da zu sein, auch wenn Stevie das zu Beginn sehr stört und es lange dauert bis sie sich überhaupt darauf einlassen kann.

Auch die anderen Mädchen in der Klinik möchte man am liebsten an die Hand nehmen und für sie da sein, die Schicksale bleiben zwar zum Teil unaufgeklärt doch das was man erfährt, ist herzzerreißend und vermutlich sehr nah an der Realität.

Ich würde das Buch nicht unbedingt betroffenen Mädchen empfehlen denn ich denke die Trigger-Wirkung ist dann vielleicht gerade in der ersten Hälfte des Buchs doch zu stark möglich aber ansonsten kann ich "Alles so leicht" wirklich allen ans Herz legen.

Ich vergebe 5 von 5 Sternen!