Rezension

Sehr komplexer Weltenentwurf

The Bone Season - Die Träumerin - Samantha Shannon

The Bone Season - Die Träumerin
von Samantha Shannon

Aufmachung:
 
Dieses Buch enthält im vorderen Klappenteil ein Diagramm welches die Kasten der Hellseher kurz vorstellt. Weiterhin findet der Leser hier eine Karte der Strafkolonie Sheol I, der Ort, an dem die Protagonistin den Großteil der Handlung verbringen wird.

Im hinteren Teil des Buches befindet sich ein Glossar zur Erläuterung der im Roman verwendeten Begriffe.

 
 
Inhalt:
Als Paige auf ihrer Fahrt mit der Bahn in eine Kontrolle gerät, reagiert sie mittels ihrer magischen Fähigkeiten als Traumdeuterin und tötet versehentlich einen der Kontrolleure. Durch diese Tat werden die Wesen der Unterwelt, die Rephaim, auf das Mädchen aufmerksam.

In der Strafkolonie Shoel werden unter Aufsicht der Rephaim straffällige Seher entweder zur Rotjacken ausgebildet, die sodann gegen die menschenfressenden Emim ankämpfen sollen oder aber sie werden als Feiglinge (Gelbjacken) aussortiert. Im letzteren Fall dürfen die Seher nur noch als Akrobaten – sogenannte Clowns – zur Belustigung für die Rephaim auftreten.

Als Paige die Strafkolonie erstmals betritt und einem Ausbilder zugeteilt werden soll, meldet sich erst niemand für das Mädchen. Dann jedoch tritt der Blutgefährte höchstpersönlich vor. Als Gefährte der Anführerin wird er von allen Rephaim geachtet. Noch nie hat Arcturus einen Seher für sich beansprucht.

Paige möchte nur eins: Möglichst schnell von diesem Ort fliehen. Sie weiß weder zu schätzen, dass Arcturus sie nicht mit Schlägen bestraft, wie die anderen Ausbilder, noch dass er ihr einige Freiheiten einräumt. Der Blutsgefährte selbst verfolgt eigene Ziele. Er sieht etwas Besonderes in Paige. Er stellt sie vor die Wahl: Willst du eine Rotjacke und eine Kämpferin werden oder willst du als Clown für die Rephaim enden? Paige muss bald feststellen, dass die Gefahr um sie herum allgegenwärtig ist. Nicht alle sind ihr gut gesinnt und einige wünschen ihren baldigen Tod.

Wichtigste Charaktere:

Paige ist die Gangsterbraut des Syndikatschefs Jaxon. Zusammen mit den anderen Sieben Siegeln versucht sie gegen das Regime aufzubegehren. Sie ist eine Traumdeuterin und somit in der Lage in die Geisterwelt anderer Lebewesen einzudringen und andere Traumlandschaften in der Nähe zu erspüren. Ihre Fähigkeit ist sehr selten und sehr mächtig.

Arcturus ist der Blutsgefährte von Nashira. Er entscheidet sich dazu Paige Ausbilder zu werden. Paige soll bei ihm wohnen und die Prüfungen zur Rotjacke unter seiner Aufsicht antreten.

Jaxon ist der Boss des Syndikats. Zusammen mit den Sieben Siegeln stellt er sich dem Regime entgegen. Er ist skrupellos und neigt zum offenen Flirt. Paige über Jax: Er ist ein kriecherisch, kaltherziger, geiziger Arsch.

Nashira ist die Anführerin der Rephaim. Sie sammelt die Fähigkeiten der Seher und macht sie sich zu eigen.

Welt:

Der Roman spielt in London des Jahres 2056. Unter der Herrschaft von Scion leben Menschen neben Sehern. Seher sind jedoch in der Minderheit und werden vom Regime nicht akzeptiert.
Seherei wird von Scion als Hochverrat angesehen und mit dem Erstickungstod bestraft.

Scion hat die Stadt aufgeteilt. So gibt es sechs Parzellen, die wiederum aus sechs Sektoren bestehen. Jeder Sektor hat einen eigenen Denkerfürsten. Paige wohnt in Parcelle I Sektor 4. Sie ist der Protegé des Denkerfürsten Jaxon und arbeitet mit ihm fürs Syndikat.

Das Syndikat verdient sich sein Geld unter anderem damit, dass es Geister einfängt und auf dem Schwarzmarkt verkauft. Eine weitere Möglichkeit ist einen Geist in den Körper eindringen zu lassen und dessen besondere Fähigkeit zu nutzen. So gibt es zum Beispiel einen begnadeten Maler unter den Geistern, mit dessen Hilfe man Kunstwerke erschaffen und diese wiederum später auf dem Markt verkaufen kann.

Mit den sieben Kasten der Hellseherei, die in etliche Unterkategorien eingestuft werden können, gibt es die verschiedensten Arten von Sehern. So gibt es Traumdeuter, Kartenleger, Teeblattleser, Flüsterer und unzählige Gattungen mehr.

Es ist ratsam beim Tod eines Sehers umgehend die Threnodie zu sprechen. Tut man das nicht, so erhält der Geist des Toten nicht die ersehnte Freiheit und muss für die Ewigkeit an der Stelle seines Todes spuken.

Die Bewohner der Unterwelt die Rephaim sind vor einiger Zeit auf die Welt gekommen. Sie leben in der Strafkolonie Sheol. Scion tritt im Gegenzug für den Frieden regelmäßig einige Seher an die Rephaim ab. Diese Seher werden von den Rephaim wiederum als Kämpfer gegen die Emim (menschenfressende Wesen) oder als Unterhaltungsakrobaten genutzt.

Schreibstil:

Samantha Shannon schafft in ihrem Roman "The Bone Season" einen sehr komplexen und gut durchdachten Weltenaufbau. Diese Welt stellt sie auf den ersten Seiten ihres Romans vor. Hier benötigt der Leser ein wenig Geduld und Aufmerksamkeit, um sich mit diesen Neuerungen auseinanderzusetzen.

Paige berichtet aus ihrem Leben in der Ich-Perspektive. Sie nutzt dabei eine sehr abgeklärte Tonlage und wirkt auf den Leser ziemlich tough. Überhaupt ist sie sehr wortkarg und fungiert eher als analythisch-sachliche Beobachterin.

Als Paige vom Wächter (Arcturus) ausgewählt wird, merkt man als Leser bald, dass hier zwei sehr ähnliche Charaktere aufeinanderprallen. Beide sind nicht gerade emotional. Hier jedoch gerät die beherrschte und sture Paige erstmals an ihre Grenzen. Während Arcturus Schmerz und Beleidigung fast kommentarlos akzeptiert, gerät das Mädchen zumindest innerlich in Aufruhr. Ihre aufkeimende Wut prallt am Wächter ab. Er scheint nicht in der Lage zu sein, ihre Gefühle nachzuvollziehen oder aber sie sind ihm schlichtweg egal.

Auch redet der Wächter nur das Nötigste und schon gar nicht über sein eigenes Befinden oder über das von Paige. Die Anfangs sehr knappen Gespräche zwischen den Beiden entfalten sich über die Seiten hinweg etwas ausführlicher. Paige findet Freunde und öffnet sich ein wenig, was sich stark auf ihre Ausstrahlung und Entwicklung abfärbt.

Überhaupt ist die Diktion der Charaktere zueinander oftmals sehr abwertend und sarkastisch. Was wiederum für willkommene Reibungen im Dialog sorgt.

Auch wittert der geneigte Leser vielleicht eine Liebesgeschichte. Schließlich ist der Wächter sehr gutaussehend und hat sich im Gegensatz zu den anderen Rephaim nur einen Schützling gesucht.

Über die Seiten hinweg mag die Neugierde und auch die Spannung des Lesers immer wieder geweckt werden. Sei es zum Anfang noch die Welt, die er erkunden muss, so stellen sich später Fragen wie „wer ist der Feind und wer der Freund?“ oder „warum bekommt Paige drei Pillen, die sie regelmäßig schlucken muss anstatt wie die anderen nur zwei?“. Die unterschiedlichen Fraktionen (Syndikat/Scion/Rephaim/Emim/gefangengehaltene Seher in Sheol) sorgen für den Gedanken an einen drohenden Aufstand/Krieg im Laufe der Seiten.

Sehr oft werden in diesem Roman Rückblicke in Paige Vergangenheit eingebunden. Je nach Geschmack des Lesers kann so etwas erhellend oder ermüdend wirken. Die Autorin sorgt jedoch im Laufe der Geschichte mit einer sehr guten Erklärung für diese Flashbacks für eine eindeutige Meinung: Diese Rückblicke waren notwendig und man hat ja auch einiges über die Geschichte der Protagonistin erfahren.

 
 
Fazit:

The Bone Season ist ein spannendes Buch mit einem sehr komplexen Weltenentwurf. Die toughe und beherrschte Protagonistin wirkt mit ihrer kargen Wortwahl vielleicht anfangs etwas kalt. Durch ihren Schicksalsverlauf wird Paige jedoch an ihre emotionalen Grenzen getrieben und wird sich weiterhin entfalten.

Band eins baut eine solide Basis für einen rebellischen Zukunftsroman mit vielen fantastischen Elementen auf. Macht Lust auf mehr.

Buchzitate:

„Da irrst du dich, Bruder. Wissen ist gefährlich.“ Liss zog die Knie an. Genau das hatte Ducket auch gesagt. „Wenn man erst mal etwas weiß, wird man es nicht mehr los. Dann muss man damit leben, für immer.“

„Ich werde mich bestimmt nicht umbringen, nur damit du von Nashira ein Fleißbildchen bekommst.“

„Wir unterhalten uns gerade mal seit zwei Minuten, Paige. Versuch doch, dir noch ein wenig Sarkasmus für später aufzuheben.“

„Ist das wichtig, Paige? Glücklich zu sein?“ - „Wie kannst du nur denken es sei nicht wichtig?“