Rezension

Spuren einer geliebten Vergangenheit, auf denen ich als Leserin gerne gewandelt bin

The Particular Appeal of Gillian Pugsley - Susan Örnbratt

The Particular Appeal of Gillian Pugsley
von Susan Ornbratt

Bewertet mit 4.5 Sternen

Letztlich wird zwar auch in "The Particular Appeal of Gillian Pugsley" ein Familiengeheimnis enthüllt, aber der Schock ob dieser Wahrheit bleibt aus und im Allgemeinen ist die Handlung auf eher feinsinnige Weise dramatisch. Wer auf das große Spektakel aus ist, ist mit diesem Roman falsch bedient, aber wer gerne zuhört, wenn Grandma, oder eher schon Great-Grandma, von anno dazumal erzählt: Der dürfte sich an dieser Lektüre durchaus erfreuen.

Den 100. Geburtstag nicht ganz erreicht habend wird die Irin Gillian Pugsley, die längst in Kanada lebt, bald ihrer Krebserkrankung erliegen: Kurz vor ihrem Tod keimen ihre Jugenderinnerungen auf und sie überlässt ihrer gleichnamigen Enkelin Gillian die von ihr früher verfassten Gedichte, in denen sich ihre gemachten Erfahrungen und die damaligen Emotionen widerspiegeln. Die junge Gillian liebäugelt mit dem Gedanken an eine Karriere als Autorin und ihre Ahnin, fordert sie auf, aus ihren Gedichten die Geschichte ihres Lebens aufzuschreiben; dazu soll sie direkt nach ihrem Ableben auch eine Reise nach Europa unternehmen, um auf den Spuren der alten Dame durch Irland, wo sie aufgewachsen ist, und England, wohin es sie als junge Frau verschlagen hat, zu wandeln: Hier soll die junge Gillian das letzte fehlende Puzzlestück der Biografie der Vorfahrin entdecken ... Von Anfang an klar ist nur eins: Es geht um die Liebe, denn zum Erstaunen ihrer Enkelin gibt Gillian preis, dass sie ihre große Liebe bereits vor ihrem zwischenzeitlich verstorbenen Mann gefunden hatte - und als Leser erfährt man Stückchen für Stückchen, wie das damals alles so war und wie(so) die große Liebe endete: Die Kurzbeschreibung spricht ja bereits Christians eigenes Nichtwissen an, wieso Gillian ihn Anfang der 1930er unvermittelt verlassen hatte und sein eigenes Bestreben nach dem Zweiten Weltkrieg, Gillian zu finden:
So wechseln sich in "The Particular Appeal of Gillian Pugsley" letztlich drei erzählerische Zeitstränge ab: Da ist einerseits die Gegenwart und andererseits werden sowohl 1932, das Kennenlernen und den Beginn der Beziehung zwischen Christian und Gillian, als auch 1946, Christians Suche nach Gillian und deren damaliges Leben, thematisiert. Auch der Zeitsprung zwischen 1932 und 1946 ist somit enorm und ich hatte hier auch nie Probleme, nachvollziehen zu können, was nun wann stattfand; ein Durcheinander entstand da nie.

Ein wenig faszinierend ist der Umstand, dass die Enkelin von ihrer Oma aufgefordert worden war, deren Lebens- bzw. Liebesgeschichte rein aus den übergegebenen Gedichten, die sich auch im Roman wiederfinden und Kapitel/Zeitstränge voneinander abgrenzen, zu ziehen und in ein Buch zu fassen: Letztlich weiß man als Leser gar nicht, ob dies Gillians echte Biografie ist oder ob die Enkelin sie um die Gedichte herum gestrickt hat; nicht unwahrscheinlich auch, dass es ein Mix aus Beidem ist (dass die Enkelin Erkenntnisse aus den Gedichten gezogen hat, die ihre Europareise später verifizierte): Aber die Handlung verläuft nie in Bahnen, von denen man denkt, dass das Leben die Großmutter nicht tatsächlich duirch sie hindurchgelenkt hat.  
Die "Beziehung" zwischen Christian und Gillian fand ich eingangs ein wenig zu zaghaft dargestellt, aber klar: das war 1932, und im 1946er-Zeitstrang zeigte sich wiederum mehr Moderne; man erkannte einen deutlichen Kontrast zwischen vor dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Zweiten Weltkrieg, der ansonsten aber doch gemeinhin einfach übersprungen wurde. Nichtsdestotrotz hatte ich Schwierigkeiten, den Kontakt zwischen Christian und Gillian im Jahre 1932 als intensiv oder überhaupt von Liebe geprägt zu empfinden; mich erinnerten die Beiden da eher an freundschaftlich mitreinander verbundene Bekannte, die sich sehr schätzten und galant miteinander umgingen; demzufolge fand ich Gillians Grund für ihr überstürztes Verlassen des Landes und somit auch Christians sehr überzogen und dachte bis zuletzt: "Wirklich? Deswegen bist du gegangen?" (Später erklärt sie ihren Entschluss, der da nachvollziehbarer wird; dennoch fand ich, dass das ganz große Drama, mit dem man hätte rechnen können, ausgeblieben war. Der Buchbeschreibung zufolge würde ich da mit weitaus mehr Spektakel gerechnet haben.)

Für konstante Spannung sorgte natürlich die Frage, warum Gillian schliesslich einen Anderen als Christian geheiratet hatte; von vornherein weiß man, dass es für Gillian und Christian kein happy end gab und trotzdem klingt die gesamte Erinnerung allenfalls melancholisch, aber nie kreuzunglücklich oder depressiv.

Ein wenig überrascht hat mich der Fakt, dass die Taschenbuchausgabe des Romans nur 338 Seiten umfasst: Mir erschien die Geschichte epochaler, imposanter, was nun nicht bedeutet, dass ich stellenweise das Gefühl gehabt hätte, die Geschichte würde sich ziehen. Ich empfand sie definitiv als kurzweilig; es wurde ein Rückblick in eine interessante Vergangenheit gewährt; der Roman war toll erzählt, aber: Ich hatte eben im Nachhinein den Eindruck, mir sei viel mehr erzählt worden als dass man es auf 338 Seiten bereits würde unterbringen können. 
Aber dies ist ein Roman, den ich insbesondere denen empfehlen würde, die auch die Romane der deutschen Autorin Charlotte Roth sehr schätzen oder sich im englischsprachigen Bereich auch für "Otto and Etta and Russell and James" von Emma Hooper haben begeistern können.