Rezension

Time stands still

Der Klang der Zeit - Richard Powers

Der Klang der Zeit
von Richard Powers

David Strom ist ein Jude, gerade noch rechtzeitig aus Deutschland geflohen, von Beruf Physiker, und er liebt die Musik. Delia Daley ist eine schwarze Amerikanerin mit einer großen musikalischen Begabung. Beide treffen sich in einem historischen Augenblick: Marian Anderson, die Sängerin, die auf einer Europatournee Triumphe gefeiert hat, aber nicht in Washingtons Konzerthalle singen darf, weil sie schwarz ist, gibt dank der First Lady ein Freiluftkonzert, und Tausende Zuhörer kommen. Für die Schwarzen ist Marian ein Symbol und dieses Konzert eine Demonstration. David kennt zwar Verfolgung, doch er denkt nicht in der Kategorie Hautfarbe. Als die beiden sich kennenlernen und sich gleich zueinander hingezogen fühlen, weiß Delia, dass ein Wiedersehen unmöglich ist, doch David akzeptiert ihre Absage nicht. Eine gemischtrassige Ehe ist in einigen Bundesstaaten verboten; hier ist sie zwar gesetzlich erlaubt, aber welche Schwierigkeiten sie mit sich bringt, ist beiden nicht bewusst. Sie möchten einfach eine Familie sein und ihre Kinder zu Toleranz und Weltoffenheit erziehen. Und natürlich auch mit Musik! Alle drei Kinder sind hoch begabt, doch Jonah ist eine Ausnahmeerscheinung: Mit seiner Stimme verzaubert er schon als Kind die Zuhörer, und er wird zu einem der weltbesten Tenöre. Aber kann ein Mischling eine Karriere als Sänger machen?

Das Buch zeichnet die Geschichte einer Familie von 1939 bis 1995 auf. Es ist eine Familiensaga mit Charakteren, die den Leser berühren; es ist eine Geschichte der USA mit ihren Rassenkonflikten; und es ist eine Geschichte voller Musik. Von Dowlands "Time stands still" und Schuberts "Erlkönig", von Gregorianik bis Hip Hop reicht der Bogen, den Powers spannt. Und er lässt die Musik klingen - mir jedenfalls geht es bei der Lektüre so, wenn immer wieder Stücke beschrieben werden, die ich kenne und liebe. Und es stellt sich natürlich auch die Frage nach der Rolle der Musik: Kann sie völkerverbindend sein? Oder ist sie eine Kunst für den elfenbeinernen Turm, ohne Bezug zur Umwelt? Ist Musik politisch? Und was hat Kunst mit dem Leben zu tun?

Nicht alle Antworten, die Powers hierzu findet, sind auch meine. Auch den physikalischen Ausführungen von David kann ich nur teilweise folgen. Und trotzdem: Ich finde dieses Buch wunderbar. Wegen der Musik, wegen der historischen Genauigkeit, wegen der Charaktere, wegen der Botschaft. 

Kommentare

katzenminze kommentierte am 16. Januar 2017 um 19:03

Hihi, "Time stands still" ist gerade auch mein Eindruck vom Buch: Es zieht sich gefühlt wie Kaugummi... Dabei ist es so schön geschrieben! Und die Charaktere sind toll, genau wie du sagst. Ich hoffe ich finde noch rein.

naibenak kommentierte am 17. Januar 2017 um 16:15

Aha... dies Buch meinst du, Minzi ;) Steht auch auf meiner WuLi schon etwas länger. Wenn du es nicht magst, wäre ich nicht abgeneigt ;-)))