Rezension

Unschuld oder Reinheit?

Unschuld
von Jonathan Franzen

Pip Tyler heißt eigentlich Purity, doch diesen Namen verwendet sie lieber nicht. Reinheit hat sich ihre Mutter für sie gewünscht, und sie hat sie allein erzogen: Die Mutter lebt in einer Hütte, ernährt sich vegan und kümmert sich vor allem um ihr spirituelles Streben. Pips Probleme sind handfester: Sie hat hohe Schulden für ihr Studiendarlehen, einen obskuren Job und ist verliebt in einen verheirateten Mann. Nur zu gern möchte sie ihren Vater kennen lernen: Der könnte doch, anstelle der nie gezahlten Alimente, ihre Schulden abzahlen! Doch leider weigert sich ihre Mutter, den Namen des Mannes zu nennen. Pip wird angeworben, im Projekt des berühmten Whistleblowers Andreas Wolf als Praktikantin mitzuarbeiten. Sie erhofft sich, bei dessen Internet-Recherchen etwas über ihren Vater herauszufinden. Und so macht sie sich auf nach Bolivien...

Dies ist ein Buch über interessante Persönlichkeiten: Pip, ihre Mutter, Andreas Wolf, dessen Eltern und seine erste Liebe Annagret, Tom und seine verlorene Liebe Anabel und seine langjährige Lebensgefährtin Leila... Was alle diese Menschen verbindet, stellt sich nach und nach heraus. So wird dieses Buch auch zu einer Familiengeschichte, zu einer Beschreibung von psychischer Krankheit und zu Pips Entwicklungsroman. Es beschreibt das Leben in der DDR, die Wendezeit, Leben in der USA und die Enthüllungen des Internet. Die Sehnsucht nach Reinheit und nach einem sinnvollen Leben treibt viele der Protagonisten an, doch die Realität verlangt Kompromisse und macht es unmöglich, ohne Schuld zu leben. Eine echte Partnerschaft zwischen Mann und Frau scheint nirgendwo zu funktionieren. 

Dieses Buch ist ein dicker Wälzer, in den man eintauchen kann. Franzen schildert die Charaktere lebendig; auch wenn die wenigsten sympathisch sind und psychische Probleme an der Tagesordnung sind, wirken die Menschen doch glaubwürdig. Doch über die Einzelschicksale hinaus berührt Franzen auch größere Themen: Historische wie das Leben in der DDR, politische wie die Macht des Internets und psychologische wie die Beziehung zwischen Mann und Frau. 

Da kann man nur hoffen, dass Pips Entwicklung tragfähig wird und sie zu einem besseren Leben als die ältere Generation findet.

Kommentare

naibenak kommentierte am 01. Februar 2016 um 09:28

Erst kürzlich habe ich meinen ersten Franzen gelesen (Die Korrekturen) und war begeistert. Deine Rezi ist prima und macht sehr neugierig auf sein neuestes Werk. Das wird dann vielleicht mein nächster Franzen werden :-) Dankeschön!