Rezension

Viel versprochen, wenig gehalten

Das geträumte Land - Imbolo Mbue

Das geträumte Land
von Imbolo Mbue

„Für sie war Amerika synonym für Glück.“ (S. 349) Für Jende und Neni Jonga geht es um den amerikanischen Traum: Sie wollen sich eine Zukunft in Amerika aufbauen, wollen die Ärmlichkeit Kameruns hinter sich lassen. Jende verdingt sich als Tellerwäscher und Taxifahrer und versucht es mit einem Asylantrag, Neni hat ein Studentenvisum und träumt davon, Apothekerin zu werden. Beide nehmen Mühsal, Arbeit, Unsicherheit und Armut auf sich, um den amerikanischen Traum auch für ihre Kinder wirklich werden zu lassen.

Auf der anderen Seite stehen Cindy und Clark Edwards: Sie ist von Beruf reiche Gattin, er verzockt als Investmentbanker bei Lehman Brothers den amerikanischen Traum an der Wallstreet. Indem Jende Clarks Chauffeur wird, werden die beiden Welten einander gegenübergestellt: Die Einwanderer mit Visionen hier, die weiße Obersicht mit Illusionen dort. Dass die Spiegelglasfassade von Lehman Brothers nur zu bald zerbrechen wird und die Bankenblase an der Wallstreet bald mit einem großen Plop platzen würde, weiß der Leser und erwartet die literarische Gegenüberstellung und den Weg, den ein Roman aus dem Plot weisen kann. Das bleibt leideraus; stattdessen begleiten wir Jende zu oft zur Arbeit, Neni zu ihren Freundinnen und die Edwards ins Ferienhaus, um vor allem immer wider über Alltägliches und gebackene Bananen informiert zu werden.

Die Handlung schlägt mit Finanzkrise um: Clark Edwards verliert seinen Job, Jende ebenfalls, Cindy Edwards verliert das Vertrauen in ihren Mann, Neni ebenfalls. Der amerikanische Traum ist bedroht: Jende und Neni mangelt es an Geld und außerdem droht Jendes endgültige Abschiebung zurück nach Kamerun. Wie kommen die beiden da wieder heraus? Wie können sie ihren Traum doch noch Wirklichkeit werden lassen - er als gemachter Mann in New York, sie als Apothekerin?

Gar nicht. Die Träume zerplatzen einfach wie die Finanzblase der Wallstreet nach einander. Überdies ordnet sich Neni ihrem Mann unter, obwohl er ihr intellektuell und charakterlich unterlegen ist, womit auch der Traum einer modernen, emanzipierten Ehe zerbirst. Fassungslos nimmt der Leser zur Kenntnis, dass plötzlich die Heimat wichtiger sei als der Plan einer besseren Zukunft, dass Jende Neni schlägt und damit durchkommt und dass die ganze Familie auf dem Rollfeld in Limbe, Kamerun, aufsetzt.

Was Mbue in ihrem Debutroman anfänglich aufbaut - das Beziehungsgeflecht zwischen den Jongas und den Edwards und den Paaren untereinander, wird nahezu ungenutzt durch ein anliegenfreies Ende desavouiert. Die Chance, die hohle Bankenfassade der Wallstreet-Haie, die verlogene Oberklassen-Familienidylle, das pseudoliberale Weltbild einer vom Traum auf eine bessere Zukunft getriebenen Einwanderergeschichte gegenüberzustellen und aus dieser Spannung einen bedeutenden Mehrwert zu gewinnen, wird weitestgehend verschenkt.

Mbues Blick für Details macht immer wieder Freude: Wie verhält man sich in einer Bar, wenn man keinen kennt? Wie trägt man eine Krawatte? Was isst man bei Jongas daheim? Darin liegen die Stärken der Autorin, deren Roman ansonsten länglich wirkt und am Ende enttäuscht. Schleierhaft, warum die Kritiker sich allgemein so lobend äußern. Der Originaltitel ist „Behold the Dreamers“ - Schaut Euch die Träumer an. Vielleicht ist das sogar ironisch gemeint? Die Träume platzen, die Finanzblasen platzen, die Hoffnung auf einen guten Roman platzt.

Plop!