Rezension

Vielschichtig, komplex, beinahe perfekt.

Hier bin ich
von Jonathan Safran Foer

Bewertet mit 4 Sternen

"Nächstes Jahr in Jerusalem", das schreibt Jacob seinem Cousin Tamir jedes Jahr. Weil man das halt so macht. Aber nicht meint. // Wie unglaublich merkwürdig, dass ich (auch) noch nie in Israel gewesen bin. Obwohl ich es meinen würde, wenn ich es schriebe! Weil ich ein Angsthase bin, halt, bin ich noch nicht dort gewesen. Doch in Israel, speziell in Jerusalem, sollte man gewesen sein. Glücklich kann sich schätzen, wer Jerusalem mit eigenen Augen gesehen hat! Jonathan Foer (wer benennt sich nach Safran?) hat einen Roman über Juden geschrieben, aber noch mehr einen über Amerika. Schade, dass Israel nicht sein Hauptaugenmerk geblieben ist, dafür gibts Punktabzug!

Sam ist eine Hauptfigur unter vielen. Er ist ältester, heranwachsender Sohn einer säkular-jüdischen, in den Staaten lebenden, gut situierten Familie mit lebender Verwandtschaft in Israel. Er steht kurz vor der Bar Mitzwah, auf die vor allem seine Mutter besteht, die Wert darauf legt, wenigstens äußerlich Reste jüdischer Tradition zu erhalten, während innerlich der Bezug verloren gegangen ist. Sind sie denn noch Juden? In den sich zuspitzenden Familienkonflikten scheint für eine Auseinandersetzung über die Ambivalenz der Familie gegenüber dem Jüdisch-sein, zunächst kein Platz zu sein.

Sam wird erwachsen, doch lebt er noch mit sich selber im Clinch. Sexuelles Erwachen und intellektulles Begreifen der Umwelt bringt ihn in emotionale Nöte. Das Computerspiel „The other life“ hilft ihm, sich zu sortieren.

Sams Eltern, Julia und Jacob, ringen um ihre Ehe. Sie sind dem amerikanischen Wunschtraum erlegen, das Streben nach persönlichem Glück sei das Höchste auf Erden, dem alles andere unterzuordnen sei. Dennoch spüren sie, dass dabei etwas nicht stimmig ist und dass es nicht so leicht ist, sich zu trennen. Da löst ein starkes Erdbeben in Israel eine politische Katastrophe aus und zwingt die Familie, sich stärker zu positionieren.

J.S. Foer hat in einen Ehekonflikt hinein, ethische Fragen gestellt, die zunächst einmal nichts mit Judentum zu tun haben. Was darf ich und was darf ich nicht, wo ist meine Verantwortung, wieviel Schmerz bin ich bereit anderen zuzufügen, um mein persönliches Wohlbefinden zu steigern? Doch ein jüdisches Paar in den Staaten mag sich noch so sehr an seine nichtjüdische Umwelt angepasst haben, es bleibt ein jüdisches Paar und je mehr es versucht, sich von seinem Ursprung zu lösen, desto mehr fällt es immer wieder gerade auf sein Judentum zurück, unwillkürlich und zwangsläufig. Dies wird besonders deutlich, als Isaak, Sams Urgroßvater und Jacobs Großvater, inmitten der politischen Krise stirbt und die Familie beinahe widerwillig, die Shiva, eine mehrtägige Totenwache, an Isaaks Lager abhält und ihn ebenso widerwillig nach jüdischem Ritus begräbt. Allerdings hatte Isaak, die Shoah erlebend und überlebend, ein viel entschiedeneres Verhältnis zu Israel als seine Kinder:

„When the destruction of Israel commenced, Isaac Bloch was weighing whether to kill himself or move to the Jewish Home“. Das ist der erste gewichtige Satz des Romans. Man vergißt ihn fast im Fortgang der Geschichte, doch er hat Bedeutung.

Dass amerikanische und israelische Juden aus unterschiedlicher Sicht „die Situation“ des Staates Israel inmitten seiner arabischen Nachbarn betrachten, sollte nicht erstaunen. Wer inmitten des Raketenhagels sitzt und tagtäglich den Ausrottungsdrohungen der Nachbarn ausgesetzt ist, mag die Zweistaatenlösung weniger propagieren und sich weniger durch palästinensische Einzelschicksale anrühren lassen, als derjenige, der sicher jenseits des Großen Teichs Sprüche klopft. Das alles bringt J.S. Foer aufs Tapet. Es ist ein Roman aus jüdischer Perspektive, doch nicht nur und vor allem nicht nur für jüdische Leser. Foer hat mit „Here I am“ einen Roman geschrieben, der sich vielfältig damit auseinandersetzt, was oder wer eine jüdische Person ist. Nationalität, Herkunft, Geschlecht, Alter, Religion, Familie, Moderne Gesellschaft, Schicht, alles prägt. Aber was am meisten?

Der Holocaust kann nicht ausgespart werden. Sam begreift ihn nicht, weil er unbegreifbar ist und in seiner Kindlichkeit identifiziert er sich mit dem Hass des Urgrossvaters, der zu ihm sagt:

„.. a Jewish person should never buy a German product of any kind or size, never put money into a German pocket, never visit Germany, never not cringe at the sound of that vile language of savages, never have any more interaction than what simply could not be avoided with any German of any age. Inscribe that on the doorpost of your house and on your gate.“

Denn
„…when non-Germans had not intervened, the Germans would have murdered every single Jewish man, woman and child on the planet.“ Auch Sam. Das heißt, er ist Jude. Ob er will oder nicht. Er und seine Familie. Denn das Jüdisch-sein ist keine Wahl, die man hat. Nicht nach dem Holocaust. Was ihn am meisten ausmacht, ist: „It was the feeling of beeing Jewish.“

Foers Stilmittel sind so vielschichtig wie seine Story. Wortspiele, Witz, spiralförmige Dialoge über Gott und die Welt, psychologisch exakte Beobachtungen, Schlagzeilen, Computerspiele, Nachrichten, jüdisches Brauchtum, Religion, Geschichte, Politik, alles kann er brauchen, und stellt es in der Figur des Jacob zur Disposition.

Komplexe Figuren bewohnen den Roman, Ideenreichtum ist da, das Ganze ist sicher komponiert, nie läuft die Handlung aus dem Ruder, Foers Roman bietet reichlich Stoff zum Nachdenken. Sicher braucht man am Anfang Geduld, bis sich das vom Autor entworfene Bild richtig entfaltet hat und man sich an die oft langen Dialoge gewöhnt hat. Auch weiß der Leser nicht, auf was es hinauslaufen soll, die Figuren streiten miteinander, ringen aber auch mit sich selber!

Herzstück des Romans ist der kontrovers geführte Dialog zwischen Familienvater Jacob und seinem Cousin Tamir, der in Israel lebt und der in den USA gestrandet ist. Tamir wirft Jacob vor, er beklage sich über sein Leben auf hohem Niveau (was genau meine Meinung widergibt) und dass seine vorgebliche Liebe zu Israel eine weichgespülte Version sei. Jacob dagegen behauptet, Jerusalem sei lediglich eine hehre Idee.

Man hat in Foers „Here I am“, wenn man nicht so tief denken mag, gleichzeitig einen Familienroman über die Familie Bloch, einen Young adult bezüglich Sam Bloch oder einen Politthriller angesichts der geschichtlichen Tragödie. Aber letztendlich geht es um jüdische Identität in einer antisemitischen Umwelt.

Alles in allem hat Foer jedoch die persönliche Nabelschau einer Ehe quantitativ und qualitativ über den politisch-historischen Zusammenhang gestellt, versehen mit krassen Zeitsprüngen hintenraus, was angesichts der vorher akribischen Erzählweise merkwürdig anmutet.

Fazit: Vielschichtig, komplex, beinahe perfekt.

Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
Verlag: Hamish Hamilton/Penguin Books, 2016

Kommentare

katzenminze kommentierte am 08. Januar 2017 um 14:11

Auf englisch? Da hätte ich kapituliert...

naibenak kommentierte am 08. Januar 2017 um 16:13

Toll, Wanda! Ich freu mich drauf es bald zu lesen :-)