Rezension

Was ist geblieben?

So enden wir - Daniel Galera

So enden wir
von Daniel Galera

Bewertet mit 2.5 Sternen

Sie waren unsterblich – damals, Ende der Neunziger, wütend und voller Aufbruch, drei Jungs und eine Frau, Protagonisten der neuen Gegenkultur aus späten Punks, krassen Künstlern und digitalen Bohemiens. Allen voran Duke, riesiges Schriftstellertalent, genialisch, unnahbar. Jetzt ist Duke tot, zufälliges Opfer eines Raubüberfalls, es ist das Jahr 2014 und Porto Alegre wie paralysiert von der sengenden Hitze und dem Streik. Am Grab ihres alten Mitstreiters kommen Aurora, Antero und Emiliano zusammen, nach einer gefühlten Ewigkeit wie Fremde. Unweigerlicher Blick zurück: Wie war das früher, und was ist aus ihnen geworden, aus den Idealen, Lebensplänen, Hoffnungen? Und: Wer war dieser Duke wirklich? War er ihr Freund? Oder hat er sie nicht doch bloß für seine Zwecke benutzt? Die immer skurrilere Suche nach einer Antwort führt die drei zu einer Hinterlassenschaft, die so berührend wie erschütternd ist.

Bewusst setze ich hier den Klappentext voran, damit ersichtlich wird, worum es dem Verlag nach hier geht. Vor allem das Ende des Verlagstextes machte mich neugierg - doch um es gleich vorweg zu nehmen: hier wurde ich enttäuscht. Viele Fragen werden nicht beantwortet, und auch von der berührenden und erschütternden Hinterlassenschaft habe ich nichts gefunden.

Tatsächlich geht es hier um vier ehemalige Freunde, die nach Jahren bei der Beerdigung von einem der ihren wieder aufeinandertreffen. Andrei Dukelsky, von allen nur Duke genannt, der wohl genialste Kopf unter ihnen, ist ermordet worden, zufällig, ausgeraubt und erschossen, und Aurora, Antero und Emiliano schauen zurück und auf das, was geblieben ist.

Seinerzeit in den Neunzigern, als das Internet noch in den Startlöchern stand, gaben die damaligen Studenten gemeinsam ein avantgardistisches Online-Magazin heraus: das Orangotango. Die vier Freunde gehören zu der Generation, für die sich durch das junge Medium plötzlich eine neue Welt auftat, in der noch alles möglich schien, wo man sich ausprobieren und neu erfinden konnte. Viel Idealismus und Engagement, die später durch Google und Social Media, Big Data und den Digitalkapitalismus überrollt wurden und zum Erliegen kamen.

In den 15 Jahren seit Orangotango haben sich die vier Freunde ziemlich aus den Augen verloren und sind ihren eigenen Weg gegangen. Duke wurde ein gefeierter Schriftsteller, der sich privat jedoch sehr zurückzog und einen Sozialautismus pflegte, der auch beinhaltete, dass er alle persönlichen Daten und Profile im Internet löschte, was fast schon an Paranoia grenzte.

Aurora ist Biologiestudentin und bemüht sich gerade um die Zulassung zu ihrer Doktorarbeit, was ihr im ersten Anlauf jedoch ungerechtfertigterweise von einem Professor verwehrt wurde. Sie macht sich große Sorgen um die ökologische Zukunft der Erde und verzweifelt nahezu an der unaufhaltsam scheinenden Entwicklung - Überbevölkerung, Nahrungsmittelknappheit, Klimaveränderungen u.v.m. Zu dem ohnehin melancholischen Ton des Buches trägt Auroras Perspektive eine eindeutig depressive Note bei.

Antero besitzt eine erfolgreiche Werbeagentur und nutzt dabei das Internet gekonnt für seine Zwecke. Er hat eine Frau und einen zweijährigen Sohn, was ihn aber nicht an außerehelichen intimen Kontakten hindert. Er ist gewohnt sich zu nehmen, was er braucht, ist dem Alkohol sehr zugetan und trauert seiner Zeit als Sexidol vieler Mädchen hinterher. Trotz aller Möglichkeiten, die ihm offenstehen, macht er einen zutiefst einsamen Eindruck.

Emilio schließlich ist ein paar Jahre älter als die anderen drei und arbeitet als freier Journalist. Er bekommt den Auftrag, über den verstorbenen Schriftsteller Andrei Dukelsky eine Biografie zu schreiben, was er nach anfänglichem Zögern auch zusagt. Er beginnt zu recherchieren und hält Interviews, verliert sich jedoch auch in eigenen Erinnerungen - z.B. an seine erste homoerotische Erfahrung mit Duke.

Überhaupt Erotik - tjaaa, Daniel Galera hält sich hier mit z.T. explizit ausgearbeiteten Sexszenen nicht zurück. Dies hat mich in der geballten Form phasenweise doch angewidert. Sex sells? Provokation? Schlussendlich nehme ich einfach mal an, dass es selbst bei diesen Szenen eher um die Einsamkeit ging - und um die Rolle des Internets. Abgedreht fand ich den Versuch Anteros, in einem Vortrag zwischen Algorithmen und den perfiden pornografischen Veröffentlichungen des Marquis de Sade einen logischen Zusammenhang herzustellen.

Erzählt wird hier wechselweise aus der jeweiligen Ich-Perspektive von Aurora, Antero und Emilio, wodurch der Leser die Charaktere allmählich kennenlernt, in der Rückschau der drei auf die gemeinsame Vergangenheit dabei auch ein Bild von dem verstorbenen Duke bekommt. Die Erzählung wird durch den ständigen Perspektivwechsel einerseits zerfasert, bringt andererseits aber auch unterschiedliche Schwerpunkte ins Spiel.

Sprachlich ist der Roman hoch anspruchsvoll. Schachtelsätze über 13 Zeilen sind keine Seltenheit, in den einzelnen Kapiteln gibt es keinen einzigen Abschnitt, alle paar Seiten höchstens mal einen Absatz - das war schon recht anstrengend zu lesen. Aber gerade in der ersten Hälfte fühlte ich mich unter intellektuellem Begrifflichkeitsbeschuss. Zu Beginn der Lektüre ahnte ich nicht, dass ich hier derart ständig nach irgendwelchen Begriffen googlen musste: 'Poetischer Terrorismus', 'chirurgische Bombardierung', 'Rhizome', 'Simulakren', 'Fanzine'... Ein wütendes Minenfeld von Begrifflichkeiten und Phrasen, die schwer oder nicht zu verstehen sind und mich als Leser durch die Seiten stolpern ließen. Bei Sätzen wie "...Lektüre durch Poststrukturalismus beeinflusster künstlerischer Manifeste..." (S. 49) hatte ich schließlich nur noch das Empfinden von intellektuellem Geschwafel und Worthülsen. Als Kontrapunkt dazu setzt Galera immer wieder auch Fäkalsprache ein, was mich jedoch ebensowenig ansprechen konnte. Ganz unglücklich sind dann Sätze wie: "Hin und wieder meldete sich meine abgesaugte Gebärmutter und jaulte mich an wie ein Hund..." (S. 156), was ich mal einer an dieser Stelle hoffentlich verunglückten Übersetzung zuschreiben möchte.

Mit der zweiten Hälfte des Romans habe ich insgesamt weniger kämpfen müssen, doch insgesamt lässt mich das Buch eher ratlos zurück. Worum geht es hier eigentlich? Es gibt jedenfalls keine Kernaussage, allenfalls Aspekte, die zum Nachdenken anregen - Kritik am Digitalkapitalismus, Gesellschaftskritik, Verfall der Werte, Mahnung hinsichtlich der ökologischen Entwicklung des Planeten, die Vereinsamung bei zunehmender Überbevölkerung, virtuelle Welt vs. Realität u.v.m. Zu viel? Vielleicht.

Ein Roman über die Desillusion einer Generation, die die Welt neu erfinden wollte. Melancholisch und düster, und nur am Ende mit einem winzigen Lichtblick.

© Parden