Rezension

Wow...ein emotionaler, tiefgründiger, wunderbarer Familienroman!

Vom Ende der Einsamkeit
von Benedict Wells

Bewertet mit 5 Sternen

„Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind, dachte ich. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.“ (S. 136)

Jules und seine älteren Geschwister Liz und Marty müssen den wohl größten Schock in ihrer Kindheit erleiden, den man sich vorstellen kann: Mutter und Vater kommen auf tragische Weise bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Kurze Zeit später kommen alle drei in eine Internatsschule, wo jeder auf seine ganz eigene und andere Weise mit der Verarbeitung dieses Schocks umgeht. Während Jules sich mehr und mehr in sich zurückzieht, lenkt Liz sich mit extremer Zerstreuung ab und Marty mutiert zum eifrigen Musterschüler schlechthin, mit dem einen oder anderen Tick. Dann trifft Jules auf Alva, ein besonderes Mädchen mit ebenfalls bewegter Vergangenheit, und bald schon sind sie dicke Freunde. Doch das Kindheitstrauma holt Jules bis ins Erwachsenenalter immer wieder ein, lässt ihn zweifeln, zögern und sich immer wieder fragen, wer er eigentlich ist und was er will…

„ ‚Du bist nicht schuld an deiner Kindheit und am Tod unserer Eltern. Aber du bist schuld daran, was diese Dinge mit dir machen. Du allein trägst die Verantwortung für dich und dein Leben. Und wenn du nur tust, was du immer getan hast, wirst du auch nur bekommen, was du immer bekommen hast.‘“ (S. 185)

Dies ist ein Roman, der mich nach langer Zeit wieder dazu gebracht hat, Zitate in mein Büchlein zu schreiben. Wunderschön, diese Sprache. Warmherzig, leicht fließend, weise. Geschrieben hat Wells die Geschichte aus der Sicht von Jules, dem jüngsten der drei Geschwister. Auf diese Weise erfahre ich intensiv, wie es um sein Gefühlsleben steht und kann mich wahnsinnig gut in ihn hineinversetzen – manchmal möchte ich ihn in den Arm nehmen, dann wieder schütteln und am Ende klappe ich das Buch mit einem guten Gefühl zu. Ich muss nicht mehr auf ihn Acht geben, denn er ist auf einem guten Weg ;) Nicht ganz so intensiv, aber auch sehr klar und nachvollziehbar lerne ich die wichtigen Nebencharaktere kennen – Alva, Liz, Marty. Sie alle sind mir im Laufe der Geschichte sehr ans Herz gewachsen. Sie kämpfen sich durch ihr Leben – mit Höhen und Tiefen. Aber alle haben gemeinsam, dass sie nicht aufgeben. Auch deshalb, weil sie Menschen an ihrer Seite wissen, die an sie glauben. Das hat mich sehr beeindruckt und das macht auch ein bisschen den enormen Sog aus, den dieser Roman auf mich ausgeübt hat. Wells erzählt bildhaft und kompakt – es gibt kein einziges Wort, das überflüssig wäre. Ach und dann sind da wieder diese oftmals philosophisch angehauchten Textstellen, die mich innehalten und dieses Buch lieben lassen.

"Was, wenn es die Zeit nicht gibt? Wenn alles, was man erlebt, ewig ist und wenn nicht die Zeit an einem vorübergeht, sondern nur man selbst an dem Erlebten? Ich frage mich das oft.“ (S.327)

Fazit: „Zunächst dachte ich: Das ist der beste John-Irving-Roman, der nicht von John Irving stammt. So melodramatisch sich der Plot anhört, so sorgfältig konstruiert Wells seine über drei Jahrzehnte spielende Familienaufstellung, entwirft glaubhafte Charaktere mit psychologisch faszinierenden Liebesbiographien und unvergesslichen Bildern. Benedict Wells ist ein Hammer von einem Familienroman gelungen.“ Der Tagesspiegel

Besser könnte ich es auch nicht zusammenfassen ;) Eins meiner Jahreshighlights <3 Von mir also eine unbedingte Leseempfehlung!

Kommentare

katzenminze kommentierte am 23. Juli 2016 um 19:46

Oh, das hört sich wirklich toll an. Die Zitate die du ausgewählt hast, machen richtig Lust auf dem Roman. Auf meiner WuLi ist er ja wie du weißt soweiso schon gelandet. ;)

Und fein, dass es mal wieder mit einer Rezi geklappt hat!! ^.^

naibenak kommentierte am 24. Juli 2016 um 13:39

Dankeschön! ♥ Und ja, jetzt kommen sie wieder, die Rezis ;) Gleich die nächste - hahaha :D (muss ja *lol*) Dieses Buch hier bekommt so viel Lob von allen Seiten, dass es fast schon unheimlich ist und ich anfangs auch sehr skeptisch war ;) Da ich aber erst kürzlich "Becks letzter Sommer" gehört habe, was ich klasse fand, war ich auch ein bisschen zuversichtlich und neugierig. Es hat sich sowas von gelohnt!  ♥
 

katzenminze kommentierte am 26. Juli 2016 um 13:25

Ich glaube man darf einfach nie mit so wahnsinnigen Erwartungen an ein Buch gehen. Auch wenn man schon viel Gutes darüber gehört hat. Da ist die Enttäuschung fast vorprogramiert. Deswegen ist die Skepsis sicher ein sehr guter Plan gewesen! ;)

parden kommentierte am 28. Juli 2016 um 17:41

Bisher mein Lieblingsbuch in diesem Jahr - und ich habe schon viel gelesen. Wirklich ein überaus beeindruckender Roman für so einen jungen Autor. Hut ab!

naibenak kommentierte am 11. August 2016 um 10:54

Parden... gerade habe ich ein Buch beendet, das alles getoppt hat - sogar dieses hier :D Ich sag nur: Lauren Groff! Rezi folgt auch bald ;)

Federfee kommentierte am 11. August 2016 um 10:48

Und ich habe es immer noch nicht gelesen. Aber die lobenden Stimmen sind so zahlreich ... das muss man einfach glauben. (Auch ein Eintrag in die WuLi) ;-)

Steve Kaminski kommentierte am 02. Oktober 2016 um 23:14

Eine schöne Rezension - ich hab es vor einigen Wochen einer Freundin zum Geburtstag geschenkt, die es auch toll fand. Ich hab's noch nicht gelesen - wird aber irgendwann auch noch kommen.