Magazin

Virgil Kane - Books & Stories

Lesung

Wahrscheinlich hört wieder kein Schwein zu...

Wie es wirklich ist, als unbekannter Autor auf der Frankfurter Buchmesse zu lesen.

Ich bin der Autor eines Romans. Ich bin Selfpublisher. Das bedeutet, ich habe das Manuskript einem Dienstleister geschickt und der hat es gegen Entgelt gedruckt und dafür gesorgt, dass das fertige Buch als solches im Markt wahrgenommen werden kann. Es hat eine ISBN-Nummer und kann von jedem Buchhändler und in jedem Online-Shop geordert werden. Gedruckt und ausgeliefert werden die Bücher „on-demand“, d.h. nach Bestellung. Der Rest ist nun mein Job. Der Marketing-Erfolg des Romans liegt vorrangig in meiner Hand. Das ist der Preis dafür, sich nicht mit Verlagen herumschlagen zu müssen, die bei jeder Gelegenheit betonen, unaufgefordert eingesandte Manuskripte im günstigsten Fall in einem tibetanischen Keller zu stapeln.

Marketing kann ich. Dachte ich. Mein Brot verdiene ich mit der Werbung für Investitionsgüter und diese Güter finden ihre Kunden. Kann beim eigenen Roman nicht so schwer sein. Dachte ich. Inzwischen ist ein halbes Jahr seit der Erscheinung des Buches vergangen. Fein aufeinander abgestimmtem Maßnahmen wie Leserunden in einschlägigen Online-Foren, eine eigene Website, Facebook und Instagram sowieso, dazu Visitenkarten, Buchverpackungen, Werbegimmicks und Berichte in lokalen Zeitungen, sowie Anzeigen und Banner in deutschsprachigen Fachblättern bilden einen bunten Strauß an Marketing-Aktionen auf sämtlichen Kanälen. Alles in allem floss auf diese Weise ein vierstelliger Betrag in die Vermarktung des Romans und schien gut angelegt. Es gibt Facebookseiten-Liker, Instagram-Follower, Bekannte, die den Autor an der Supermarktkasse ansprechen und Kollegen, die sich als Literaten outen und signierte Gratisexemplare oder Zeitungsbiere einfordern. Was es nicht gibt sind Käuferinnen und Käufer für mein Buch. Man sagt mir das Cover sei mies. Man sagt es hat zu viele Seiten. Man flüchtet sich in Äußerlichkeiten. Was dagegen steht und mich bestärkt: beinahe jede(r), der/die sich auf die Geschichte einlässt, wird von ihr gefangen.

Selfpublishing ist ein wachsender Markt. Und wie jeder wachsende Markt bekommt er seine Marktbegleiter. Anbieter von Publishingleistungen, Verbände und Autorenkommunen wachsen wie die Pilze aus dem Trittbrettfahrerboden und umgarnen die Autoren mit ihren Leistungen: Cover-Desiger, Lektorate, Übersetzer, Hörbuchverfasser und vieles mehr. Nicht zuletzt versuchen auch die großen Buchmessen sich ein Stück vom ohnehin schon sparsam gezuckerten Selfpublisherkuchen abzuschneiden und bieten Lesungen in „Authors-Cornern“ an. Sie treffen damit mitten ins Herz der Selfpublisher. Wer von uns will seine Anstrengungen nicht mit einer Performance auf dem Olymp der Bücherfreunde krönen? Dreissig Minuten Vorlesen für zweineinhalb Grüne fallen nach all den bisherigen Bemühungen nicht mehr ins Gewicht. Was, wenn während der Lesezeit ein prominenter Bücherfreund vorbeischlendert, sich die Schnürsenkel binden muss, dabei unfreiwillig drei Schlüsselsätze aus dem Roman aufschnappt und ihn superklasse findet? Wir Schriftsteller rechnen ständig mit dem Unmöglichen – Selfpublishen ist Leben am Limit.

Der Rest ist schnell erzählt. Eine dunkle Ecke am Autorenstand, akustisch fragwürdig beschallt, ein Stehtisch, ein Monitor für die begleitende Projektion, zehn kleine Hockerlein im Halbkreis davor. Ich bin schon vor meinem „Slot“ dort und informiere mich über den Ablauf. Die Crew ist freundlich und bemüht, man sagt mir ich solle zehn Minuten vor Beginn wiederkommen. Als es losgeht bekomme ich ein Headset und die Steuerung für den Bildschirm. Dann beginnt die Lesung. Ich bin ruhiger als erwartet, das Üben zuhause hat mich sicher gemacht. Ich versuche, mich auf den Text zu konzentrieren und nicht dauernd ins Publikum oder auf den Gang zu schielen, um nach Zuhörern Ausschau zu halten. Dreissig Minuten vergehen wie im Flug. Nach der Hälfte der Zeit beginnt meine Stimme zu kratzen und ich bin froh um das mitgebrachte Getränk. Exakt nach der berechneten Zeit endet meine Lesung nicht ohne meinen Hinweis, dass nun Gelegenheit wäre, ein vom Auto signiertes Exemplar des Romans zu erwerben. Hierzu hatte ich zehn Bücher in meinen Trolley gepackt und eines davon nebst Visitenkarten auf einer kleinen Präsentationsfläche drapiert. Dort wartet nun die nächste Vorleserin darauf, dass ich den Platz endlich räume, damit sie ihr eigenes Angebot auslegen kann.

Von den zehn Büchern nehme ich neun wieder mit nach Hause. Eines hat eine Selfpublisher-Kollegin gegen ihres eingetauscht. Im Publikum saßen acht Leute, sechs davon aus der eigenen Familie, dazu die Dame, die nach mir ihre Lesung hatte und ein Passant, der offenbar ein wenig vom Trubel in der restlichen Halle ausruhen wollte. Ich packe meine Sachen und gehe um eine Erfahrung reicher ins große Teehaus auf dem Messeplatz. Dort wird Sebastian Fitzek erwartet. Dort ist der wahre Olymp. Ich habe noch nicht mal an der Tür gekratzt....

Aber soll ich Euch was sagen, Leute: Es hat Riesenspaß gemacht. Im März kommt Leipzig. Ich werde es wieder tun. Frei nach meinem Kollegen Samuel Beckett:
Ever tried, ever failed - no matter.
Try again, fail again, fail better!

 

Mit herzlichen Grüßen, Virgil Kane

In unseren Herzen die Welt Lesung in der Frankfurt Authors Corner, FBM 2019