Rezension

Angst vor düsteren, verfallenen Ecken einer Großstadt

Das Mädchen in Rot
von Aaron Frisch Roberto Innocenti

Bewertet mit 5 Sternen

Ein gnomenhaft winziges Ömchen tront strickend in einem spielzeuggefüllten Raum und erzählt einer staunenden Kindergruppe das Märchen vom Mädchen im roten Kapuzenmantel. Aus einer Ecke glotzt ein Ork, ein Würfel kann sich auf Händen und Füßen vorwärts bewegen, aus dem Maul eines Spielzeug-Hais ragt ein Fuß. Morbides und Lustiges ist auf Innocentis detailreichen Bildern zu entdecken. Das Märchen von Sophia im roten Mantel spielt in einer Großstadt. Hier wohnen Menschen wie in Bienenwaben über- und nebeneinander. Der Ausschnitt aus der Fassade eines Mehrfamilienhauses zeigt die mögliche Vielfalt: einsame Menschen, aber auch Idylle pur auf blumenberankten Balkons. Warum sich jemand wohl durch Gitter schützt und Säcke auf dem Balkon lagert? Sophia lebt hier mit Mutter und Schwester in einer modernen Wohnung. Sophia soll auf ihrem Weg zur Großmutter "am anderen Ende des Waldes" nicht vom Weg abkommen, mahnt die Mutter. Ein Schritt ins Treppenhaus führt das Mädchen an Graffitti vorbei, der Schritt aus dem Haus konfrontiert sie mit Obdachlosigkeit und beginnendem Verfall. Welches Sophias Weg ist, ist im Verkehrsgewühl einer Großstadt mit Straßenmusik und blinkendem Glanz der Einkaufsmeilen nur schwer zu erkennen. Ohne erkennbaren Übergang zwischen Glanz und Verfall befindet Sophia sich plötzlich in einer düsteren Ecke der Stadt, in der Menschen auf der Straße und unter Brücken leben. Auch die Großmutter lebt in einem betagten Wohnwagen direkt unter der Autostraße. Gruselig gekleidete Cliquen lauern in Hinterhöfen und wecken Assoziationen an Rudel. Von wolfsgleichen schwarz gekleideten Motorradfahrern hat Sophias Mutter nichts gesagt. Der Betrachter wird zurückgeführt zu Sophias Wohnhaus, wo als sicherer Hafen in der Dunkelheit nur noch ihre Mutter Licht hat und auf Sophias Rückkehr wartet. Im Spielzeugzimmer ist der gestrickte Schal inzwischen auf einige Meter angewachsen - während bei den abgebildeten Zuhörern aus Angst um Sophia Tränen geflossen sind.

Mit der Konfrontation von neonleuchtendem Wohlstand, privater Idylle und den verrufenen, verfallenen Ecken einer Großstadt ist Roberto Innocento in seiner Rotkäppchen-Adaption ein beeindruckendes Bilderbuch gelungen, das die Freude am Entdecken von Details weckt. Die Altersempfehlung des Verlages ab 5 Jahre bedeutet nicht, dass das Buch ohne Rückhalt durch Erwachsene für jedes Kind geeignet ist. Gerade die nächtlichen Szenen und die schwarz gewandeten Gestalten können kindliche Ängste wecken.