Rezension

Appetitanreger und diplomatischer Vermittler

Sprachen - Gaston Dorren

Sprachen
von Gaston Dorren

Bewertet mit 5 Sternen

Oh, oh! Neulich, bei meinen Nachbarn, regte sich doch tatsächlich jemand über diese neumodischen Vornamen auf, die Eltern heutzutage ihren Neugeborenen geben. Schließlich wüsste man ja gar nicht, wie man diese schreiben, geschweige denn, aussprechen sollte. Im Beisein einer Mutter, deren Sohn Elyas heißt, wenig diplomatisch und außerdem, angesichts unserer Sprachgeschichte, etwas zu kurz gedacht! Ich hätte dieser Person gern das Buch vor die Nase gelegt, aber dafür habe ich es zu lieb gewonnen, das Buch, nicht den Nachbarn!

Leise Befürchtungen, eine sprachwissenschaftliche Abhandlung ins Haus geholt zu haben, konnte ich schon ab dem ersten Kapitel ad acta legen. Während im Inhaltsverzeichnis unter den Abschnitten nur stur die jeweils behandelten Sprachen zur Aufzählung kommen, werden dann die eigentlichen Kapitel immer mit einer treffenden, mal ironischen, mal witzigen Anmerkung versehen. So bleibt der Spruch "Ein bisschen PIE schadet nie" (Kap1) im Gedächtnis, PIE bekommt eine greifbare Bedeutung (Protoindoeuropäisch), und das Wissen um das europäische Sprachgemisch nimmt Form an.
Von getrennten Geschwistern und Muttersöhnchen ist genauso die Rede, wie von Sprachwaisen und zerbrochenen Krügen. Im zweiten Abschnitt gehts dann ziemlich kriegerisch zu. Da tauchen dann verfaulte Imperien und Kriegsverliererbeute auf. Aber klar, warum sollte es mit der Sprachgeschichte anders gehen wie mit den Menschen selbst. Was der Mensch durchleidet, schlägt sich auch in den Sprachen nieder, Krankheiten, Kriege, Völkerwanderungen, Fremdbesatzungen, aber Gott sei Dank auch Landschaften (Berge - Küste), Geografie (die Isländer können da ein sehr eigenwilliges Wörtchen mitreden) und das Wetter! Man redet also nicht nur übers Wetter, sondern auch mit dem Wetter!
Das, ach so leidige, Thema Grammatik übersteht man auch in diesem Buch mit Schwung und Sarkasmus. Man muss die Wörter ordentlich verdrehen und ein paar Präfixe, Flexeme dranhängen, schon trifft man mit Sicherheit eine Sprache. Und wenn man alles anders schreibt, als man hört, dann ist es Englisch.

Nun, ganz so dogmatisch geht Dorren nicht zu Werke. Er zählt auf, gibt Beispiele und regt an. Die Kapitel sind kurz und übersichtlich, die Tiefe leidet darunter ein wenig, erkauft sich damit aber (meine) volle Aufmerksamkeit. Gut unterhalten, merkt man dann auch gar nicht, wie schwierige Klippen zur Rechtschreibung und Alphabetvielfalt umschifft werden.

Alles in allem ist das Buch ein toller Appetitanreger für weitergehende Studien und ein diplomatischer Vermittler in der scheinbaren Fremdheit mancher europäischer Regionen. Also, nicht gleich losmeckern, wenn man mal was nicht versteht, sondern fragen, woher es kommt!