Rezension

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Auf MESSERs Schneide: Harry Hole am Scheideweg seines Lebens. GESTÄNDNIS-WAHRHEIT-STRAFE!

Messer - Jo Nesbø

Messer
von Jo Nesbø

Bewertet mit 3.5 Sternen

packender Thriller & niederschmetternde Tragödie ungeheuren Ausmaßes (mit bitterem Nachhall) NUR im ullstein-Verlag! Einer der erfolgreichsten Krimiserien der Welt wartet aktuell mit dem 12.Fall auf

Der knapp 50jährigen Harry Hole, Ex-Star-Kommissar des Osloer Dezernats für Gewaltverbrechen, träumt von den einst unsagbar glücklichen Zeiten mit seiner Ehefrau Rakel und den an Sohnes statt angenommenen Jungen Oleg. Die wunderbare Beziehung ist vor einigen Wochen in kolossale Brüche auseinander gegangen - ausgelöst wirklich nur durch Harrys völliger Todesangst sie zu verlieren und seiner Vorahnung einer traurigen Gewissheit, daß etwas passieren werde, sowie wiederholtem Rückfall in Alkoholexzesse? Svein Finne, ein heute 77jähriger, sadistisch pervers-veranlagter Gewaltverbrecher & Wiederholungstäter, ist zu einer Nemesis Harry Holes transformiert, erst recht seit der nach 20jähriger Haft Entlassene Hole Rache und Vergeltung geschworen hat. Kürzlich wieder rückfällig geworden in den Suff erwacht Harry in seiner Wohnung: er versucht verzweifelt, sich an die vergangenen Stunden zu erinnern - ihn konsterniert das viele Blut an seiner Hand, seinen Kleidern. Doch da ist rein gar nichts - blos ein merkwürdiges, pures und totales Blackout! Bleibt die von seinem Freund & Arbeitskollegen, dem Kriminaltechniker Bjørn Holm, vorläufig erklärende Schilderung dazu, ihn betrunken, nach einer raufenden Auseinadersetzung mit dem neuen Barbesitzer Ringdal zu Hause abgesetzt zu haben, wirklich so schlüssig? Auch will Harry (noch) nicht so ganz diesen brachialen Schnitt in sein Leben verstehen, daß Rakel, nach all den Höhen & Tiefen, nun tatsächlich einen endgültigen Schlußstrich vollzogen zu haben scheint  – aber dem Leser wird es dämmern warum, und die wohl für jederFrau ernüchternde Wahrheit aufgedeckt.                                                                                                                                                     

Wie wird Harry Hole in seiner momentanen psychischen Verfassung nun auch noch auf das bestialische Vergehen an einer ihm geliebten Person, endgültig aller Hoffnung beraubt, kontern? Wird das eigentliche Ziel, Finne wieder zu verhaften und seiner Verurteilung zuzuführen, bzw. ihn ein für alle Mal zur Strecke zu bringen überhaupt möglich sein? Ist jener HIER überhaupt der verantwortliche Verbrecher? WER ist dann der Täter, die Täterin? Will wer Harry schaden - werden IHM selbst gar Fallen aufgestellt, oder, wird er erneut zum Jäger mutieren? Wie wird sich Harry Hole am Sch(n)eidepunkt seines Lebens entscheiden - und wird es diesmal der richtige Weg sein?

// „Seit der Steinzeit stechen sich die Menschen gegenseitig ab (...) Die Angst steckt in uns(...) Der Gedanke, dass jemand durch deine Haut dringt, in dich eindringt, das zerstört, was in dir ist. Was dich ausmacht.“ //

Im Bann dieses anspruchsvollen & fesselnden Pageturners kann der Leser dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen, welches sich um Geständnisse, Wahrheiten, die eines Tages ans Licht kommen, und Bestrafung für Betrug handelt.   Darüberhinaus wird wie hoch die Hemmschwelle Gewalt auszuüben ist thematisiert, ein zentraler Aspekt ist, daß Töten angeblich helfe sich besser zu fühlen, und, was das Töten mit einem Menschen machen kann. Auf PTBS wird ausführlich und sehr gut eingegangen, Rotkreuzorganisationen hilfreich erklärt, Foltermethoden nebst "D & Q" erläutert. Auch wie manche das Schicksal in skrupellose Hände nehmen und es terrorisierend und zerstörerisch über andere ausspielen und so über deren Leben/Tod, Glück und Leid einfach bestimmen.

Mit zunehmendem bis zum Ende von Anfang an konstanten Spannungsbogen werden aus ganz unterschiedlichen Perpsektiven die Wege dieses Kriminalfalls einer persönlichen und zerschmetternden Tragödie wie in einem Puzzel aufgearbeitet, die hier zusammenführen auch teils, aber nur momentan, auseinanderdriften, in Sackgassen zu enden scheinen. Auch dem gewieften und erfahrenen Leser könnte es widerfahren, so denn er nicht aufpaßt, sich an mindestens zwei Stellen, (Teil I aussen vorgelassen) v.a. gen Ende, in von Nesbøs verstrickte Finten zu straucheln, die dann doch nur kurzfristig ausgelegt sind. Es ist ein wenig wie ein Abklopfen aller möglichen in Betracht & Verdacht kommenden Personen – wovon selbst Harry nicht ausgeklammert wird, obwohl die Leserschaft ihn als einzigen, gleich und durchgehend, trotz all der belasteten und gegen ihn klagenden Indizien ausschließen zu können meint.                                                                 DEN einen beim intensiv Leser logischen aufkeimend und enthüllenden Lösungsansatz weiß der Autor geschickt auszubremsen, ja wieder auszurangieren und damit vorzeitig zu entwaffnen. Wie in einem aus divers-ausgeformten Stecksteinchen zusammengefugten Gemälde erschließt sich nach und nach das schlüssige Gesamtbild, man erhält sehr wohl Antworten trotz zahlreicher anderer Gabelungen und besonders die letzten Etappen und der Ausgang des kriminalistischen Falles, welcher auch mit Flashbacks und Flashforwards gespickt ist, läßt das verfolgende Lesepublikum kaum zum Atemholen kommen.

Bravourös-orchestriert finden sich auch einige bereits aus anderen Bänden der Reihe bekannte Nebenfiguren zu einem Wiedersehen ein, dennoch wird dabei ein absoluter Harry-Hole-Serie-NeuEinsteiger trotz bildhaftem Ausbau in einem unproblematisch-flüssigen Schreibstil mit zeitweise berstender Lesespannung beschenkt.

Die persönlichen Erfahrungen und Präferenzen des Autors hinsichlich des in der Krimistory eingewebten Musikfächers (er selbst war ja u.a. Gitarrist & Sänger der erfolgreichen norwegischen Band „Di Derre“/dt. ‚die da‘) liefern dem Leser kleine, entscheidende Hinweise (achtet auf die Platten, bzw. einsortierten Titel und ihre lyrics).

 

Kommentare

kassandrasrufe kommentierte am 17. September 2019 um 09:35

bitterer Nachhall:

NEGATIVPUNKTE ****SPOILER-ANFANG
Was mich 1½ Sterne abzuziehen veranlaßte, ist der Umstand, daß gleich FÜNF Frauen sich gewissenlos an verheiratete Männer ‘ranschmeißen und jene auch noch wie selbstverständlich dem nachgeben, gerne zu Seitensprüngen, heimlichen Sexualbeziehungen ohne jegliche Bedenken einstimmen. Kein einziger Lichtblick, nicht mal ein Paar in dem Wälzer von Buch das ein bißchen was Motivierendes aufleuchten läßt. Warum muß es ein verheirateter Mann, auch noch mit Kindern, sein? es sind doch nicht die einzigen auf dieser Welt, es gibt doch noch so viele andere, freie, nette Männer. Warum nicht TREU bleiben, einfach nein sagen, beim JA zur eigenen Auserwählten bleiben?! ((Nein, es ist nicht selbstverständlich noch normal, seine Gattin/seinen Gatten dir nichts mir nichts zu betrügen. Treue sollte ernst genommen werden, oder, bitteschön, so aufrichtig sein u. einfach von vornherein zu einem promiskuitiven Lebensstil stehen, und erst gar nicht ein saloppes Versprechen vor dem Seelenverwandten oder noch sogar vor Gott abgeben; wenigstens so fair sollte man/frau sein, der/dem bisherigen Partnerin/Partner mit RESPEKT zu begegnen und VORHER, VOR einem Betrug reinen Tisch zu machen, um eine Trennung zu bitten, ohne sie/ihn ERST lange zu hintergehen, zu belügen.))
!! Denn, wäre manN treu geblieben, wäre dieser Krimi nicht so dermaßen tragisch!!
Und zum Zweiten:
Warum Harry Hole DIE zwei entscheidenden Vorkomnisse der vergangenen Monate dermaßen VERDRÄNGT und aus seinem Gedächtnis komplett ausgesperrt hatte, ((da die Wahrheit so unerträglich ist?! aufgrund Auswirkungen seiner PTBS?! der Schock darüber läßt ihn wie Bianca ausblenden!! überhaupt: wie kann Harry sich selbst als Rakels Mörder in Betracht ziehen, warum kennt er sich so schlecht?// er hat es, -seinen Betrug-, unterbewußt?, mit Absicht! getan, weil er sie, das einzig Gute in seinem Leben, gar nicht verdient, weil er ihr unwürdig sei - alsSelbstbestrafung??)), auf diese Klärung, die genaue Aufschlüsselung, den psychologischen Tiefenhintergrund, DAS Ausschlaggebende schlechthin, daß er sich diesen beiden nicht stellt, keine einzige Entschuldigung, oder irgendetwas (!) dazu, verlauten läßt, -sind diese ja die TRIGGER letztenendes für die gesamte Erzählung, (sonst wäre es ja gar nie erst zu diesem Drama gekommen) - bleibt im Finale unausgesprochen! und irritiert deshalb so, weil ja wirklich auf alles andere und explizit in jeder Hinsicht, ausführlich, erläuternd eingegangen wurde.
((Und: etwas entrüstend ist auch, daß er kaum von der Gattin Rakel - seiner einzig großen Liebe - getrennt, (noch nicht mal Scheidung eingereicht), sofort mit einer ihm unsympatischen Frau Sex hat, und, kurz nach Rakels so unerwarteten, entsetzlich blutigen Tod mit jemand anderem schläft -- wäre denn hier, in dieser konzisen Zeitphase, --das Buch spielt ja in einigen Wochen/ca.3 Monaten--, nicht viel eher eine Reaktion in holistischer Trauer, gerade bei ihm und seinen Alkohlausflüchten, zu erwarten?))
Und zum Dritten:
FAZIT:
Daß Harry Hole stockbesoffen noch zum Sexakt überhaupt potent genug ist, damit Ehebruch begeht, obendrein ein Kind zeugt, noch dazu mit der Arbeitskollegin und Frau seines besten Freundes!, und durch diese Untreue den schlimmst widerlichen Verrat an der angeblichen Liebe seines Lebens begeht, diese Respektlosigkeit, ehrlose Verlogenheit ist ein zerstörender Mord an Rakels Seele – wie ein Messer das ins innerste Herz eindringt, und das absolut enttäuschendste, ja fast schändlichste im Buch, das bisher Desaströseste was sich Harry a$Hole geleistet hat – ist ER doch kein Verbrecher, sondern ein sensibler, intensiv denkender Mann. Aber, er war ja betrunken! Katrine ist schuld! (und, überhaupt, die Erkenntnis dazu erfolgt erst später! Auslöser seines Selbstmordversuches war mit nichten DAS sond. der eigene Mordakt-Verdacht an Rakel - und doch beginn er ja quasi Beziehungsmord) Und man mag es nicht fassen, daß H.H. bei all seinem ausgefeiltem kriminalistischen Spürtrieb, -der sieht, was andere nicht sehen,- jetzt erst gen Ende (!) des Buches, wenn auch nach Rakels Tod endlich mal trocken und aus seiner Betäubung aufgewacht, checkt + realisiert, allen anderen war es ja klar, daß Baby Gert sein leiblicher Sohn ist, und er jetzt immer noch nicht eindeutig Stellung bezieht, sondern wie der Serientäter Finne seinen weiteren Schicksalsweg über einen Würfelwurf(!) entscheiden lassen will zeigt auf, wie hoffungslos H.H. verhaftet bleibt, da er nicht mal Angesichts des katastrophalen Mordes an Rakel sein Leben zu verändern vermag. Er bleibt wohl auf ewig Gefangener im Trott seiner Dämonen und seiner selbst damit führerlos. Dieser doofe Würfel auf den letzten Zeilen des Wälzers hat mir auch meine aufblühende Zuversicht hinsichtlich des weiteren, positiven Werdegangs Harrys total zerschlagen, Hader vergällt mir, einen weiteren Band zu Harry Holes neuesten Fällen aufzuschlagen.

Im Ausgang der Erzählung bleibt wohl dann eine der beeindruckensten Charaktere der auch mit dunklen Schatten kämpfende Ex-Militärchef-Oberleutnant der militärischen Spezialeinheit FSK, Roar Bohr (Rakels Chef im Nationalen Institut für Menschenrechte; er scheint wenigstens seiner Frau treu zu sein), der Vergewaltigten und Ermordeten oder wie seiner Schwester Bianca dadurch in den Selbstmord-Getriebenen Gerechtigkeit zukommen läßt – wenn auch auf seine ganz eigene, spezifische doch zielsichere Weise.
SPOILER ENDE *****

Für Harry Hole wünsche ich mir sehr, daß er dem Teufel Alkohol zu entsagen endgültig dabei bleibt, um sich am Ende für den nur einzig richtigen Weg zu entscheiden - welcher Verantwortung zu übernehmen und sich einer Zukunft zu stellen, für sein Kind, mit einschließt.