Rezension

Aus meiner Comfort-Reading-Zone herauskatapultiert

Rat der Neun - Gezeichnet - Veronica Roth

Rat der Neun - Gezeichnet
von Veronica Roth

Bewertet mit 3.5 Sternen

Die Kurzbeschreibung verrät bereits, dass wir es dieses Mal nicht mit einer typischen Dystopie zu tun bekommen. Doch was genau ist "Rat der Neun" eigentlich? Welches Genre sollte man ihm zuordnen? In welche Abteilung einer Buchhandlung kann man den Roman einsortieren?

Ich bin der Meinung, dass sich die Unterhaltungsliteratur immer mehr vom typischen Schubladen-Genre-Denken verabschiedet - und das ist auch gut so. Jugendbuch? Fantasy? Young Adult? Dystopie? Science Fiction? All Age? Liebesroman? Bei all den Bezeichnungen kann man schnell den Überblick verlieren. Wäre es nicht viel schöner, wenn man einfach die Geschichten sprechen lassen würde? Ganz ohne Schublade oder vorgegebenen Rahmen?

Aber zurück zum Roman und zu Veronica Roths neuer Geschichte. Tatsächlich kann und möchte ich ihn nicht in die EINE Schublade legen, denn in "Rat der Neun" steckt mehr als bloß Fantasy oder bloß Sci-Fi.

Für mich als geübte Contemporary- und ungeübte Fantasy-Leserin gestalteten sich die ersten 200 Seiten als kleine Herausforderung. Ich bekam es nicht nur mit einer völlig neuen Welt zu tun, sondern mit einer ganzen Galaxie. Und wäre das sehr ungewohnte Setting nicht schon beeindruckend und mächtig genug, prasselten gleich zu Beginn einige ausgefallene Namen auf mich ein, die ich wohl niemals korrekt aussprechen können werde. In den ersten Kapiteln musste ich immer wieder kurz zurückblättern um nachzusehen, ob Eijeh nun der Bruder, die Freundin, der Vater oder doch die Mutter von Akos ist.

Im 1. Teil und somit auf den ersten knapp 50 Seiten lernte ich Akos, seine Familie, sein Volk und seinen Heimatplaneten Thuvhee kennen. Ich flog mit einem Gleiter, bestaunte Eisblumen, nahm an einer Zeremonie teil und schnappte die Wörter Lebensgabe und Schicksal auf, bis sich die Ereignisse mit einem Mal überschlugen. Akos Familie wird brutal überfallen und er, zusammen mit seinem Bruder, entführt.

Der 2. Teil ist der zweiten Protagonistin gewidmet. Cyra wächst in einem ganz anderen Umfeld auf als Akos. Schon früh lernt sie, welche Macht ihre Familie hat und dass die Narben, die den Arm ihres Bruder zieren, nicht von ungestümen Raufereien oder Spielen im Unterholz stammen, sondern die Anzahl seiner Opfer skizzieren.
So langsam begriff ich schließlich auch, was es mit einer so genannten "Lebensgabe" auf sich hat. Den Begriff hatte ich bereits im ersten Teil aufgeschnappt, jedoch noch nicht ganz einordnen können. Jeder Mensch verfügt über eine Lebensgabe. Cyras Gabe ist mehr Fluch als Segen. Sie verspürt starke Schmerzen, kann aber auch anderen, durch bloßes Handauflegen, eben solche Schmerzen zufügen.

Beide Protagonisten fand ich von Anfang an spannend. Akos machte mich aufgrund seiner ruhigen, überlegten und doch emotionalen Art neugierig und bei Cyra wollte ich unbedingt hinter die Fassade schauen. Auch wenn sie mir nicht so sympathisch erschien wie Akos, stachelte sie mich sogar noch ein bisschen mehr an.

Natürlich treffen die zwei Protagonisten schon bald aufeinander und es entsteht eine Abhängigkeit. Worin diese Abhängigkeit besteht, das verrate ich euch nicht. Viel schöner ist es doch, wenn ihr es selbst herausfindet. Cyra braucht Akos und Akos braucht Cyra, doch sind beide Absichten miteinander kombinierbar? Spielt einer der beiden vielleicht ein falsches Spiel?

Es geht um Vertrauen, Macht, Angst, Intrigen, Verrat, Gefühle, Träume, Gewalt, Krieg, Eroberung, Glaube, Verlust, Ausbruch und Hoffnung. Macht euch auf eine gewaltige Geschichte gefasst und nehmt euch ausreichend Zeit, um in diese neue Galaxie einzutauchen. Ich muss sagen, dass mich die 600 Seiten aus meiner Comfort-Reading-Zone herauskatapultiert haben. Auch wenn mir das Lesen nicht leicht fiel und ich stellenweise kurz vorm Aufgeben war, konnte mich die Geschichte beeindrucken.