Rezension

Bittersweet Symphony

Das Labyrinth des Fauns
von Cornelia Funke Guillermo Del Toro

Bewertet mit 5 Sternen

Ich bin gefühlsmäßig implodiert. Film wie Buch sind nichts für zarte Nerven und Seelen.

„Alles Verlorene kann wiedergefunden werden.“

Wer den Film kennt wird bemerken, daß die Lektüre in einem doch sehr unschuldig wirkenden Cover daherkommt.

Aufwändig mit allerlei Raffinesse gestaltet, dunkel zwar, aber mystisch verspielt wie viele All-Ager.

„Tintenherz“ hatte mich damals so sehr gelangweilt, daß ich über den ersten Teil der Trilogie nicht hinausgekommen bin.

Ich war bei Veröffentlichung des Faun´schen Labyrinth´s vor allem darauf gespannt, wie eine Bestsellerautorin von Jugendbüchern die in ihrer Brutalität schockierenden Filmszenen umgesetzt hat.

Mit kritischsten Stirnfalten habe ich die Leseprobe begonnen. Den Prolog habe ich gut verkraftet, aber es brauchte tatsächlich nur vier Sätze im ersten Kapitel, um Hirn und Herz dahinschmelzen zu lassen.

Ich kann mich nur an ein Buch erinnern, das mich nach so wenigen Worten dermaßen stark faszinieren konnte. Ein literarischer Schockzauber einer sehr mächtigen Künstlerin. Über die Augen direkt die Leseseele getroffen und gebannt.

Für mich beinhaltet dieses Buch einen der schönsten in Worte gefassten Anfänge, die ich je gelesen habe. Der Wald ist ein Geheimnis, dunkelmagisch leuchtend und ich schritt hinein in ihn und seine Geschichte und vergaß alles um mich herum.

Noch keine 20 Seiten... und jede Menge Sätze, die ich in einer Kindle-Version für mein Clipboard markiert hätte. („Hätte“ weil ich entgegen meiner Gewohnheit – ohne es bereut zu haben – mir die HardcoverAusgabe gegönnt habe. Den Preis finde ich trotzdem unverschämt. Da krickel ich dann schon gar nicht drin rum, nicht mit Textmarker und auch nicht mit Bleistift!)

Noch keine 50 Seiten... und die inhaltlich erwartete Bestätigung für die im Vorfeld angezweifelte Altersfreigabe. Trotz der fantastischen Elemente ist das Buch nah am Leben. Vielleicht zu nah, was die Grausamkeit betrifft. Das Leben einer Prinzessin in einem unterirdischen Reich ist die eine Seite, die Gräueltaten während des spanischen Bürgerkriegs die andere, die man einem jungen Lesepublikum in dieser Art und Weise noch nicht zwingend verdeutlichen muß. Mit dem „Labyrinth des Fauns“ ist definitiv kein Märchen im Disney-Stil zu erwarten – es ist düster, es ist brutal, es ist pervers. Die Freigabe ab 14 halte ich für fragwürdig.

Der Wald bildet mit der Mühle, dem Labyrinth und seinen Bäumen als verbindendes Element zwischen Ober- und Unterwelt ein starkes, einnehmendes Setting. Die Erzählweise ist unaufdringlich poetisch, aber umso eindrücklicher. Episoden aus der Vergangenheit der Unterwelt verbinden sich über Details und Elemente mit der gegenwärtigen Realität. Dieses Konstrukt ist so gelungen, daß die Grenzen beider Welten für den Leser verwischen.

Das Buch wird mich, ebenso wie der Film, noch lange lange beschäftigen. Ich bin gefühlsmäßig implodiert. Am Ende waren Hirn und Herz roh und zerfetzt, aber ebenso friedlich und getröstet. Film wie Buch sind nichts für zarte Nerven und Seelen.

Mein Lieblingszitat: „ Es war Ofelias Mutter nicht bewußt, daß sie ebenfalls an Märchen glaubte. Carmen Cardoso glaubte an das gefährlichste aller Märchen. An das, in dem der Prinz kommen und sie retten würde.“