Rezension

Chronik eines Lebensmüden

Die Mauersegler -

Die Mauersegler
von Fernando Aramburu

Bewertet mit 5 Sternen

Der Protagonist ist 54 Jahre alt, Philosophielehrer, und lebt in Madrid. Der Roman beginnt am 01. August. Man erfährt, daß der Ich-Erzähler sich in genau 365 Tagen das Leben nehmen will. Bis dahin erläutert er in einer Art Chronik, Tag für Tag, in 365 Kapiteln, seine Befindlichkeit, erzählt seine Vergangenheit von Kindheit an und schildert seine Alltag. 

Er ist geschieden, hat einen erwachsenen Sohn, den er für zurückgeblieben hält, hasst seinen Bruder, hasst seine Eltern, hasst seine Schwiegereltern, hasst seine Exfrau und vor allen Dingen hasst er sein Leben. Die Habe, "die ihn ans Leben fesselt", will er in 365 Tagen loswerden und spaziert mit seinem Hund Pepa durch Madrid und verteilt Bücher, von denen er mehr als 100 besitzt, an allen möglichen Orten um sie loszuwerden.

Im Verlauf des mehr als 800 Seiten langen Romans kristallisieren sich zwei Personen heraus, die man als seine Freunde bezeichnen könnte: der Immobilienmakler Humpel und die Jugendfreundin Agueda, die er nach 27 Jahren wiedertrifft und die auch einen Hund hat, der Toni heißt, so wie er selbst. 

Aramburu ist zweifellos ein großartiger Erzähler, das vorweg. Der Charakter des Protagonisten ist wie in einem Spielfilm vor meinem geistigen Auge entstanden. Ich  habe ihn zunächst nicht gemocht und es hat mich sehr genervt, wie er "seine ganz persönliche, traurige, schmerzhafte, abstoßende Wahrheit", wie er sie selbst nennt, immer wieder auswalzt. Im mittleren Teil des Buches habe ich mich durch die Lektüre gequält. Aber : Es ist ja kein Unterhaltungsroman und eine Identifikation mit Toni auch nicht gewollt ! 

Der Protagonist ist ein unsympathischer Menschenfeind, der seine teils abstoßenden Gedanken ungefiltert äußert und den Leser u. a. an seinem, aus meiner weiblichen Sicht, schaurigen Sexleben und an seinem grausamen Verhalten seinem Bruder gegenüber, teilhaben läßt. Dabei passiert in dem laufenden Jahr, in dem wir ihn begleiten, eigentlich nicht viel. Er reflektiert und beschreibt sein Leben von Kindheit an, Heirat, frühe Vaterschaft, Scheitern der Ehe, Sterben der Eltern, Erziehung des Sohnes, Beziehungen zu Frauen, die Beziehung zu seinem Freund Humpel und zu seinem Hund, das einzige Lebewesen, das er uneingeschränkt zu lieben scheint. Ein wenig Spannung kommt natürlich auf, weil man wissen will, ob er sich denn nun tatsächlich umbringt und wer wohl der Verfasser der kleinen anonym in seinen Briefkasten gesteckten kurzen Nachrichten ist, in denen er beschimpft wird. 

Das klingt jetzt alles ziemlich schräg und skurril. Aber: Aramburu hat es geschafft, dass mich Tonis Werdegang trotz aller Antipathie berührt hat. Besonders die Szenen, in denen geweint wird, etwa als er selbst weint, nachdem er seinen Freund Humpel nachts anruft und dann unvermittelt auflegt oder als er Agueda zu verstehen gibt, daß er an einer Beziehung zu ihr nicht interessiert ist, woraufhin sie weint, habe ich als aufwühlend empfunden. Man empfindet Mitleid mit dem einsamen Protagonisten, aber auch und vielleicht sogar noch mehr mit Agueda und den vielen anderen, die Toni schlecht behandelt, so u. a. mit seinem Bruder und mit seinem Sohn. Hier wird ein Mann beschrieben, der unfähig ist, andere Menschen, so zu lieben, wie sie sind bzw, sich sich seine Liebe zu anderen nicht eingestehen kann, weil er mit enttäuschten Erwartungen nicht umgehen kann. Im Laufe des Romans macht Toni eine gewisse Wandlung durch, die ihn nicht mehr so unsympathisch erscheinen läßt wie anfangs. All das wird dem Leser  m. E . derart brillant  vermittelt, wie es nur große Literatur vermag.

Der Roman hat mich auch nach der Lektüre nicht losgelassen. Will sich Toni mit seinem geplanten Freitod von seinen sämtlichen Problemen lösen ? Ist die Aussicht auf Selbstmord letztlich seine Unfähigkeit oder sein Unwillen, sein Verzweiflung zu überwinden ? Welche Rolle spielen Freundschaft, Liebe, Lust für ihn ? Darüber habe ich noch lange nachgedacht. 

Am Ende habe ich Toni doch gerne durch die Bars, die Restaurants, die Parks, die Straßen von Madrid im Winter und im Sommer, in letzterem die sirrenden Mauersegler über ihm, begleitet. Die Lektüre läßt mich, trotz der den handelnden Personen innewohnenden Tragik, mit einem glücklichen Gefühl zurück. Auch das hat Aramburu geschafft ! Ich vergebe 5 Sterne und ein Leseempfehlung.