Rezension

Düsteres Debüt voller menschlicher Abgründe...

Opfermond - Ein Fantasy-Thriller - Elea Brandt

Opfermond - Ein Fantasy-Thriller
von Elea Brandt

„Opfermond“ ist ein gelungenes, düsteres Debüt, das mit einem angenehmen, authentischen Schreibstil, liebevoll ausgearbeiteten Figuren, menschlichen Abgründen und einer sehr kreativen Fantasy-Welt punktet. Teilweise ist dieses Buch auch eine Charakterstudie, die einen beklemmenden Einblick in die Welt der Armen, der Prostituierten, der vom Glück Verlassenen und der Auftragsmörder gibt, Emotionen weckt und nachdenklich und vor allem dankbar für das eigene komfortable Leben macht.

* Spoilerfreie Rezension! *

Klappentext

In der Stadt des Blutigen Gottes herrscht das Recht des Stärkeren. Als der Assassine Varek angeheuert wird, einen Mord aufzuklären, klingt das nach einer willkommenen Abwechslung von seinem verhassten Tagewerk. Doch die einzige Zeugin, das Freudenmädchen Idra, weiß mehr, als sie preisgeben will. Um an ihre Informationen zu gelangen, geht Varek ein Bündnis mit ihr ein, das ihn schmerzhaft an bessere Zeiten erinnert. Die Spur des goldenen Skarabäus führt ihn schließlich zu einem grausamen Kult, der mehr als nur ein Blutopfer verlangt ...

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Figuraler Erzähler, Präteritum
Perspektive: abwechselnd aus männlicher + weiblicher Perspektive
Kapitellänge: mittel bis lang
Tiere im Buch: ++ Es werden im Buch sowohl Tiere bei blutigen Kämpfen gequält als auch getötet.

Warum dieses Buch?

Die Leseprobe des Buches erinnerte mich aufgrund dieser düsteren, mittelalterlichen Welt sofort an jene des grandiosen Video-Spiels „Witcher 3 – Wild Hunt“ – so war mein Interesse sofort geweckt.

Zitate

„Und da war noch etwas. Dieses dumpfe, beklemmende Gefühl, dass etwas in der Luft lag. Etwas, das nicht spurlos an ihr vorübergehen würde. Es bohrte sich immer tiefer in ihren Leib, wie ein Wurm, der sich durch ihre Eingeweide fraß.“ Seite 129

Meine Meinung

Einstieg

Der Einstieg fiel mir sehr leicht. Auf den ersten Seiten begleitet man den Auftragsmörder Varek bei einem Mord an einer schwangeren Frau. Der Schock ist so beim Lesen erst einmal groß, ebenso steigt aber auch die Neugier. Man will wissen, wer dieser Mensch ist, der mit dem Morden seinen Lebensunterhalt bestreitet. Und schon ist man mitten im Geschehen.

Schreibstil

Der Schreibstil ist flüssig und angenehm zu lesen. Die Autorin schafft es augenblicklich, den LeserInnen ein Gefühl für diese unbarmherzige Stadt und das Leben darin zu vermitteln. Hier geht es auch bei unangenehmen Dingen sehr ins Detail, man kann die stinkenden Gerüche beinahe selbst beim Lesen riechen. Die verschiedenen Kapitel aus der Sicht von Varek und Idra sind sprachlich immer den Figuren angepasst. So werden Idras Kapitel, in denen sie kein Blatt vor den Mund nimmt (auch was ihren Beruf angeht), vielleicht jene LeserInnen abschrecken, die auf ihre (absolut zu ihr passende) vulgäre, brutale „Gossensprache“ nicht vorbereitet sind. Mein Tipp: Lasst euch einfach auf das Buch ein, nach den ersten Seiten werdet ihr euch bestimmt schnell daran gewöhnen.

Hauptpersonen

Das Beste am ganzen Buch sind Elea Brandts liebevoll ausgearbeitete Hauptfiguren, die eine unglaubliche Tiefe besitzen. Sie haben mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen, mit ihren individuellen Problemen, haben nicht nur sympathische Züge, sondern auch Schwächen und offenbaren ganz unterschiedliche menschliche Abgründe. Nach und nach wachsen einem aber beide immer stärker ans Herz, bis man sie am Ende eigentlich gar nicht verlassen möchte. So muss das sein! Die Beziehung zwischen Idra und Varek, die beide extreme Probleme mit Gefühlen und Vertrauen haben, war für mich ein absolutes Lesehighlight.

Nebenfiguren

Es gibt nur wenige Nebenfiguren, denen im Buch eine größere Rolle zukommt. Jene, die jedoch dazugehören, erhalten ebenso ihre ganz eigene Geschichte und Persönlichkeit. Das harte Leben von Djarid und seine Freundschaft zu Idra – dieses Zusammenhalten in den widrigsten Umständen – hat mir beim Lesen ein bisschen das Herz gebrochen. Aber auch der „Bösewicht“ der Geschichte ist nicht nur von Natur aus böse, sondern durch eine furchtbare Vergangenheit vom rechten Weg abgekommen. Man merkt stark, dass die Autorin Psychologie studiert hat und sich mit Menschen und all ihren verschiedenen Facetten sehr gut auskennt. Das macht sich in diesem Thriller mehr als bezahlt.

Idee & Themen

Die Autorin hat in diesem Buch eine interessante, ungewöhnliche Fantasy-Welt geschaffen, die man mit jeder Seite besser kennenlernt. Viele neue Ideen sind eingeflossen, so dass es für die geneigten LeserInnen einiges zu entdecken gibt. Interessant ist nicht nur der brutale Glauben des Blutigen Gottes, sondern ebenso die besondere Aufteilung der Stadt in bestimmte Viertel. Die beschriebene Welt ist orientalisch und mittelalterlich angehaucht und auch Magie, Alchemie und Geister finden darin ihren Platz

Viele verschiedene Themen werden behandelt. Für mich war dieses Buch jedoch auch vordergründig eine Charakterstudie und eine Beschreibung der unterschiedlichen Lebenswelten von verschiedenen reichen und armen Personen. Sowohl das unbarmherzige, schwere Leben im Armen-Viertel „Sha-Quai“, in dem Krankheiten, Mord, Folter und Vergewaltigung an der Tagesordnung sind, als auch das moralisch schwierige Leben des Auftragsmörders Varek, der mit Gewissensbissen und Ängsten zu kämpfen hat, haben mich vollkommen fasziniert und betroffen gemacht. Nach der Lektüre freut man sich über die tolle Gesundheitsversorgung in unserem Land, über die soziale Hilfe und das Rechtssystem, das die BürgerInnen schützt.

Auch andere wichtige Themen wie Freundschaft, Familie, Ehre, Liebe, Schuld und die furchtbaren Konsequenzen, die gut gemeinte Taten haben können, werden tiefgreifend und tiefgründig verarbeitet. Aufgrund expliziter Folter-, Gewalt- und erotischer Szenen ist das Buch für unter 16-Jährige nicht geeignet.

Atmosphäre & Spannung

Die Atmosphäre ist durchgehend düster, teilweise sogar hoffnungslos. Immer wieder möchte man ins Buch hineinspringen und Menschen wie Djarid und die anderen Prostituierten im Sha-Quai einfach nur umarmen und ihnen aus ihrer misslichen Lage helfen. Ich fand die erzeugte Stimmung eindrucksvoll, authentisch und beklemmend. Humorvolle Stellen lockern das Buch immer wieder etwas auf (Ich sage nur eines: „Nimm einen Löffel, verdammt!“ :D). Lediglich etwas mehr Tempo und Spannung hätte ich mir stellenweise gewünscht, vor allem, da es sich hier ja um einen Thriller handelt.

Mein Fazit

„Opfermond“ ist ein gelungenes, düsteres Debüt, das mit einem angenehmen, authentischen Schreibstil, liebevoll ausgearbeiteten Figuren, tiefen menschlichen Abgründen und einer sehr kreativen Fantasy-Welt punktet. Teilweise ist dieses Buch auch eine Charakterstudie, die einen beklemmenden Einblick in die Welt der Armen, der Prostituierten, der vom Glück Verlassenen und der Auftragsmörder gibt, Emotionen weckt und nachdenklich und vor allem dankbar für das eigene Leben macht.

Empfehlung: Aufgrund expliziter Folter-, Gewalt- und erotischer Szenen ist das Buch Unterhaltung für Erwachsene und für unter 16-Jährige nicht empfehlenswert. Allen anderen Fans von dreidimensionalen Figuren und düsteren Geschichten sei es aber ausdrücklich ans Herz gelegt.

Bewertung

Idee: 4 Sterne
Ausführung: 4,5 Sterne
Schreibstil: 4 Sterne
Personen: 5 Sterne ♥
Hauptperson: 5 Sterne ♥
Spannung: 3,5 Sterne
Emotionale Involviertheit: 5 Sterne ♥
Regt zum Nachdenken an!

Insgesamt:

❀❀❀❀,5

Dieses Buch erhält von mir viereinhalb Lilien! Die Autorin werde ich weiter im Auge behalten.