Rezension

Ein anschaulich erklärender Geschichtsunterricht in Romanform

Neuleben - Katharina Fuchs

Neuleben
von Katharina Fuchs

Bewertet mit 5 Sternen

Nach Katharina Fuchs Debüt "Zwei Handvoll Leben" erscheint ihr Nachfolgeroman "Neuleben" ab April 2020 im Droemer Verlag. Gegen alle Widerstände der 50er und 60er Jahre leben Therese Trotha und Gisela Liedke ihren Traum von einer beruflichen Karriere. Die wachsenden Unterschiede zwischen Ost- und West-Deutschland lassen die Familie auseinander brechen.

In diesem Roman über die 50er Jahre erzählt Katharina Fuchs sehr eindrucksvoll aus ihrer eigenen Familiengeschichte, sie verarbeitet die Geschichte ihrer Mutter Gisela, Tante Therese und ihrer Großmutter Anna. Dabei fängt sie den Zeitgeist bildhaft beschreibend und sehr authentisch ein. Man erlebt die Probleme der Kriegsheimkehrer, die Spaltung Deutschlands in zwei Staaten, wir erleben Enteignungen in der DDR und die sich langsam bessernde wirtschaftliche Lage ebenso wie das gezeigte Bild der Frau, die immer noch mehr als Anhängsel ihres Mannes gesehen und der der Zugang zu Männerdomänen erschwert wurde. Die erfolgreichen Frauen dieses Romans stellen auf ihre Weise Vorreiterinnen der Emanzipation dar. So war Gisela eine erfolgreiche Modemacherin und Tante Therese eine der allerersten Vorsitzenden Richterinnen Deutschlands. Ihr beruflicher Weg war ein Kampf gegen Demütigungen, den sie mit viel Durchhaltevermögen, juristischer Begabung und äußerstem Ehrgeiz erfolgreich bestanden hat und zu einer Führungsposition aufstieg. Beide Personen ebneten auch heutigen Frauen den Weg.  

Neben den geschilderten politischen Hintergründen macht es großen Spaß, den neuen wirtschaftlichen Aufschwung spürbar mitzuerleben. In den 50er Jahren entstand ein neues Lebensgefühl, die Menschen hatten Arbeit, durch das regelmäßige Einkommen konnten sie sich die Errungenschaften der Zeit leisten. Es gab neue Modestile, Musik, Möbel, die ersten Fernseher und Elektroherde kamen in die Haushalte und auch Speisen aus anderen Ländern kamen auf den Tisch, wie Spaghetti Bolognese. Der neue Zeitgeist wird dank bildhafter Details über Mode und Möbel sehr anschaulich und nachfühlbar geschildert. Man taucht mitten in diese Zeit ab. 

Die Autorin beschreibt die 50er Jahre als einen wichtigen Teil deutscher Nachkriegsgeschichte und lässt die Figuren lebhaft authentisch agieren. Man bekommt diese Zeit an vielen menschlichen Beispielen und tatsächlichen Ereignissen vorgestellt. Neben den persönlichen Schicksalen geht es auch um die  Spaltung der beiden deutschen Staaten und ihre verschiedenen Entwicklungswege in Form von Kapitalismus und Kommunismus. Daran zerbrachen viele deutsche Familien, die unterschiedlichen Auffassungen waren aus politischen Ansichten nicht immer überbrückbar. 

"Neuleben" ist ein wunderbar anschaulicher und erklärender Geschichtsunterricht in Romanform. Meine vollste Empfehlung für diese hervorragend und einnehmend erzählte Familiengeschichte.