Rezension

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Eindrucksvoll, spannend und realitätsnah

Der Fall des Präsidenten
von Marc Elsberg

Bewertet mit 5 Sternen

"In einem funktionierenden Rechtsstaat und einer intakten Demokratie könntest du den Präsidenten damit stürzen und eigentlich ins Gefängnis bringen. Es gibt nur ein Problem."

"Und zwar?"

"Die USA ist weder das eine noch das andere, was diese Dinge angeht."

Dieser Dialog aus Marc Elsbergs neuen Thriller „Der Fall des Präsidenten“ fasst nicht nur die Handlung, sondern auch die ganze verkorkste Realität gut zusammen. 

Der Ex-Präsident Donald Turner (eine Namensähnlichkeit mit lebenden Personen ist natürlich rein zufällig) wird in Athen verhaftet und soll vor den ICC, dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wegen Mord an Zivilisten. Dana Marin, eine junge Juristin des ICC, bildet die Anklageseite und wird prompt nach der Verhaftung in eine üble Schmutzkampagne verwickelt. Denn natürlich will die USA nicht, dass ihr ehemalige Präsident vor Gericht erscheinen muss. Mit allen politischen Mitteln versucht die USA, Druck auf Griechenland auszuüben, damit diese den Haftbefehl des ICC nicht nachkommen und Turner nicht nach Den Haag überstellt wird. Zu den politischen Mitteln wie Sanktionen kommen auch Drohungen und besagte Schmutzkampagnen. Und im Zentrum steht auch Steve, der Whistleblower, der den Stein ins Rollen gebracht hat. Und von der USA zum Verräter erklärt wird. 

So einen Fall gab es in der Realität noch nie. Ein Ex-Präsident, der vor dem ICC angeklagt wird? Reine Fiktion. Gerade die USA würde so etwas niemals zulassen, immerhin sind sie aus dem Romstatut ausgetreten und führen eine Art privaten Kleinkrieg gegen den ICC. Elsberg nimmt diese Thematik auf, genauso wie die Problematik eines Whistleblowers. Ist so jemand ein Held, oder ein Verräter? Je nach Seite und Framing kommen andere Antworten heraus. Der Thriller zeigt aber eindrucksvoll, unter welchen Druck so jemand steht und wie schnell das Leben umgekrempelt wird, wenn die Identität feststeht. Und noch etwas zeigt das Buch eindrucksvoll, auch wenn es traurig ist: wie Macht missbraucht wird und wie politische Entscheidungsträger einflussreich andere Staaten zu ihrem Gunsten manipulieren und einschüchtern können. So sehr, dass auch unabhängige Organe wie Gerichte duckmäuserisch das machen, was Obrigkeiten empfehlen. Und das, obwohl doch jeder Mensch vor dem Gesetz gleich ist. Natürlich könnte man argumentieren, dass es sich dabei um Fiktion handelt, immerhin ist es ein Thriller und kein Tatsachenroman. Aber leider zeigt es sich oft genug, dass einige Menschen, vor allem Politiker, mit ihren Taten davon kommen. Und da ist es egal, ob es Korruption oder Folter ist. Richtig bestraft - und sei es nur symbolisch – wurde keiner. Dieser Thriller verdeutlicht das noch einmal mit einer unglaublichen spannenden Story, mit eindrucksvollen Charakteren und einem Setting, das Urlaubsstimmung aufkommen lässt. Das in Kombination mit dem wunderbaren Schreibstil von Elsberg sorgt dafür, dass man das Buch nur schwer aus der Hand legen kann. 

Dieses Buch sollte gelesen werden. Von vielen Menschen. Auch – oder gerade besonders – von Leuten in Positionen, die etwas ändern können. Die alles doch etwas gerechter machen können. Denn niemand steht über dem Gesetz. Auch kein Ex-Präsident der „mächtigsten Nation der Welt“.