Rezension

Eine stürmische Zeit

Die Geschichte der getrennten Wege - Elena Ferrante

Die Geschichte der getrennten Wege
von Elena Ferrante

Bewertet mit 4 Sternen

Die Geschichte geht weiter, genau an dem Punkt, an dem sie im Band 2 endet, in der Buchhandlung. Nino ist unverhofft in Elenas Leben hineingeschneit. Ihre schwärmerische Liebe für ihn ist nicht abgeflaut, das muss sie sich eingestehen, auch wenn sie kurz vor der Hochzeit mit Pietro steht. Sie kann sich Nino nicht aus dem Herzen reißen. Doch Nino geht, wie er kommt, ganz plötzlich und ohne Vorankündigung.

Und doch läuft es gut für Elena. Sie heiratet in eine angesehene Intelektuellen-Akademiker-Familie ein, ihr Buch wird ein Erfolg, sie mach Lesereisen... und ... wird schwanger. Nicht einmal, sogar zweimal und tappt damit ungewollt in die Ehefrauen-/Hausfrauen-/Mutterfalle! Damit reißt ihr Ideenfaden ab, sie fühlt sich leer und stumpf und ihre Karriere, für die sie sich so sehr abgerackert hatte, bekommt einen Knick.

Gleichermaßen, wie es für Elena schlecht und beruflich abwärts geht, befindet sich Lila in der Aufwärtsbewegung. Nachdem sie sich von ihrem gewalttätigen Ehemann Stefano getrennt und mit Enzo und ihrem Sohn Gennaro eine Art Wohngemeinschaft gegründet hat, fängt sie als Arbeiterin in einer Wurstfabrik ganz unten wieder an. Dabei kämpft sie an vielen verschiedenen Fronten, verausgabt sich, wird krank und schafft es letztendlich zu einer angesehenen Chefin mit außerordentlich großem Gehalt. Doch was ist der Preis dafür?

Lila und Elena pflegen eine befremdliche Freundschaft, die geprägt ist durch große gegenseitige Eifersucht, Missgunst, Heimlichkeiten und Lügen. Es gibt keine zärtlichen Gefühle füreinander. Alles, was gesagt werden müsste, findet keinen Weg nach außen. So beplänkeln sie sich gegenseitig, nachdem sie nach einer langen "freundschaftlichen" Pause endlich wieder zueinander in Kontakt treten.

Dazwischen gerät innerpolitisch im Land alles aus den Fugen. Demonstrationen, Studentenaufstände, Straßenkämpfe, Kommunisten, Gewerkschaften, Faschisten, Widerstandskämpfe, ein hartes Eingreifen der Polizei sowie das Erstarken der Camorra in Neapel und der Region sind an der Tagesordnung. Lila erlebt vieles durch ihre Rückkehr in den Rione hautnah mit dagegen dringt zu Elena das meiste überwiegend aus den Nachrichten zu ihr. Sie ist passiv, zurückgezogen und unglücklich in ihrer Ehe, versucht sich jedoch einzureden, dass kluge und intelligente Menschen ihre Grenzen akzeptieren, die ihnen auferlegt werden.

Lila, die augenscheinlich als die Schwache auftritt, ist jedoch innerlich die Starke. Sie erfindet sich immer wieder neu, auch, indem sie Elenas schwache Persönlichkeit und Selbstzweifel für sich ausnutzt und ihr immer wieder einredet, dass Elena für sie beide ein schönes und besseres Leben führen muss, dass sie klug und intelligent sein muss, da sie, Lila, ihre schulische Ausbildung früh abbrechen musste, und Elena sich deshalb für beide nach oben durchzukämpfen hat. 

Was ist es nun, dass diese beide Frauen in Freundschaft eint? In meinen Augen nur ihre Herkunft, die keine von beiden abschütteln kann. Je weiter sie sich voneinander entfernen desto stärker wird dieser Knoten geknüpft, der sie ab einem gewissen Punkt wie magisch wieder zueinander zieht. 

Das Ende ist ein Knall, von Elena ausgelöst. Der Kreis des dritten Bandes schließt sich und lässt mich gespannt und voller Neugierde auf den letzten Teil zurück!

Fazit:
Ein dritter Teil, der im Vergleich zu den vorherigen beiden leider etwas abfällt. Es schlich sich ein bisschen Langeweile ein, die es im zweiten Drittel zu überwinden galt. Glücklicherweise ist die Autorin in der Lage den Leser bei Stange zu halten und bekommt die Kurve zur Spannungssteigerung doch noch meisterhaft hin. Nun heißt es warten auf den letzten Teil, der hoffentlich das Rätsel lösen kann...
Als Hörbuch von Eva Mattes wieder perfekt eingelesen und stimmlich grandios interpretiert!