Rezension

Einige interessante Aspekte

Schattenjahre
von Christian Lindner

Bewertet mit 3.5 Sternen

Christian Lindners Buch beschreibt den Weg der FDP und seinen Weg von der Niederlage, dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag durch die Wahl im September 2013, aus dem Schatten wieder ins »Licht«, in den deutschen Bundestag mit der Wahl 2017. Lindner skizziert den eigenen Werdegang vom Jugendlichen bis zum Politiker nur – das Buch ist keine Autobiographie. Im Mittelpunkt steht zum einen die Entwicklung der Partei hin zur Niederlage und dann von der Depression von 2013 durch Wellentäler aus der »APO«, der außerparlamentarischen Opposition – an die APO und die Studentenbewegung und ihre grundlegende Opposition sollte man hier nicht denken –, wieder ins Parlament (bzw. die Parlamente). Diese Entwicklung wird zum andern verbunden mit Lindners Rolle und Handeln in der FDP geschildert.

Da Politikerinnen und Politiker oft als Oberflächenfiguren erscheinen, die als Äußerungen oft mehr oder weniger Allgemeines absondern, dabei stark (oder vor allem?) ihre Außenwirkung und das, was sie mit ihren Auftritten bewirken wollen, im Blick haben (vielleicht der Hauptgrund für das Fehlen von Glaubwürdigkeit), ist es interessant, hier einiges davon mitzubekommen, wie Niederlagen oder auch politische Auseinandersetzungen auf die Personen wirken, was sie an Kraft, Energien investieren. Davon wird einiges sichtbar, auch wenn Lindner sicherlich nach dem filtert, was nach außen dringen mag und was nicht.

Ausführlich schildert er das Bemühen um eine programmatische Erneuerung der FDP von seiner Seite und vonseiten seiner MitstreiterInnen – immer wieder festgemacht an Ausschnitten aus Lindners Reden (was mir persönlich gegen Ende etwas zu viel wurde) – und, als nächsten Schritt, die Wahl eines neuen Erscheinungsbildes mit Hilfe einer Werbeagentur, um diese Erneuerung auch nach außen sichtbar zu machen. Ob die FDP jetzt wirklich so sehr programmatisch erneuert ist, darüber mag man streiten – aber so war zumindest die Absicht ihres Vorsitzenden und der beteiligten Entscheidungsträger der FDP.

Lindner geht u. a. auf den Eindruck der »One-Man-Show« ein und erklärt seine herausgehobene Position in der Zeit der »APO« damit, dass Medien immer wieder eine andere Person als den Vorsitzenden als Vertreter der FDP abgelehnt hätten. Er übt auch Selbstkritik in diesem Buch, meint es aber immer gut, sodass für mich doch der Eindruck von »Lindner, der Lichtgestalt« überwiegt.

Zwischen den Schilderungen der Ereignisse, des Zusammen-, teils auch Gegeneinanderwirkens der Personen, gibt es immer wieder Reflexionen zu politischen Themen, Positionsbestimmungen Lindners und der FDP: zur Vorstellung von Europa; zur Asyl- und Flüchtlingspolitik, Verfassungspatriotismus, seiner Ablehnung der AfD, Liberalismus u. a. Diese Teile sind nicht uninteressant, haben aber auch nicht wirklich Tiefgang.

Abschließend einige kritische Bemerkungen zu zwei von Lindner angesprochenen Fragen:

Lindner verweist auf das Buch des Grünen-Politikers Boris Palmer »Wir können nicht allen helfen« und kritisiert Angriffe von Grünen auf Palmer. Das Infame von Aussagen wie der, wir könnten nicht allen helfen oder nicht alle aufnehmen, ist, dass hier etwas suggeriert wird, was gar nicht zur Debatte steht. Die Annahme, ›alle auf der Welt‹ wollten nach Deutschland kommen oder wollten deutsche Hilfe, ist genauso absurd wie die Vermutung, alle Deutschen wollten in die FDP eintreten.

Ein zweiter Punkt: Beim Blick auf den politischen Gegner sieht Lindner Gemeinsamkeiten mit den Grünen, aber auch grundlegende Unterschiede: Lindner vertraut bei wirtschaftlichen Fragen oder ökologischen Zielen auf die Selbstverantwortung und Selbstkoordination der Gesellschaft, was die Grünen gemäß dem Autor nicht tun (vgl. S. 314). Vertrauen in Selbstverantwortung und Selbstkoordination, das klingt gut – es ist ein hoffnungsvoll in die Zukunft gerichtetes Denken, das aber ausklammert und vergisst, dass das Vertrauen ins unternehmerische Handeln genau zu der Situation geführt hat, in der wir sind: u. a. zu all den Umweltproblemen, dem Klimawandel, dem Insektensterben, der Massentierhaltung, dem Behandeln der Natur als zu beherrschende Sache. Selbstverantwortung und Selbstkoordination gehen fehl, wenn sie sich nicht an Werten oder einer anerkennenden Haltung gegenüber allem anderen orientieren. Lindner betont die Bedeutung des Umweltschutzes, meint aber, eine ökologisch-egalitäre Denkrichtung wolle die Unberührtheit der Natur über das Recht des Menschen auf Entwicklung und Gestaltung stellen (vgl. S. 317). Dabei vergisst er, dass es einen Punkt geben kann, an dem die Natur in verschiedenen Bereichen »kippt« (Klima, Verlust der Artenvielfalt etc.) und keine Zeit mehr ist für Pläne und Ideen selbstverantwortlicher Gestaltung.