Rezension

Erstaunlich, berührend und meisterhaft erzählt

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen
von Gusel Jachina

Bewertet mit 5 Sternen

Dass in Russland aus unterschiedlichsten Gründen Menschen nach Sibirien geschickt wurden, hat man gelegentlich gehört. Was das wirklich heißt, darüber habe ich nie nachgedacht, bis ich dieses Buch gelesen habe.

Suleika ist eine junge tatarische Bäuerin, fest verwurzelt in ihrer Welt. Ihren despotischen Ehemann und die bösartige Schwiegermutter nimmt sie als gottgegeben, erfüllt ihre Hausfrauenpflichten und beschwichtigt die Geister, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hat. Auch wenn ihr Leben hart ist, weil die hohen Abgaben an den Staat kaum genug für ihr eigenes Überleben lassen, kommt sie zurecht.
Als plötzlich Männer der Roten Horde sie und ihr ganzes Dorf gefangen nehmen, öffnet Suleika die Augen. 
Sie sind Kulaken, Staatsfeinde, die nicht ihren Beitrag für das Gemeinwohl leisten. Tatarien wird 1930 entkulakisiert. In Sibirien sollen diese Kulaken lernen, wie echte sozialistische Gemeinschaft funktioniert.
Wenn man bis dahin schaudernd gelesen hat, wie fatalistisch und pflichtbewusst Suleika ihren beschwerlichen Alltag bewältigt, packt einen jetzt das blanke Entsetzen. Brutal und erbarmungslos schlägt die Staatsmacht zu.

Gusel Jachina schreibt wunderbar, ihr Stil ist zum Niederknien. Mit allerschwärzestem Humor erzählt sie eine wirklich üble Geschichte, die trotzdem Spaß macht, aber auch berührt und erschüttert. Man liest, staunt und leidet mit Suleika.

Hier liegen alle Probleme des staatlich angeordneten Sozialismus auf dem Tisch. Man verfolgt das Schicksal einiger Menschen, die in das System gepresst werden. Aber auch für linientreue Funktionäre ist es nicht zwingend ein Zuckerschlecken. Ein falsches Wort und schon kann man Probleme bekommen. Denunzianten sind überall, selbst im tiefsten Sibirien. 
Und wie lebt es sich in diesem Sibirien, das man mit arktisch kalter Einsamkeit gleichsetzt? Auch das wird hier plastisch in Szene gesetzt. Man ist dabei, wie am Ende der Welt ein Kolchos entsteht, sieht die Probleme und ideelle Stolpersteine, aber auch große Liebe zu diesem Landstrich.

„Suleika öffnet die Augen“ ist meisterhaft erzählt und stößt die Tür zu einer Welt auf, die nur sehr selten beleuchtet wird. Es ist ein Erlebnis und eine Freude, erstaunt, erschüttert und berührt, ein besonderes und wichtiges Buch. Es hat jeden nur denkbaren Preis verdient. 

Kommentare

wandagreen kommentierte am 01. August 2017 um 18:17

Wunderbare Rezension. Es kommt rüber, dass du ganz im Geschehen warst und dich gegruselt hast. Der reine Kapitalismus ist aber auch nicht viel besser.

Sursulapitschi kommentierte am 01. August 2017 um 19:07

Vielen Dank!

Natürlich gibt es überall Auswüchse, aber Bauern zu Kapitalisten zu stempeln, weil sie ihr Saatgur verstecken, damit es nicht konfisziert wird, ist schon krass.

LySch kommentierte am 01. August 2017 um 20:37

Das Buch will ich auch unbedingt lesen - schöne Rezi! :)

naibenak kommentierte am 03. August 2017 um 09:24

Ganz tolle Rezi, Sursu!!! :) Das Buch kommt auf jeden Fall auf meine WuLi :) Danke!!!

Edit: es ist ja schön längst drauf!!!!!!!! *hahaha*...umso besser^^

Sursulapitschi kommentierte am 03. August 2017 um 09:56

Danke ihr Lieben!!

Guck mal, Bi, wie vorausschauend und klug du bist! :-)

naibenak kommentierte am 03. August 2017 um 10:04

Hahaha...ja! Echt erstaunlich *lol* ;)