Rezension

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Familiengeschichte im Zeitraffer

Mit jedem Jahr - Simon Van Booy

Mit jedem Jahr
von Simon Van Booy

Bewertet mit 4 Sternen

Als Harvey sechs ist verunglücken ihre Eltern tödlich bei einem Autounfall. Ihr einziger Verwandter ist Jason, der Bruder ihres Vaters. Dieser war bereits im Gefängnis, weil er jemanden halbtot geprügelt hat. Er trank zu oft und zu viel, verlor bei einem Unfall ein Bein und hat seine Aggressionen nicht unter Kontrolle. Harveys Mutter hatte daher - und nicht nur aus diesem Grund -
entschieden, dass jeglicher Kontakt mit ihm zu unterbleiben hat.
Eine Sozialarbeiterin, die sich mit der Akte "Harvey" auseinandersetzen muss, setzt jedoch einiges daran, dass das Kind zu seinem Onkel kommt. Dessen Lebensumstände sind nicht gerade ideal für ein kleines Kind, doch mit viel Engagement erreicht sie, was sie sich vorgenommen hat. 
Von Beginn an ist Jason gewillt, sein Leben in den Griff zu bekommen, allem voran seinen Jähzorn. Dem Alkohol hat er schon zuvor abgeschworen. 

Das Buch beginnt mit 3 einleitenden Kapiteln, als Harveys Leben noch in Ordnung war. Das eigentliche Buch spielt 20 Jahre später, als Harvey längst erwachsen ist und inzwischen in Paris arbeitet. Jason kommt zu Besuch aus den USA und sie hat ein Vatertagspaket gepackt, mit mehreren kleinen, bedeutungsvollen Päckchen, von denen er täglich eines öffnen soll. 
Es erzählt also immer wieder in passenden Rückblicken, wie sie zu ihrem Dad (Jason) kam und welche besonderen Ereignisse sie in den vergangenen 20 Jahren näher brachten. Die verschiedenen Zeitebenen wechseln entsprechend oft, doch hatte ich eigentlich nie Probleme mit der zeitlichen Orientierung.

Diese Herangehensweise fand ich tatsächlich sehr interessant, zumal sie mir schon zu Anfang versicherte, dass alles gut gelingen wird. Dankenswerter Weise wird recht sachlich berichtet - nicht ohne ab und an auf die Gefühlswelt der Protagonisten einzugehen. Bewegend fand ich die Momente, in denen das Kind seinem Alter gemäße Fragen stellte oder Schlussfolgerungen zog - absolut realistisch und manchmal entwaffnend, wenn man selbst Kinder hat und sich an dieses Alter erinnert. 
Die Schreibweise ist sehr gut zu lesen. Angenehm unaufgeregt, auch wenn es inhaltlich schon einmal härter zugeht. Man fühlt sich wie ein Beobachter den es einfach interessiert, wie sich das alles entwickeln konnte. 

Mir hat das Buch wirklich sehr gut gefallen und ich kann es wärmstens empfehlen. 

Achtung: Spoiler!
Zum Ende des Buches wird so einiges klarer, was mir zunächst nicht einleuchtete, nämlich warum die Sozialarbeiterin Wanda unermüdlich alles daran setzt, dass Harvey ausgerechnet zu jemandem mit einem Vorleben wie Jason kommt. Das empfand ich als total unrealistisch und ich bin dem Autor dankbar, dass er mir dieses Mysterium entschlüsselt hat.
Ich denke nicht, dass es sich beim Ende der Story um einen unrealistischen "Zufall" handelt, sondern dass Wanda sehr wohl darüber informiert war - daher rührte auch ihr Engagement. Auch Harveys Eltern war der Umstand bewusst. Das wird klar, wenn man sich einige Stellen zu Beginn des Buches noch einmal in Erinnerung ruft. 
Lediglich Jason wusste von gar nichts und ich hätte ihm so gewünscht, dass er es auch erfahren würde. Aber zum Glück ist er ja nur eine Romangestalt.