Rezension

Frauen sind nicht die kleinere Ausgabe des Mannes

Das Patriarchat der Dinge
von Rebekka Endler

Bewertet mit 5 Sternen

Warum haben Damenhosen selten Taschen für Handy und Wertgegenstände, warum spielten Fußballerinnen jahrelang in Kinderschuhen, ehe jemand die lukrative Marktlücke entdeckte, kurz: warum entwickeln Designer offenbar vorrangig Gegenstände für nur 49% der Weltbevölkerung?  Auch wenn fragile Männlichkeit im Vorfeld des Buchprojekts die Ernsthaftigkeit dieser Fragestellung bezweifelte, zeigt Rebekka Endler, wie oft Frauen nicht mitgedacht werden oder schlicht als kleinere Ausgabe von Männern abgetan werden. Auch wenn frau sich inzwischen Küchen passend zur Körpergröße anfertigen lassen kann und sich im Zeitalter aktiver Väter endlich nicht mehr mit unbrauchbaren Kinderwagen plagen muss, bleibt noch viel zu tun.

Die „Dinge“, die Endler auflistet, sind offenbar für eine frauenlose Gesellschaft gedacht oder stammen aus der Welt der Alleinverdiener-Ehe der 50er Jahre (wie die Autorin am Beispiel der Stadtplanung zeigt). Endler erzählt, wie Sprache Bewusstsein abbildet und wie sie selbst noch in den 90ern das Bild vom gefährlichen Fremden internalisierte, als längst die höhere Gefahr sexueller Gewalt an Kindern durch nahestehende Personen bekannt war. Risiken realistisch einzuschätzen fällt Eltern bis heute schwer und der Radius spielender Kindern in ihrem Viertel schrumpfte u. a. deshalb seit Endlers Kindheit weiter. Vom generischen Maskulinum und den Bildern, die es in unseren Köpfen erzeugt, spannt sie den Bogen zur Sprache der Farbe von Elektrowerkzeugen bis zur Entwicklung von Künstlicher Intelligenz. KI ist offenbar weniger neutral als wir annehmen und kann herbe misogyne Einstellungen verbergen. Ein Algorithmus versteht schließlich keine Zusammenhänge, sondern kann nur die Muster erkennen, für die er trainiert wird. Vordergründig scheint Endler eine Menge ungenutztes Design-Potential aufzustöbern, sie zieht jedoch stets die Verbindung zur Marginalisierung von Frauen, sei es im Olympischen Wettkampf, in der Arbeitssicherheit oder in der Forschung. Nicht allein um passende Arbeitskleidung, Schuhe oder FFP2-Masken geht es ihr jedoch, sondern um die dahinter stehende Haltung, dass es genügt, technische Entwicklungen allein für (weiße) Männer zu designen. Könnten Männer an Endometriose erkranken, würde es vermutlich nicht mehr bis zu 10 Jahre bis zur Diagnose dauern.

Endler sammelt hier weit mehr als nur „Dinge“, die Frauen und ganzen Bevölkerungsgruppen den Alltag erschweren. Es geht in ihren Essays  um androzentrische und rassistische Forschung, das Machtgefälle dahinter, aber auch um frauenfeindliche und rassistische Prägung künstlicher Intelligenz und was das mit Facebook zu tun hat. Der Alleinvertretungsanspruch privilegierter weißer männlicher Menschen, die sich aus sich selbst rekrutieren, verhindert laut Endler schlicht die Teilhabe aller Menschen am täglichen Leben. Wie mangelnde Diversität angepackt werden muss und ob das unser einziges Problem ist, hätte an einigen Stellen vertieft und differenziert werden können. Frau muss zunächst bei den alltagstauglichen Schuhen und den Hosentaschen für ihre Wertgegenstände beginnen, um die Bühne überhaupt betreten zu können …