Rezension

Fürchte den Sonnenaufgang, denn es könnte der letzte sein.

Zorn und Morgenröte
von Renee Ahdieh

Bewertet mit 4 Sternen

Was für eine tolle Idee und auch noch so spannend umgesetzt. Da bin ich sehr gespannt, ob Band 2 da mithalten kann.

Das war Mal eine ungewöhnliche Geschichte.
Mich hat die Idee hinter der Story sofort neugierig gemacht: sein Weiterleben sichern, indem man seinem zukünftigen Mörder Geschichten erzählt. Sehr ungewöhnlich, aber auch sehr originell, weshalb ich das Buch unbedingt lesen wollte. 
Nach einer etwas länger andauernden Eingewöhnungsphase als gewohnt, wurde ich dann auch nicht enttäuscht. Die für mich eher befremdlichen fernöstlichen Namen, Anreden und so weiter haben den Einstieg etwas erschwert. Als Shazi dann aber ihre erste richtige Begegnung mit Chalid hatte und mit dem Geschichtenerzählen begann, war ich dann ziemlich schnell hin und weg. Für mich persönlich hätte dieses spezielle Arrangement zwischen den beiden anfangs noch etwas länger andauern können, wegen dem Nervenkitzel, aber die Geschichte entwickelt sich auch so sehr spannend weiter. Neue Bedrohungen kommen hinzu und es wird rasch klar, dass Chalid nicht die einzige Gefahr darstellt, der sich Shazi gegenübersieht. Je mehr man in dem Buch vorankommt, desto klarer wird das Ausmaß ihrer und Chalids prekärer Situation, desto klarer wird auch wer Freund und wer Feind ist, obwohl die Grenzen in dieser Hinsicht auch etwas verschwimmen. Das fand ich auch besonders gelungen an der Story, die Undurchschaubarkeit der Charaktere. Man wusste gar nicht so recht, wem man da wirklich über den Weg trauen kann. Und dann ist da ja noch das große Mysterium um Chalid, der seine Bräute an Sonnenaufgang umbringen lässt. Auf die Auflösung dieses Rätsels muss man lange warten. Kleine Hinweise zwischendurch bringen den Leser gekonnt zum Spekulieren, steigern die Spannung und machen ganz hibbelig darauf, endlich zu erfahren, was dahintersteckt. Aber auch in Shazis Familie scheint es besondere Fähigkeiten zu geben, die in diesem Band noch eher nebulös bleiben, dessen Ausmaße und Bedeutung noch nicht ganz klar sind. Da freue ich mich schon drauf, im nächsten Teil mehr drüber lesen zu können.
Die Geschichte wird zum größten Teil aus Shazis Sicht erzählt, es gibt aber auch Passagen, die in der Perspektive von Tarik, ihrer ersten Liebe, der versucht sie aus den Fängen Chalids zu befreien, der ihres Vaters und der von Chalid, die ich ganz besonders interessant fand, da dort die meisten Hinweise geliefert werden. Shazi habe ich schnell lieb gewonnen. Sie ist eine sehr starke Protagonistin, will ihre Freundin Shiva rächen, die zuvor Chalid als eine seiner vielen Bräute zum Opfer fiel, hätte aber nie damit gerechnet, dass ihr Gefühle für den eigentlich verhassten Feind in die Quere kommen könnten. Diese Zerrissenheit bei ihr, und auch Chalid, hat mir mit am besten gefallen, weil sie so gut bei mir angekommen ist. Ich mag dieses Bittersüße in Liebesgeschichten, das auch hier so gut zur Geltung kommt. Chalid hat mich ein bisschen an Mr Rochester aus Jane Eyre erinnert, auch wenn Chalid gerade mal 18 ist, ein junges Alter, das man ihm, durch seine manchmal recht weise Art, fast gar nicht anmerkt. Da mir aber die unnahbaren, geheimnisvollen, gefährlich wirkenden Figuren immer unglaublich interessant vorkommen, ging mir das bei Chalid genauso. Mir hat es Spaß gemacht mit Shazi zusammen immer weiter hinter seine Fassade zu blicken. Aber auch die anderen Figuren wie der spitzbübische Jalal, die gerissene Despina, der wortkarge Rajpud oder der liebevolle, beschützerische Tarik sind mir schnell ans Herz gewachsen.
Das Ende ist wohl kaum als Happyend zu bezeichnen. Dennoch finde ich es gelungen. Es spiegelt die Herzschmerz-Stimmung des Buches recht gut wieder. Ich bin aber trotzdem froh, dass es eine Fortsetzung gibt und hoffe, dass es dort besser um Shazis und Chalids Zukunft miteineinder bestellt ist.

Insgesamt hat mir die Geschichte gut gefallen. Die Idee war mal eine ganz andere, was ich immer super finde. Die ganzen Mysterien wurden spannend verpackt. Ich wollte sie unbedingt aufdecken und wurde gemeinerweise ziemlich hingehalten und mit kleinen Häppchen zwischendrin abgespeißt. So musste ich natürlich immer weiterlesen, sehr geschickt gemacht also. Die Charaktere laden ebenfalls zum Entdecken und Ergründen ihrer Vertrauenswürdigkeit ein und die Lovestory zwischen Chalid ist einfach wunderbar bittersüß und von Zerrissenheit geprägt. Ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzung und kann diesen ersten Teil nur wärmstens empfehlen an diejenigen, die Mal etwas ganz anderes lesen möchten.