Rezension

Hannah und Levi treffen den hintersten Winkel des Herzens

Die Stille meiner Worte - Ava Reed

Die Stille meiner Worte
von Ava Reed

Bewertet mit 5 Sternen

Ein wahrhaftiger Jugendroman, für alle, die einen Funken Hoffnung suchen

Allgemein:

„Die Stille meiner Worte“ ist ein Jugendroman der deutschen Bloggerin und Autorin Ava Reed. Veröffentlicht wurde die berührende Geschichte im März 2018 durch den Verlag Ueberreuter. Inhaltlich begleitet der Leser die siebzehnjährige Hannah, die seit dem Verlust ihrer Zwillingsschwester Izzy kein Wort mehr hervor bringt. Hannah ist gefangen in der Stille ihrer Worte. Nur der Kater Mo und die geschriebenen Worte an Izzy, die sie wie ein Ritual verbrennt, geben ihr noch Halt. Als ihre Eltern nicht mehr weiter wissen, schicken sie Hanna nach Sankt Anna, einem Ort für kaputte Dinge. Es soll sich etwas ändern, doch wird der Schmerz je vergessen sein? Und was möchte der fremde Junge Levi von ihr?

 

Mein Bild:

Ich gebe offen zu, dass ich sowohl Angst als auch Vorfreude verspürte als ich das ansprechende, in blau gehaltene, Hardcover in der Hand hielt. Die ersten Leserstimmen waren sich alle einig, dass die Geschichte berührt und Tränen kullern lässt. Ich bin normalerweise nicht der Mensch, der beim Lesen weint. Mitfiebern ja, aber weinen?

Natürlich wollte ich keine Story, in dem das trauernde Mädchen einen Jungen kennenlernt, der ihr allen Schmerz nimmt und sich beide unendlich ineinander verlieben. Das wäre ein Klischee, davon gibt es genug. Daher bin ich unendlich dankbar, dass die inhaltliche Zeitspanne von wenigen Wochen nicht mit einer puren Liebesgeschichte gefühlt wird.

Über die 312 Seiten lernte ich Hannah kennen. Aus ihrer Ich-Perspektive zeigte sie mir ihren Schmerz, ihre Schuldgefühle und einen Funken, der nur noch schwach leuchtete. Sie ist einfach nicht mehr sie selbst. Wie würde es dir gehen, wenn du deine zweite Hälfte verlierst? Wahrscheinlich genauso wie Hannah. Izzy war ihr Vorbild, ihr Leben, diejenige, die ihr Mut gegeben hat. Und jetzt ist sie weg. Es ist so traurig, dass sich jetzt noch ein Kloß in meinem Hals bildet, wenn ich daran denke.

Hannah ist zudem seit Izzys Tod stumm. Ich kann mich an keine Geschichte erinnern, die ich gelesen habe, in der der Hauptcharakter nicht spricht. Doch Hannah kann es einfach nicht mehr, als hätte sie es verlernt. Ich glaubte ihr, dass die Worte da sind, aber eine Mauer sie umgibt. Es sind keine Gedanken, es sind Worte! Und genau solche Details brachte Ava Reed auf so vielfältige und doch unkomplizierte Weise wieder, ich konnte nicht anders als mitzufühlen.

Trotzdem war Hannahs Loch der Traurigkeit, für mich, von Anfang an kein Loch ohne Boden. Dank dem Kater Mo. Er war das Licht in der Dunkelheit, war genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort und ich als Leser wiederum froh, dass Hannah nicht ganz allein war. Er sorgte für eine Leichtigkeit, die sich durch das ganze Buch zog, ein Nebendarsteller, den ich sehr lieb gewonnen habe.

Unerwartet traf mich allerdings das Setting. Ich rechnete fest mit einem Internat, doch die Autorin nutzte ihre Freiheiten und verfrachtete Hannah, ebenso wie mich, in die „Natur“ - mehr will aber nicht verraten sein. Eine clevere Idee, denn es lockerte die Stimmung auf.

Damit kam auch die zweite Ich-Perspektive ins Spiel: Levi. Tätowiert, gepierct und geplagt von Zukunftsängsten wirkt er wie ein Standardbeispiel für einen Schüler an einem „Ort für kaputten Dinge“. Doch Levi ist so viel mehr und damit mein Lieblingscharakter. Auf keiner Seite kommt ihm eine Lüge über die Lippen, der Junge ist vom Grundsatz her ehrlich und einfühlsam. Ich finde es beispiellos wie Hannah und Levi zueinander finden:Zwei Puzzleteile unter Tausenden. Zwar war es eingangs ein wenig unbefriedigend nicht zu wissen, was sie zueinander zog, aber es wirkte absolut natürlich und außerdem gefiel es mir, dass Levi Hannah so nahm wie sie war.

Levi war schlussendlich der rote Faden und der Grund für meine Tränen. Er setzte unerbittlich die Informationen um Hannahs „Päckchen“ Stück für Stück zusammen. Ihr Funken wurde dadurch spürbar größer. Eine Hoffnung, die sie sich selbst nicht erlauben wollte. Ich habe sehr mitgefiebert und gehofft, dass sie ihre Mauern einreißen kann.

Doch nicht nur Hannahs Schicksal berührte mich tief, auch das der anderen Schüler von Sankt Anna, die ihr Päckchen zu tragen hatten und damit zurecht kommen müssen.

Zum Schluss stand die passende Botschaft, die sich jeder im Laufe seines Lebens zu Herzen nehmen sollte: Kaputte Dinge kann man nicht einfach reparieren oder so tun als wäre nie etwas passiert, doch man kann aus den alten Dingen Neues erschaffen und die Erinnerung daran bewahren.

 

Fazit:

Eine hochsensible Geschichte so tiefsinnig ohne schwer zu wirken, so berührend ohne dramatisch zu sein. Für Leser, die Gefühlen statt Worten den Vorzug geben.