Rezension

Heikle Mission

Reliquiae - Christoph Görg

Reliquiae
von Christoph Görg

Bewertet mit 5 Sternen

Niki Wolf, den es durch einen Sturz von der Burgmauer ins tiefste Mittelalter verschlagen hat, ist, statt in der Neuzeit aus seinem Koma aufzuwachen, zu seiner großen Liebe Engeltrud ins 12. Jahrhundert zurückgekehrt, um an ihrer Seite als frisch zum Ritter geschlagener Nikolaus von Dürnstein zu leben. Eines Tages werden die beiden und ihre Dürnsteiner Freunde Zeugen, wie ein Gesandter des Papstes über ihren Lehnsherren den Bannfluch ausspricht, weil dieser im Auftrag Herzog Leopolds den aus dem Kreuzzug heimkehrenden Richard Löwenherz auf seiner Burg festgesetzt hatte. Da Niki schon in der Vergangenheit durch kluge Ratschläge aufgefallen ist und bereits als Hellseher gehandelt wird, sei es, weil er ein kreativer Kopf ist, sei es, weil er in der Neuzeit im Geschichtsunterricht gut aufgepasst hat, bittet ihn der verbannte Ritter auch jetzt wieder um Hilfe. Schnell entsteht die Idee, nach einer seltenen Reliquie zu fahnden, um durch ein solches außergewöhnliches Geschenk den Papst versöhnlich zu stimmen. Herzog Leopold schickt Niki daraufhin mit einem kleinen Trupp treuer Freunde in geheimer Mission nach Konstantinopel. Die Reise dorthin ist anstrengend und gefahrvoll und die Stimmung unterwegs nicht immer optimal; schließlich reist auch Nikis persönlicher Erzfeind Hadmar mit. Schon bald allerdings sind die Rivalen gezwungen, zusammen zu arbeiten, ob sie wollen oder nicht, um es mit weit mächtigeren Feinden aufzunehmen. Und im Übrigen weckt ein kostbarer Schatz, sei er Reliquie oder nicht, auch in den großen Zentralen der Macht Begehrlichkeiten, die sich niemand in der kleinen Gemeinschaft auch nur annähernd vorstellen konnte.

Allein das Buch aufzuschlagen, ist wieder ein Hochgenuss. Der Goldegg-Verlag punktet wie gewohnt mit einer sehr schönen Ausstattung: Goldprägung auf dem Leinendeckel, filigrane Anfangslettern, ein makelloses Schriftbild. Da fallen die paar Druckfehler, die den Lektoren durchgegangen sind, nicht wirklich ins Gewicht. Und diesmal gibt es auch richtig feine Karten im Buchdeckel. Ein guter Anfang!

Den Prolog hat Christoph Görg mit einigen kurzen kursivgedruckten Einschüben über Reliquiengläubigkeit und Reliquienhandel im Mittelalter garniert. Das habe ich schon beim Vorgängerband ("Troubadour") geschätzt: die anfänglichen knappen, aber anschaulichen Erläuterungen historischer Zusammenhänge (manchmal waren sie ein bisschen flapsig, aber das passte irgendwie auch zur Geschichte). Auch diesmal ist die Verzahnung von Hintergrundwissen und Erzählung gut gelungen. Und nachdem der Autor die Challenge, nebenbei auch alle neuen und alten Leser auf den aktuellen Stand eines Fortsetzungsromans zu bringen, recht anständig bewältigt hat, hat er sich auch schon warmgeschrieben und kreiert wieder richtig schöne Dialoge.

Fürwahr, dieses temporeiche und spannende Schelmenstück ist in der Tat kein hundertprozentiger Mittelalterroman. Und obwohl ich sonst kein Freund von Denglisch bin, finde ich Nikis flapsige Gedankeneinwürfe, die die Historie ein wenig respektlos aufbrechen, herrlich schnoddrig und dabei irgendwie authentisch. Den mittelalterlichen Reliquienhype bringt Niki wunderbar auf den Punkt: "Die sind doch voll angesagt, ähm, beliebt zurzeit." Und solche flapsigen Sprüche sind nicht alles, was uns an augenzwinkernden Anleihen aus der Neuzeit begegnet. Christoph Görg hat Nikis Kommentare zum Geschehen gespickt mit Film- und anderen Zitaten, sei es aus Harry Potter, Star Trek oder Asterix (wahre Asterix-Fans werden sich mehr als einmal begeistert auf die Schenkel klopfen...), ganz besonders aber hat der "Herr der Ringe" es Niki Wolf angetan, und dass das zweite Kapitel "Die Gefährten" lautet, ist nicht etwa ein Zufall oder ein Plagiat, sondern ein liebevoll gewähltes programmatisches Zitat. Nicht zu vergessen, dass Niki, der talentierte Hobbygitarrist, sich längst Lautespielen beigebracht hat und die mittelalterlichen Gesellen mit österreichischen Popsongs zum Mitgrölen animiert. Man hat viel Spaß bei der Lektüre, wenn man sich ihn zu gönnen weiß. Wer nun allerdings nur einen flachen Klamauk erwartet, wird überrascht sein. Mitten im Roman zum Beispiel beweist der Autor Mut zum Abgrund und lässt seinen Protagonisten für eine Weile depressiv werden. Die Wahrnehmung all der barbarischen Brutalität, die um Niki herum geschieht und an der er letztendlich auch beteiligt ist, geht doch nicht ganz spurlos an ihm vorüber. Auch wenn er sich an den vermodernden Leichnam im Käfig vor Dürnstein inzwischen gewöhnt hat ... Aber Niki Wolf wäre nicht Niki Wolf, wenn er nicht die Flucht nach vorne antreten könnte, und die eine oder andere blutrünstige Szene endet in einem herzlichen befreienden Lachen des angespannten Lesers.

Reliquien sind in meinen Augen ein heikles und vor allem unappetitliches Thema. Ich flüchtete einmal mit meiner Mutter aus einer Kirche in Avignon, in deren Seitenschiff in einer Vitrine jede Menge Haarbüschel, Zähne und sonstige Überbleibsel heiliger Menschen ausgestellt waren. Heikel andererseits ist eine Erzählung immer, sobald sie Glaubensinhalte berührt und Gefühle zu verletzen droht. Christoph Görg geht es aber sehr geschickt an. Nachdem er uns im Prolog zunächst ziemlich schonungslos und durchaus schnoddrig mit einigen historischen Fakten konfrontierte, spart er zwar nicht mit drastischen Schilderungen, zeigt aber an den richtigen Stellen einen gewissen Respekt vor heiligen Dingen, so dass dieses Buch nur auf den ersten Blick "unfromm" wirkt. Auf den zweiten Blick ist es von einer feinen, unaufdringlichen Volksfrömmigkeit durchwoben, trotz der erotischen Note, die der Autor dankenswerterweise in diesem Band auf ein fast schon akzeptables Maß heruntergefahren hat.

Sicher ist, dass hier ein Autor schreibt, der Spaß an der Sache hat, voller Ideen steckt, nebenbei hervorragend recherchiert hat, der es versteht, von der ersten bis zur letzten Seite Spannung zu erzeugen, sich wunderbar in seine Figuren hineinzuversetzen und dabei immer auch an das Vergnügen seiner Leser zu denken. Und der, so munkelt man, ganz wild darauf ist, noch ein paar Fortsetzungsbände zu schreiben. Besser kann es ja nicht kommen.