Rezension

Historie und Märchen gleichzeitig: ein Leseschatz!

Pfaueninsel - Thomas Hettche

Pfaueninsel
von Thomas Hettche

Bewertet mit 5 Sternen

Kurzmeinung: Ein Leseschatz, der zu den Klassikern gerechnet werden muss. Jeder sollte ihn kennen.

Sechs Jahre nachdem Thomas Hettches Roman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand (2014) und leider nicht den Preis errang, der ihm wohl auch zugestanden hätte, doch Lutz Seilers Roman „Kruso“, ebenso stark und auch nicht unverdient, wurde wegen dessen stärkeren Zeitbezugs Sieger (Wendezeit), sechs Jahre danach also lese ich endlich „Pfaueninsel“. Was wäre mir für ein Schatz entgangen, wenn ich es nicht getan hätte! „Pfaueninsel“ ist ein Klassiker und muss unvergessen bleiben! 

 Auch Thomas Hettche hat sich wie Lutz Seiler, 2014, eines historischen Themas bedient. Er stellt uns das Leben vom Zwergenfräulein Maria Dorothea Strakon vor und ihres Bruders Christian, die beide als Kinder, vom König angeordnet, auf die Berlin vorgelagerte Pfaueninsel gebracht werden, um dort aufzuwachsen. Und um dem Auge des Hofes entzogen zu sein. 

Friedrich Wilhelm II (1744 bis 1797) und Friedrich Wilhelm III (1770 bis 1840) bestimmten maßgeblich das Leben der Zwergin und ihres Bruders, da die Herrscher die Pfaueninsel je nach Gusto einrichteten. Was der eine aufbaute, riß der andere ein. 

In dieses Setting setzt Thomas Hettche seine Protagonisten. In eine Gartenwelt. Unter Palmen und zwischen Pfauen.

Man ist verzaubert. Ist in einem Märchen gelandet, in einer Phantasiewelt. Doch gleichzeitig erlebt man die harte Wirklichkeit, in der Menschen und Tiere nur Spielzeuge der göttergleichen Herrschaften sind und strenge Hierarchien den „niederen“ Geschöpfen Wert und Menschlichkeit absprechen. Besonders die Tiere sind Ausgelieferte. (Daran hat sich leider bis heute wenig geändert). 

Erzählt wird aus der Perspektive der kleinwüchsigen Marie, die immerhin stolze achtzig Jahre alt wurde. Ihre Geschichte ist erfunden, doch es hat sie gegeben. Ihr Grabstein zeugte davon. Manchmal durchbricht Hettche seine Geschichte, fast unmerklich, mit wunderschönen philosopischen kleinen Betrachtungen. 

 Zitat: 

„Nie weiß man, welchem Anstoß sich welche Erinnerung verdankt, was woran sich bildet, die Träume am Leben oder unser Blick auf die Welt an dem, wovon wir nicht aufhören können zu träumen“. 

 

Diese Gedanken machen das Buch so kostbar. Das Reflexive über das Leben, die Zeit, die Pflanzen. Die Orte. Über die Dinge und die menschliche Natur. Wenn man es mag, dass der Autor auf diese Weise vor Ort ist und einen in all dem schrecklichen Geschehen an der Hand hält, in den vielfachen Wundern und dem Trauern und dem Staunen, ist dieser Roman einfach nur großartig. Die beste Literatur, die mir in der letzten Zeit untergekommen ist. 

Erzählt wird von der Gartenkunst und Gartenarchitektur des 19. Jahrhunderts, von der beginnenden Industrialisierung, von der Technik, dem Fortschritt und der Zerstörung. Bekannte Persönlichkeiten agieren vor dem Auge der Leserschaft. Peter Joseph Lenné (1789 bis 1866) zum Beispiel macht keine gute Figur und man hasst ihn. 

Fazit: Was für ein Erstaunen, dass ein zeitgenössischer Autor in der Lage ist so herrlich zu erzählen, der erzählten Zeit angepasst, melodiös, ruhig, mit Bedacht und dennoch modern. Ich habe jeden Satz geliebt. 

Mein persönliches Lesehighlight 2020. 

 

Kategorie: Anspruchsvolle Literatur. Historischer Roman.
Verlag: Kiepenheuer & Witsch, 2014

Kommentare

Schokoloko28 kommentierte am 16. Mai 2020 um 07:43

Mir hat das Buch auch sehr gut gefallen, aber manchmal empfand ich es zu sperrig!

Emswashed kommentierte am 17. Mai 2020 um 10:48

Manchmal muss man wohl zweimal hinschauen. Den Namen Hettche sollte ich mir merken! :-)