Rezension

Ladies and Gentlemen, Punk ist tot - Lang lebe (Steam)punk!

Steam Noir. Das Kupferherz 01 - Felix Mertikat, Benjamin Schreuder

Steam Noir, Das Kupferherz. Bd.1
von Felix Mertikat Benjamin Schreuder

Zu Taschenuhren, poliertem Messing, futuristisch verwendeten Dampfmaschinen und viktorianischer Mode gesellt sich nun auch ein hochwertiger Comic zum Kanon des Steampunk, präziser gesagt sogar eine Comicreihe, welche mit dem vorliegenden Band „Das Kupferherz“ ihre Genesis erlebt.

Ladies and Gentlemen, Punk ist tot -
Lang lebe (Steam)punk!

Steampunk ist mehr als bloß eines unter vielen Genres, welche lieblos in Schubladen gesteckt werden, vielmehr ist es derzeit einer der kreativsten Strömungen, welche Kulturzweige nicht in Sparten aufteilt und trennt, sondern diese nahtlos verbindet.

Dabei wird gerne auch gegen den Strom geschwommen, bewusst möchte man sich von einer bloßen Modeerscheinung abheben, um nicht zu einem kurzlebigen Hype zu verkommen.

Steampunk hat sich über Jahrzehnte aus unzähligen Fragmenten entwickelt und kann daher einen stattlichen Stammbaum vorweisen, an dessen Anfang bekannte Namen wie u.a. Jules Verne oder auch H.G. Wells zu finden sind, Autoren, welche schon damals visionäre Ausblicke und die Verliebtheit in technische Wunderwerke des Maschinenzeitalters schilderten und beschrieben, angefangen von klobigen Maschinen, Teslaspulen bis hin zu filigran gearbeiteten Uhrwerken fernab vom einer schnörkellosen Plastikwelt Anno 2012.

Addiert man hierzu Einflüsse aus den Genres Science Fiction, Fantasy, Horror und Krimi, siedelt das Szenario in einer erstaunlichen, ungewöhnlichen Welt an, bekommt man eine grobe Vorstellung, auf was man sich als Leser bei „Steam Noir“ einlässt.

Die Autoren Felix Mertikat und Benjamin Schreuder, welche bereits mit ihrem 2010 erschienenen Debüt „Jakob“ verdient Aufmerksamkeit auf sich zogen, siedeln die Geschichte „Das Kupferherz“ in der fremden Welt Landsberg an, welche auf dem Rollenspiel „Opus Anima“ basiert.
Berührungsängste muss man aber bei fehlender Vorkenntnis nicht haben, denn es ist nicht notwendig, sich zuvor mit dem Spiel auseinandergesetzt zu haben:
Der im Albumformat erschienene Hardcoverband verfügt über einen Appendix, welcher zusätzliche Informationen zum besseren Verständnis einiger Hintergründe der Storyline liefert.

Die der Handlung zugrunde liegende Welt wirkt chaotisch und facettenreich, fasziniert jedoch den Leser genau dadurch bereits auf den ersten Seiten:
Landsberg ist ein ehemaliger Planet, welcher nach dessen Zerstörung in Bruchstücken durch den Äther treibt , welche durch ungewöhnliche Konstruktionen zusammengehalten und verbunden sind.
Die Überreste, genannt Schollen, sind von phantasievoll dargestellten Einwohnern besiedelt, Felix Mertikat setzt dies alles in detailreichen Zeichnungen und Panels in Szene.

Ein Kriminalfall, bei dem man entfernt an E.A. Poe erinnert wird, bildet die Ausgangssituation der Handlung:
Vor einigen Jahren wurde ein Mädchen in einem Kamin eingemauert, was eigentlich an sich schon in die Kategorie „bizarr“ fällt, allerdings wurde zudem noch die Leiche von einer wiedergekehrten Seele geraubt. Welch ungewöhnliche Entführung…

Mit der Ermittlung wird ein professionelles, wie sonderbares Trio betraut:
Bizarromant Heinrich Lerchenwald, Experte in Sachen Seelenverbrechen und übernatürlichen Phänomenen, der Maschinenmensch Herr Hirschmann und Frau D., welche aus kühler Distanz den Überblick über die bisweilen chaotischen Ereignisse behält.
Kurz nach Beginn der ersten Untersuchungen wird Herr Lerchenwald das erste mal mit dem Begriff und der Existenz des titelgebenden Kupferherz konfrontiert, welches sich angeblich in seinem Besitz befinden soll.

Als er nach diesem mysteriösen Ereignis eine Hand verliert und von einem Unbekannten ein technisches Meisterstück als Prothese erhält, drängen sich mehrere Fragen auf:
Wer ist der Gönner dieses einzigartigen Wunderwerks, was ist das Kupferherz und wie passt der entführte Mädchenkörper in den Kontext? Oder handelt es sich hier um eine zufällige Parallelhandlung?
Ich wurde zudem zunehmend neugierig, wie der vollständige Name der mysteriösen Frau D. lautet und verrate nicht zu viel, wenn ich in dem Zusammenhang auf einen spannenden Cliffhanger am Ende von Band 1 hinweise.

Insgesamt sind derzeit schon 3 von insgesamt 4 Bänden erschienen, das Finale (Band 4) erscheint voraussichtlich im September 2014.
Die Reihe „Steam Noir“ hat bereits schon für viel Aufsehen gesorgt und ist jetzt schon ein wichtiges und ernst zu nehmendes Fragment im Universum des Steampunk.

PS: Für genaue Beobachter der einzelnen Panels offenbart sich ein Cameo-Auftritt:
Die Figur "Jakob" ist im Kupferherz ebenfalls noch einmal zu erblicken.
Wer entdeckt ihn?