Rezension

Mythologie und Aberglaube.

Der Vogelgott
von Susanne Röckel

Bewertet mit 3 Sternen

Eins der Bücher der Shortlist Deutscher Buchpreis 2018.

Der Roman „Der Vogelgott“ von Susanne Röckel landete 2018 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Und dieses Ränking ist verständlich. Trotz seines eigentlich kaum fassbaren Themas liest sich der Roman süffig. So groß ist die Erzählkraft der Autorin, dass man geneigt ist, ihr alles mögliche Abnorme abzunehmen und ein paar Schwächen des Romans bei seiner Einschätzung zu vernachlässigen.

Dass Röckel erzählen kann, spürt man besonders dem Prolog des Romans ab, der tagebuchartige Notizen von Konrad Weyde enthält, der Anno dunnemal in einem dünn besiedelten Tal, einen ornithologisch bemerkenswerten Greifvogel entdeckt, den er unbedingt präparieren will.

Dieser Prolog liegt geschichtlich weiter zurück als die eigentliche Story, die Jahre später seine Kinder, Theodor, Dora und Lorenz weitererzählen werden. Er ist wunderschön getragen und poetisch und trägt doch das Flair des Unheimlichen schon in sich, was sich im Laufe des Romans verdichten wird. Denn das Unheimliche, Magische, Mystische des Vogelgotts oder seiner Legende, ist die Thematik der Autorin. Aberglauben, Mythologie und Wahn, mit diesen Begriffen und deren Faszination auf den Menschen, spielt sie.

Leider darf sich der Leser ab dem eigentlichen Romanbeginn nicht länger im schönen anschaulichen Duktus des Prologs sonnen, sondern muss sich im Weiteren mit der viel nüchternen Sprache unserer Gegenwart zufriedengeben. Das enttäuscht.

Die Schwächen des Romans liegen in der Erklärungsnot der Autorin.  Man weiß nicht, was passiert ist, man weiß auch nicht, ob überhaupt etwas passiert ist. Die Autorin überlässt dem Leser die Interpretation des Geschehens. Ist alles, was geschieht, ein Fluch, der auf der Familie des Präparators liegt, weil er trotz des Verbots der Einheimischen den schönen und gefährlichen Vogel jagt und tötet?

Die Story verbirgt sich in vielen dunklen Andeutungen, in dunklen Motiven, die sich wiederholen. Namen in Anagrammen. Ein übler Geruch. Unbestimmte Angstzustände. Vorherbestimmungen.

Ohne Zweifel hat Konrad Weyde etwas erlebt, was ihn ängstigt und sein Leben und Wesen veränderte. Aber was das ist, weiß man nicht. Wenn man aber ein Buch erraten muss, stimmt etwas nicht. Oder es ist Kunst. Das liegt im Auge des Betrachters.

Die Kinder Theodor, Dora und Lorenz erleben jeder für sich eine Auswirkung dieses Fluchs, Mythos oder Aberglaubens. Dora gerät im Verlaufe ihrer Forschungsarbeiten über ein Marienbild in eine wahnhafte und lähmende Starre und Besessenheit, die ihre Ehe zerstört, Theodor begegnet im Ausland einem fremden Kult, den er nicht einordnen kann, der ihn verstört und in die Klapse bringt und Lorenz jagt als Journalist einer obskuren Verschwörung nach. Auch seine Ehe scheitert an der Besessenheit für die Legende des Vogelgotts.

Sämtliche Beteiligten erleben ausserkörperliche existentielle Zustände. Sind es Träume. Wahnvorstellungen. Handelt es sich einfach um eine vererbte Geisteskrankheit? All diese Fragen gilt es als Leser zu bewältigen. Dabei gibt es einige Hilfestellungen durch die Autorin, aber das Licht, das sie gewährt, bleibt, mit voller Absicht natürlich, genau so grau und voller Unschärfe wie in ihrem Roman.

Manchmal macht es sich die Autorin zu einfach. Sobald einer der Protagonisten sich merkwürdig benimmt und etwas Seltsames sagt, meint er, ich weiß auch nicht, warum ich das gerade gesagt habe oder getan habe. Das ist dann doch zu dünn für meinen Geschmack.

Ich las bisher von der Longlist/Shortlist des Deutschen Buchpreises „Sechs Koffer“ von Maxim Biller, „Hysteria“ von Eckhart Nickel, „Wie hoch die Wasser steigen“ von Anja Kampmann und nun „Der Vogelgott“ von Susanne Röckel. Sprachlich steht Susanne Röckel ganz oben auf dem Sockel. Doch insgesamt hat mich bisher Anja Kampmann am meisten überzeugt. Deren Sprache ist viel schwerer, ihr Roman ist anstrengend, aber er hat eine handfeste Aussage, die Trauer eines Mannes, der es nicht gewohnt ist, Gefühle in Worte zu fassen. "Der Vogelgott" fällt auf jeden Fall aus dem Rahmen. Er ist das ganz andere. Er profitiert davon, dass der angeblich so moderne und aufgeklärte Mensch/Leser jeden Mist glaubt, wenn er nur überzeugend genug aufgetischt wird, weil er sich eben doch nach dem Unerklärlichen, Mystischen sehnt.

Fazit: „Der Vogelgott“ ist ein herrlich geschriebenes Stück, in dem Aberglauben und Mythologie sich die Hand reichen, das sich liest wie geschmiert, das den sich auch heute wieder dem abstrusesten Aberglauben gerne hingebenden modernen Menschen aber ein wenig vorführt, me thinks.

Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
Verlag: Jung und Jung, 2018

Kommentare

Sursulapitschi kommentierte am 05. November 2018 um 17:20

Hm... lese ich es oder lese ich es nicht? 

FIRIEL kommentierte am 05. November 2018 um 19:29

Lies es! Und wenn du nichts damit anfangen kannst, brichst du es halt ab.

Wenn die Leserunde zu Ende ist, stelle ich gern mein Exemplar als Wanderbuch zur Verfügung.

yvy kommentierte am 12. November 2018 um 11:46

"Leider darf sich der Leser ab dem eigentlichen Romanbeginn nicht länger im schönen anschaulichen Duktus des Prologs sonnen, sondern muss sich im Weiteren mit der viel nüchternen Sprache unserer Gegenwart zufriedengeben. Das enttäuscht."

Wanda, das sitzt auf den Punkt!

Schöne Rezi insgesamt. Ich habe mich schwer getan und fürchte deshalb auch, ich bin nicht on point.