Rezension

Rasant, spannend, düster!

Phantasmen - Kai Meyer

Phantasmen
von Kai Meyer

Bewertet mit 4 Sternen

Der Einstieg ist schön gestaltet, man findet schnell in die Geschichte der beiden Schwestern rein, die mitten in der Spanischen Wüste die Geister ihrer Eltern besuchen wollen. Nach einem kurzen Rückblick zu Tag 0, der erklärt wann die Geister erschienen sind und was sie tun, gibt es einen rasanten Einstieg in die Geschehnisse

Ich habe von einigen gehört die besonders die Protragonistin Rain bemängeln. Bei mir ist das nicht der Fall. Ich habe sie nicht als nervig oder gekünzelt empfunden sondern als ein ganz normales Mädchen und genau das ist vielleicht das Problem das viele mit ihr haben. Sie ist nicht herausstechend in ihren Eigenschaften. Sie ist nicht herausragend intelligent oder herausragend mutig, sie ist keine typische Protagonistin, denn wenn Mädchen die Hauptrolle in eine Roman spielen sind sie meistens sehr taff, stark und haben eine vorlaute Klappe. Mit alledem kann Rain nicht dienen. Aber genau das war es, was ich an ihr so mochte und was dieser phantastischen Geschichte eine Hauch von Realismus verleiht und dafür schätze ich "die ganz normale Rain" (zumindest den Umständen entsprechend).
Ihre kleine Schwester ist dafür weniger normal. Emotionen hat sie fast nicht, sie sieht die ganze Welt mit sehr nüchternen Augen und manchmal ein wenig naiv, sie denkt anders als andere. Bei seiner Lesung, die ich in Köln besucht habe sagte Kai Meyer, er hätte Emma mit Anlehnung an Menschen mit Asperger Syndrom konstruiert, das wird zwar an keiner Stelle erwähnt aber es gibt einem einen recht guten Eindruck von dem intelligenten Mädchen, welches offen über alles spricht, was es denkt.
Wer allgemein tiefgründige Charaktere und ausgearbeitete Entwicklungen sucht ist hier nicht richtig, denn auch wenn die Charaktere sympathisch sind ist die Handlung einfach zu schnell als das diese zustande kommen könnte. Das tut der Geschichte aber keinen Abbruch

Wenn ich die Handlung mit drei Wörtern beschreiben müsste dann würde ich sagen: Düster, Rasant und Spannend. Düster, denn wir befinden sich in einem Szenarium der Apokalypse und von Beginn bis zum Ende des Buches nimmt der Verfall der Welt wie wir sie kennen immer mehr zu, ich denke, dass es sich bei Phantasmen um das dunkelste von Kai Meyers Büchern handelt.
Rasant, weil die Geschichte sich nicht lange mit unnötigen Szenen aufhält. Man hat das Gefühl, dass jeder einzelne Satz die Handlung vorantreibt. Längen sind hier ein Fremdwort. Hand in Hand mit diesem rasanten Ablauf der Geschehnisse findet man die Spannung. Wer etwas ruhiges, besinnliches mit Friede-Freude-Eierkuchen-Gefühl sucht ist hier wohl nicht gut aufgehoben.

Ich möchte nicht zu viel über den Schluss sagen, nur: Es ist kein klassisches Happy-End. Wer darauf wartet sollte gar nicht erst zu dem Buch greifen. Mich stört das aber nicht. ich finde das Ende sogar sehr passend zur gesamten Stimmung gestaltet. Etwas anderes hätte auch einfach nicht hierzu gepasst.

Dieses Buch ist seit langer Zeit eines der wenigen Bücher, die der Autor aus der Ich-Perspektive erzählt, Und dann auch noch als Mädchen! Dieses Experiment ist voll gelungen. Kai Meyers Schreibstil war und ist einfach großartig. Nicht das gewöhnliche Platte Fantasy-Gequatsche, keine blumigen Umschreibungen aber genauso wenig würde ich seinen Stil als einfach beschreiben. Jeder Satz scheint kalkuliert und ausgearbeitet, ist angenehm zu lesen und dennoch finde ich, dass der Begriff "Wortkünstler" zu ihm passt. Mit Recht ist er einer der großen deutschen Autoren!

Phantasmen in drei Worten bedeutet: Rasant, Spannend und Düster. Ich mochte die Protagonistin Rain, die ganz anders ist als die typische Buchheldin, einfach normal. Das Weltuntergangsszenario wurde von Kai Meyer gut und sehr ideenreich umgesetzt. Sein Schreibstil ist seit jeher einzigartig, sehr klar, gut zu lesen und trotzdem nicht "platt".
Ich bin froh dieses Buch gelesen zu haben und fühle mich in Kai Meyer als einem meiner Lieblingsautoren bestätigt. Ich habe bis jetzt noch kein Buch von ihm gelesen welches mir nicht gefallen hat. Dennoch sehe ich Phantasmen nicht als mein Lieblingsbuch von ihm.
 Von mir gibt es 4 von 5 Sterne für diese apokalyptische Geistergeschichte.