Rezension

Schulzeit mit Asperger

Mein Leben als Sonntagskind
von Judith Visser

Bewertet mit 3 Sternen

Schon gut. Aber zu viele Seiten Schule.

Jasmijn ist neunzehn, als man das Aspergersyndrom bei ihr diagnostiziert. Diese Anomalie bestimmte und bestimmt ihr Leben. Eigentlich wollte sie eine Hundeausführeragentur gründen, aber sie kann den Führerschein nicht machen: die vielen Einzelheiten des Verkehrs zu einem einzigen Bild zusammenzufügen, vermag sie nicht.

Zusammen mit einem weiteren Schicksalsschlag, der nichts mit ihrer „Krankheit“ zu tun hat, muss sie sogar um ihre Mobilität fürchten, sie, der Freiheit und Unabhängigkeit über alles gehen. Was soll sie einmal machen im Leben?

Das Leben mit Asperger hat die Familie von Jasmijn und natürlich sie selbst sehr gefordert. Durch die einzige Zeitangabe, die man im Buch findet, Kurt Cobain stirbt, datiert man das Buch in die 90er des zwanzigsten Jahrhunderts. Man weiß also schon um psychische Krankheiten, ist aber natürlich noch nicht so weit in der Medizin wie heute.

Irgendwie kommt Jasmijm trotz ausgeprägtem Handycap immer zurecht. Sie entwickelt ihre eigenen Methoden, um klarzukommen. Allerdings bezahlt sie einen höheren Preis dafür als andere Menschen. Ihre Eltern gehen liebevoll auf ihre Eigenheiten ein und unterstützen sie, so gut sie können, doch niemals kommt jemand auf die Idee, einen Arzt zu konsultieren. Das ist ein Punkt, den man schwer nachvollziehen kann. Denn Jasmijn ist und bleibt verhal-tensauffällig und wir schreiben immerhin schon die 90er. Andere Menschen sind nicht so verständnisvoll wie ihre Eltern. Auch Pädagogen scheinen nicht geschult genug zu sein, um zu erkennen, dass etwas Grundlegendes anders ist.

Der Roman beschreibt Jasmijns Leben, das Leben mit Asperger sehr anschaulich. Netter Stil. Es ist ein schöner Roman. Man wird mit hineingenommen und leidet mit, aber Jasmijn ist kein Weichei und zudem schlau, dieser Roman zieht deshalb nicht herunter, sondern weckt Verständnis.

Allerdings behandelt er auf mehreren hundert Seiten vor allem Schule, Schule und wieder Schule, dann erste Liebe, Praktikum, etc. pp. Also alles, was einen Teenager so bewegt und angeht. Deshalb ist „Mein Leben als Sonntagskind“ auch in erster Linie dem Genre Jugendroman zuzurechnen und ist für Oldies but Goldies nur eingeschränkt zu empfehlen. Dreihundert Seiten weniger Details aus der Schule und man hätte den Roman höher bewerten können.

Fazit: Sehr hübsch und anrührendes Buch über eine Aspergerjugend. Witzig teilweise, nicht larmoyant. Hätte jedoch um die Hälfte gekürzt werden müssen.

Kategorie: Roman. Lebensbild
Verlag: Haper Collins, 2019

Kommentare

Sursulapitschi kommentierte am 11. Mai 2019 um 21:21

Und bevor sie 19 war, hatte sie es nicht oder hat sie erst dann die Diagnose bekommen? Kann man das später auch noch bekommen? Ich dachte, man hat es oder man hat es nicht. 

wandagreen kommentierte am 15. Mai 2019 um 21:17

Sie hatte es von Anfang an, galt eben aber als "komisch" und "schwierig", weil keiner wusste, dass sie eine Krankheit hatte.